„Dann ist es aus“

Archiv: „Dann ist es aus“

ABB-Chef Fred Kindle über die Herausforderung China. 

Herr Kindle, Sie haben jüngst das Hauptquartier Ihrer Roboter-sparte von Detroit nach Shanghai verlagert. Warum? 

Wir entwickeln uns damit in derselben Richtung wie die Weltwirtschaft. Wir wachsen in China mit 20 Prozent. 

Anzeige

Wann verlegen Sie die Konzernzentrale von Zürich nach Shanghai? 

Wir bleiben mit unserer Konzernzentrale in Zürich. Der Standort Europa ist für uns unverzichtbar. Aber wir können vor den Entwicklungen in Europa auch nicht die Augen verschließen. Der alte Kontinent ist in einem Maß in die Defensive geraten, wie ich das vor einigen Jahren noch nicht für möglich gehalten hätte. Wenn man in Shanghai war und dann wieder nach Zürich zurückfliegt, schlägt einem schon beim Verlassen des Flugzeugs eine gedrückte und abwehrende Stimmung entgegen, während in Asien allerorts Zuversicht und Aufbruch spürbar ist. 

Und das ist nicht nur in Zürich so? 

Nein. Das spüren Sie in ganz Europa: ein bleierner Zustand, der über viele Jahre entstanden ist und deswegen auch nicht von heute auf morgen wieder verschwinden wird. Die Europäer bauen Abwehrreaktionen gegen die Konkurrenz aus Asien auf. Sie wollen der Herausforderung nicht ins Auge schauen. Sie wollen nur sichern, was sie haben. 

Ist das nicht verständlich? 

Das ist menschlich verständlich, aber sehr kurzfristig gedacht. Denn je schneller und offener wir die Probleme ansprechen und uns ihnen stellen, desto größer ist unser Spielraum. Doch Politik und Wähler haben sich an sanfte Korrekturen gewöhnt. Das reicht heute nicht mehr; dazu ist es bereits zu spät. Außerdem hat sich bei uns über die Jahre ein Mangel an Eigenverantwortung eingeschlichen. Dadurch erwarten jetzt alle wie selbstverständlich, dass der Staat es schon wieder richten wird – und zwar ohne dass es wehtut. 

Kann Europa das überhaupt noch korrigieren? 

Davon bin ich überzeugt. Die Frage ist nur, wie lange es dauert. Und in dieser Hinsicht bin ich sehr skeptisch. Der Leidensweg, den wir durchlaufen müssen, wird damit immer länger. Ich fürchte, dass wir eine Phase des Protektionismus bekommen. Europa und Amerika werden versuchen, ihre Märkte gegen Produkte aus China abzuschotten. Das wird allerdings schwierig, denn ein Großteil der chinesischen Exportprodukte wird von ausländisch-chinesischen Gemeinschaftsunternehmen hergestellt. Außerdem werden wir dann bald merken, dass die Spirale nach unten sich noch verstärkt. Denn Europa ist auf die billigen Produkte aus Asien angewiesen, um den Lebensstandard bei sinkender Kaufkraft zu halten. 

Was heißt das für Unternehmen wie ABB? 

Wir müssen uns zweimal überlegen, wo wir investieren. Wenn man früher von Investitionsrisiken gesprochen hat, dann hatte man vor allem exotische Länder im Blick. Heute ist das genau umkehrt: Die Risiken habe ich in Europa und nicht mehr in China. Entsprechend muss ich kalkulieren. Aber wir wollen, dass Europa funktioniert, weil dort unsere Wurzeln sind. Wir tragen zum Beispiel dazu bei, dass Europa in der Forschung und Entwicklung vorne bleibt. Wenn wir da unseren Vorsprung auch noch verlieren, ist es aus. 

Wie wollen Sie das schaffen? Allein in Shanghai werden jedes Jahr mehr Ingenieure ausgebildet als in Deutschland. Viele von ihnen sind genauso gut. Auch ABB hat schon Forschungszentren in Asien. 

Es ist nicht die Frage, ob wir Europäer wollen oder können. Wir müssen das ganz einfach schaffen. Und entsprechend muss das Geld, das der Staat noch zur Verfügung hat, in Europa verteilt werden. Es geht nicht um Alimentieren, sondern um Investieren. Ich möchte meinen Kindern ein Europa übergeben, das wettbewerbsfähig ist. 

China ist seht geschickt darin, uns unsere Hochtechnologie abzuluchsen. Und dagegen lässt sich wenig machen. 

Ja, wir sind gezwungen, Technologie in einem größeren Maße nach China zu transferieren, als wir das normalerweise tun würden. Das hat mit der Größe und der Dynamik des Marktes zu tun. Wir wollen dabei sein. Das wissen die Chinesen. Die Regierung in Peking tritt in der Frage des Technologietransfers mit einer Vehemenz und Hartnäckigkeit auf, die weltweit einmalig ist. Wir müssen täglich entscheiden, wo die rote Linie ist. Und dabei ist eines sicher, einfacher wird es für die westlichen Konzerne nicht. Aber wir glauben, das kontrollieren zu können. Noch haben wir in allen Gemeinschaftsunternehmen die Mehrheit. 

Was machen Sie, wenn sich das ändert? Heißt es dann, verkaufen und den Markt verlassen? 

Zunächst müssen wir dann darüber nachdenken, bestimmte Technologiesegmente nicht mehr anzubieten. Aber das muss man im Einzelfall entscheiden und sich zum Beispiel die Frage stellen, ob der chinesische Partner mit der Technologie dann im europäischen oder amerikanischen Markt antritt. Sicher ist schon jetzt: In fünf Jahren wird unsere größte Konkurrenz aus China kommen. 

Anzeige

Twitter

Facebook

Google+

Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%