Archiv: Der goldene Schnitt

Operation Schönheit: Zum gesellschaftlichen Ansehen gehört heute mehr denn je das Aussehen. Ästhetische Chirurgie erlebt einen ungeahnten Boom, von dem Spezialisten, aber auch Scharlatane profitieren. 

Zurück in die Zukunft. Anne Moran, 55, wollte ihr Gesicht wiederhaben, das „alte“ bewährte aus Bestformzeiten. Sie ließ es sich samt Hals liften. „Den Luxus habe ich mir gegönnt“, sagt die Münchner Unternehmerin. Um 8000 Euro ärmer und vier Jahre sowie eine zusätzliche Oberarmstraffung später hat sie ihre „verlorene Identität“ wieder. Sie sieht nach eigenem Bekunden so aus, wie sie sich fühlt – „toll“. 

Eine gewisse Unruhe vor der Operation, zwei Nächte Schmerzen danach und die Geduldsprobe, bis die blauen Flecke und Schwellungen, die der Eingriff verursacht, abgeklungen waren – gar nichts im Vergleich zum Resultat. „Meine Altersfalten, wo waren die eigentlich?“ Sie kann sich nicht mehr erinnern. „Ich bekomme nur Komplimente.“ 

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Den „Luxus“, die nachlassende Optik der gefühlten innerlichen Dynamik anzugleichen, leisten sich immer mehr Frauen und Männer der Best-Age-Generation. Ästhetische Maßnahmen, wie die Verjüngungskünste zwischen Spritze und Skalpell im Fachjargon heißen, haben Hochkonjunktur. Nicht verwunderlich. Nie zuvor war es so einfach, Falten und Jahresringe auszutricksen. Eigenfett, Kollagen und Hyaluronsäure frischen gegen erste Zeitzeichen den Teint auf. Reichen die Injektionen nicht mehr, die Schönheitsprofis in bester Petit-Point-Stichelei punktgenau zur Unterpolsterung applizieren, setzt Botox die Muskeln matt und bekommt das Antlitz per Dermabrasion einen neuen Schliff. Ist auch diese Wirkung ausgereizt, greifen einschneidende Maßnahmen zielgerichtet an den Schwachstellen. Alles ist machbar (siehe Kasten). Schönheitschirurgen rücken Halbglatze, Schlupflid, Schiefnase, Hängebacken, Schlabberkinn, Truthahnhals, Hängebusen, Hüft-, Bauch- und Reithosenspeck zu Leibe, um Gesicht und Körper zu alter, neuer oder nie gekannter Ansehnlichkeit zu verhelfen. 

Minderwertigkeitskomlexe ade. Dr. Woffles Wu, Schönheitschirurg in Singapur, dessen Adresse unter den schönheitsversessenen Menschen in Hollywood weitergereicht wird, beschreibt sein Metier in einem Fragenkatalog für das Buch „Schönheitschirurgie“ so: „In gewisser Weise praktizieren wir Psychiatrie mit dem Messer.“ 

Verbesserte Operationstechniken, kleinere Narben und kürzere Rekonvaleszenzzeiten einerseits sowie eine immer älter werdende Gesellschaft, die sich wehrt, körperliche Verschleißerscheinungen als gottgegeben zu akzeptieren, andererseits – beide Entwicklungen greifen wie die Zähne eines Reißverschlusses ineinander. 

Weltweit haben Aphrodites approbierte Jünger alle Hände voll zu tun. Die Ärzte der Vereinigung der DeutschenÄsthetisch-Plastischen Chirurgen (VDÄPC) etwa, die aus den vier Fachbereichen Rekonstruktions-, Hand-, Verbrennungs- und Ästhetische Chirurgie besteht, führten im Jahr 2004 rund 700 000 Eingriffe durch, davon allein 155 000 im Gesicht und 175 000 an der Brust. Ein Viertel aller Eingriffe erfolgte aus rein ästhetischen Gründen (siehe auch Kasten Seite 109). Damit liegt Deutschland bei den ästhetischen Eingriffen nach den USA, Mexiko, Brasilien, Japan und Spanien immerhin auf dem sechsten Platz. 

Spitzenreiter auf dem Jahrmarkt der Eitelkeiten sind die USA. Die Amerikanische Gesellschaft für Ästhetisch-Plastische Chirurgie (ASAPS) registrierte 2005 fast zwölf Millionen chirurgische und nichtchirurgische Eingriffe. Die Zahl der Operationen lag bei über zwei Millionen und hat sich somit seit Beginn der statistischen Aufzeichnungen im Jahr 1997 verdreifacht. 

Zwölf Uhr mittags, New York. Lunchtime. Wer in Manhattan auf sich hält, steht jetzt nicht im nächsten Deli Schlange. Er geht lieber zum Schönheitschirurgen, um die nächste Botox-Ration zu fassen. Heute wird der Muskel auf der Stirn lahmgelegt, der unermüdlich an der Zornesfalte arbeitet; beim nächsten Mal wird der Aktivist ausgeschaltet, der die Krähenfüße ums Auge schart. Das geht, ist der Doktor versiert, ruck, zuck in zehn Minuten. So bleibt vor der Rückkehr ins Büro Zeit genug, die geröteten Einstichstellen mit Make-up zu kaschieren. Vor allem aber, um einen neuen Termin zu buchen für den nächsten mittäglichen Shot zu rund 450 Dollar – fällig in spätestens drei Monaten, rechtzeitig bevor der Muskel aus dem künstlich induzierten Tiefschlaf erwacht. 

