Archiv: Dandy mit Hochwasser

Revolutionäre Modeentwürfe brachten dem New Yorker Designer Thom Browne den Oscar der Modebranche ein. Sein Look: höchst individuell und unfassbar chic. 

Wie Engel schwebten die männlichen Models über das Eis. Sie trugen Cashmere-Mäntel zu Shorts in Winterweiß, Fliege, Pudelmütze und Schlittschuhe. Als der amerikanische Modemacher Thom Browne bei der New YorkerFashion Week seine Herbst- und Winterkollektion vorführte, verwandelte er eine Galerie im Kreativdistrikt von Hell´s Kitchen in einen Eisring. Statt betonte Männlichkeit zur Schau zu stellen, nahm der Designer den Modezirkus mit Humor. Einige seiner Models kamen mit Sockenhaltern und Ringelstrümpfen oder in Pelz-Stola in Kombination mit langen weißen Unterhosen daher. 

Es waren nicht nur seine neuen Kreationen, die Browne auf dem eisigen Laufsteg präsentierte. Was da defilierte, war im Grunde sein Männer-Ideal, der moderne Dandy: selbstbewusste Typen, die Eleganz ausstrahlen und ein sicheres Stilbewusstsein mitbringen, Männer, an denen Diktate der Konvention glatt abprallen; Gentlemen mit Manieren, die elegante Kleidung ebenso schätzen wie gepflegtes Amüsement. 

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„Stil kann man nicht erlernen“, sagt Browne, der seinen Idealtyp selbst verkörpert. In Jeans und T-Shirt wird man den gefeierten Designer nie antreffen. Seit Jahren geht Browne nur im Anzug. Um das strenge Äußere etwas aufzulockern, trägt er das obligatorische weiße Oberhemd stets ungebügelt. Die gestreifte Hose aus dem eigenen Hause hat einen hohen Bund, der beinahe bis zur Brust reicht und steht auf Hochwasser. 

Die Outfits des Modemachers sind ein extravaganter Mix: Sie erinnern an James-Bond-Filme mit Sean Connery, an englischen Landadel und an Rockmusiker, die sich mit Klamotten aus dem Secondhand-Laden für den Bühnenauftritt herausputzen. „Ich will provozieren“, sagt der 40-Jährige, „ich möchte der Männerwelt zeigen, dass es noch etwas anderes gibt als Poloshirts, Khakis und Mittelmäßigkeit.“ Ob seiner radikalen Konzepte und Entwürfe proklamierte ihn das US-Magazin „Esquire“ zum „meist diskutierten Mode-Newcomer“ und zum „Wunderkind in der Welt der Maßanzüge“. 

Karl Lagerfeld, der Senior Statesman der Modewelt, zählt zu seinen Fans. Für das Nachrichtenmagazin „Newsweek“ ist Thom Browne schlicht „ultracool“. Und Kate Betts, eine der führenden amerikanischen Modejournalistinnen, nennt Browne respektvoll „New Yorks einflussreichsten Schneider“. Ein Anzug aus seiner Fertigung kostet bis zu 4800 Dollar. Bislang sind Brownes Kollektionen nur bei exklusiven Adressen wie Colette in Paris, Barneys New York und The Corner in Berlin zu haben. 

Der New Yorker Designer knöpft sich die Klassiker der Herrenmode vor, deren Konzepte er verfremdet, körperbetont und mit Stilelementen aus den Fünfziger- und Sechzigerjahren nostalgisch verfeinert. Weil Browne mit ungewöhnlichen Details überrascht, kann selbst ein grauer Anzug originell wirken: Die Hosen haben Knieschützer. Den Ärmel des Nadelstreifenjacketts ziert ein Aufnäher aus einem Skiresort. Das Seidenfutter einer Smokingjacke ist kunstvoll in Falten gelegt. 

Dabei bleibt Thom Browne, der weder Design studierte noch je die Schneiderei erlernte, dem traditionellen Handwerk treu. Seine Kollektionen werden von italienischen Schneidern in Long Island City gefertigt. Er verwendet edelste Materialien und legt Wert auf beste Verarbeitung. Als Handschrift des Modemachers gilt, dass all seine Kleidungsstücke ein wenig zu eng und zu kurz wirken, wie zu heiß gewaschen. Diesen unverwechselbaren Look hatte er ursprünglich für sich selber kreiert, lang bevor er je daran dachte, professionell Mode zu entwerfen. Seinen Erfolg hat der Designer nach eigener Einschätzung seiner Sturheit zu verdanken, „dem Bedürfnis, unangepasst meine Individualität zu leben”. 

