Archiv: Dankbare Blicke

Beim Schrauben an Uhrwerken werden aus gestandenen Uhrensammlern auf einmal wieder kleine Jungs 

Pit Schumacher sieht mit seiner Sonnenbrille im gegelten Haar entspannt aus. Dann flucht er. Die blaue Schraube ist aus der Pinzette geflutscht und für immer in den Scharten des Parketts verschwunden. „Ich war fast fertig“, schimpft er. Die Lupe vorm Auge, fummelt Schumacher einen neuen Winzling mühselig in das Gewinde. „Mit der Lupe weiß man nie, wie nah man rangehen soll“, klagt er. 

Trotz des kleinen Misserfolgs erfüllt sich für den Tüftler ein Traum. Der Uhrenfan mit 15 Preziosen in der heimischen Sammlung darf einmal selber Uhrmacher spielen mit echtem Kittel, echter Werkbank, echter Lupe und – am allerwichtigsten – einem teuren Uhrwerk, das nur Leichtsinnige daheim am Küchentisch ausbauen würden. In der Masterclass der Manufaktur Jaeger-LeCoultre sollen die Juwelierkunden aus einem Uhrwerk mehr als ein Dutzend Kleinteile einmal aus- und anschließend wieder hineinbauen. Bauteile, von denen das kleinste kaum größer ist als der Punkt am Ende dieses Satzes. An drei Tagen luden Juweliere wie Wempe und Uhren Blome aus Düsseldorf zum ersten deutschen Workshop Uhrenfans ein. Nach einer Theoriestunde geht es los. Sechs Uhrwerke Typ Kaliber 875 haben die Uhrmacher Sylvain Golay und Simon Lauper an die Eleven verteilt. 

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Golay erläutert die erste Sektion. Lupe, Pinzette und Schraubendreher sind alles, was die Novizen benötigen. Die Gruppe umringt den Uhrmachertisch wie Fans zur Autogrammstunde. Golay dreht eine Pinzette zwischen Daumen und Zeigefinger. „Wie er das macht. Die Schraube fliegt nicht weg“, staunt Hans-Jürgen Becker. Was bei Golay wie ein Kinderpuzzle aussieht, entpuppt sich als Geduldsspiel. „Die Dinger sind so klein“, murmelt einer in die Stille der Tüftler. Golay und Lauper schrauben auf, überprüfen den Zusammenbau und korrigieren Fehler. 

Schumacher braucht einen zweiten Anlauf beim Zusammenschrauben. Dann aber scheint alles in Ordnung. Das Lob des Meisters der Uhrwerke bei Jaeger-LeCoultre, Sylvain Golay, nimmt Schumacher mit dankbaren Blicken entgegen. „Ziehen Sie die Uhr nur leicht auf“, sagt Golay, „ganz wie bei einem Ikea-Regal.“ Schumacher greift das Uhrwerk, dreht mit aller Vorsicht an der Krone. Die Unruh dreht, die Uhr tickt. 

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