So lange er zurückdenken kann, war Browne fasziniert von der kühlen Eleganz eines John F. Kennedy in seinen frühen Jahren. Damals sei er es als junger Mann irgendwann leid geworden, nirgendwo Kleidung nach seinem Geschmack zu finden. Zunächst kaufte er Anzüge aus dem Secondhand-Laden, die er sich knalleng nähte. Bis dahin hatte der Designer für Armani und Ralph Lauren gearbeitet. Schon damals gefiel sich der Exzentriker unter den Modedesignern in Armani-Jacketts, die er nach eigenem Bekenntnis „absichtlich zu klein kaufte und sie nachträglich noch enger machte“. 

Ein Jahr dauerte es, bis der Perfektionist sein erstes Jackett nach eigenen Vorstellungen gefertigt hatte. Die vintage-inspirierten Anzüge führte er in seiner Freizeit vor und bekam auf diese Weise seit 2002 erste Privatkunden. Schließlich mietete Browne ein Atelier im angesagten New Yorker Meatpacking District. Demnächst zieht er mit seinem Designstudio in schickere Räume ins Tribeca-Viertel von Lower Manhattan um. Seit drei Jahren präsentiert Browne eine halbjährliche Ready-to-wear-Kollektion. Eine rasante Karriere. In diesem Jahr wurde der bekennende Autodidakt schließlich vom Council of Fashion Designers of America als „Menswear Designer of the Year“, bester Herrenmodeschöpfer, ausgezeichnet. In Modekreisen genießt dieser Preis ähnlich hohen Prestigewert wie der Oscar in Hollywood. In näherer Zukunft plant der Newcomer, seine elegant verspielte Mode auch für Frauen auf den Markt zu bringen. 

„Meine neue Kollektion sieht exakt so aus, wie ich es wollte“, freut sich Browne. Seine größte Inspiration ist ein älterer Herr, der in seinen Fünfzigerjahre-Anzügen jeden Tag die Lexington Avenue entlangflaniert und dabei „unfassbar gut aussieht”. Zu Brownes Lieblingsstücken gehört ein durch und durch mit Perlen besetzter Zweiteiler – eine aufwendige Arbeit, die seine Schneider Nerven kostete. Kompromisse kennt Browne nicht. „In meiner Kindheit habe ich gelernt, zielgerichtet und diszipliniert zu sein.“ 

Der Designer wuchs als eines von sieben Kindern in Pennsylvania auf. Die Geschwister wurden stets zu Höchstleistungen angehalten. In seiner College-Zeit etwa steckte Browne seine ganze Energie jahrelang bis zur physischen Erschöpfung in den Sport. Täglich trainierte er sieben Stunden lang als Schwimmer. Während seine Geschwister Karrieren als Anwälte oder Ärzte machten, zog er nach Los Angeles, um sich als Schauspieler zu versuchen. Browne, ganz Realist, setzte sich selbst eine Frist. Doch dann stellte er fest, dass er in Hollywood nur einer von unzähligen attraktiven jungen Männern mit großen Ambitionen war. Nach vier Jahren gab er seine Pläne auf, zog nach New York und landete mehr durch Zufall in der Modebranche. „Jahrelang war ich das schwarze Schaf der Familie“, erzählt Browne. Sein Vater, ein Anwalt, hat immer noch nicht so recht begriffen, womit sein Sohn so erfolgreich ist. „Auf jeden Fall macht er sich inzwischen keine Sorgen mehr um mich.“ 

Die Zeit ist reif für eine neue Männermode, findet der Designer. „Mir geht es darum, etwas Besonderes zu wagen.“ Statt sein Ego weiter auszuleben, möchte er sein Wissen an junge Talente weitergeben. Seinem Stil will er treu bleiben. Irgendwann dürften sich die Menschen auch daran gewöhnt haben, dass der Erfolgsdesigner zur Hochwasserhose und edlem Schuhwerk am liebsten ohne Socken herumläuft. Browne stoisch: „Individualität ist für viele Gewöhnungssache.“ 

Claudia Bodin 

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