Der Jour fixe im Kalender hat Methode. Timing ist alles, will man heute Effizientes betreiben. Rechtzeitige Investitionen stabilisieren den eigenen ästhetischen „Marktwert“ – im Job und im Privatleben. So wundert es nicht, dass 41 Prozent aller Menschen, wie gerade eine globale Lifestyle-Studie über Konsumententrends des Marktforschungsinstitutes GfK in Nürnberg ergab, „ständig oder die meiste Zeit an ihre äußere Erscheinung denken“. 

Den Anfängen der Knitterfalten wehrt man am besten mit einer Substanz namens Botulinumtoxin (kurz: Botox). Das im Zweiten Weltkrieg vom britischen Geheimdienst entwickelten Bakteriengift wird nun – in therapeutischer Verdünnung – zivil zweckentfremdet: Es soll, zumindest vorübergehend, die Falten an Stirn, um Mund und Augen glätten. 

Die Botox-Spritze gilt als „Einstiegsdroge“ fürs gute Aussehen aus Doktorhand. 1,6 Millionen Behandlungen werden damit jedes Jahr weltweit durchgeführt, rund 100 000 sind es allein in Deutschland. Dr. Jean-Louis Sebagh, Schönheitschirurg mit Praxen in London und Paris, machte das Verfahren salonfähig. Der Franzose (von dem die streitlustige Naomi Campbell gerade 50 000 Pfund Schmerzensgeld abgreifen will, weil sie entgegen seiner Behauptung nicht zu seiner Klientel zählt) hat im menschlichen Antlitz einen „Alterskorridor“ ausgemacht. Die verräterischen Gesichtspartien reichen von den Schläfen über die Wangen, am Mund vorbei hinunter bis zu den Bäckchen. Die breiten Knitterschneisen bieten reichlich Raum für Injektionen. Und reichlich Betätigungsfelder für den zügig arbeitenden „Botox-Guru“, der im Schnitt 25 Frauen pro Tag behandelt. 

Die sprunghaft angestiegene Nachfrage nach temporärer Muskelstarre öffnet allerdings auch Tür und Tor für Dilettanten: Mangels Ausbildung und Routine arbeiten sie nicht immer linientreu und pieksen – oh, Pardon! – öfter mal daneben. Dann kann zuweilen ein hängendes Oberlid oder ein taubes Gefühl in der Lippe mit peinlichem Lispeln zurückbleiben. Die unerquicklichen Folgen solcher Ausrutscher währen – Botox bleibt Botox – ebenso lang wie der eigentlich gewünschte Effekt der Behandlung. Wahre Enthusiasten, zu denen auch Madonna und Meg Ryan gehören sollen, nehmen solche Risiken in Kauf. 

Doch wer an der Wall Street Hedgefonds-Manager im Genick hat, die noch keine 30 sind, der weiß, dass Botox als temporärer optischer Frischmacher im ewigen Konkurrenzkampf um Partner und Penunzen auf Dauer nicht ausreicht. 22 Prozent der Männer und 15 Prozent der Frauen, die sich 2004 per Skalpell in den USA verschönern ließen, taten diesen Schritt vor allem aus beruflichen Gründen – allen voran Juristen, Piloten und Manager in leitender Position. 

Besonders beliebt sind so genannte „Nip and tuck“-Arrangements, gleichsam Zwick-und-Zwack-Abonnements (um 5000 Dollar pro Jahr) , bei denen ein Doktor der Wahl im jährlichen Rhythmus an den neuralgischen Stellen je nach Bedarf mit Spritze, Laser oder einem kleinen Schnitt nachhilft. Am praktischsten findet das in den Ferien statt, dann lässt sich die auffällige neue Frische glaubhaft dem Bahamas-Urlaub zuschreiben. 

Zwölf Uhr mittags, München. Dr. Constance Neuhann-Lorenz macht lieber Mittagspause, anstatt Botox-Spritzen zu setzen. Von sogenannten Lunchtime-Treatments hält die Schönheitschirurgin wenig. „Auch vergleichsweise harmlose Eingriffe sind riskant, wenn sie auf die Schnelle gemacht werden“, warnt die 58-jährige Chirurgin, „der Sinn solcher Schnellschüsse liegt doch darin, die Hemmschwelle für die Schönheitschirurgie noch weiter herunterzudrücken.“ Das aber hält die engagierte Medizinerin für ausgesprochen kontraproduktiv. Sie ist Mitglied der „Koalition gegen den Schönheitswahn“, zu der sich Ärzte, Vertreter von Kirchen und Medien in Deutschland zusammengetan haben, um über die Gefahren von Schönheitsoperationen aufzuklären. „Unser Metier muss sich von seiner Lifestyle-Mentalität verabschieden“, sagt Neuhann-Lorenz, „man kann nicht große Busen verkaufen wie Cashmerepullis; wir haben unserenBeruf vielmehr erlernt, um solchen Patienten zu helfen, die wirklich unter ihrem Aussehen leiden.“ 

Als die Medizinerin 1991 ihre Praxis eröffnete, hatte sie in München gerade mal zehn Kollegen, die sich der Schönheitschirurgie verschrieben hatten. Heute gibt es an der Isar rund 300 Institute, die „Ästhetik“ verkaufen. „München ist das Brasilien Deutschlands“, sagt Neuhann-Lorenz. In dem südamerikanischen Land ist es – Katholizismus hin, Sünde her – nicht ungewöhnlich, schon 17-jährigen Mädchen die Brustoperation zum Geburtstag zu schenken. Das Streben nach perfekter Schönheit resultiert dort aus dem in der Bevölkerung tief verwurzelten Rassenunterschied zwischen Weißen und schwarzafrikanischen Einwanderern. Neuhann-Lorenz selbst hat in Rio de Janeiro an der Quelle moderner Schönheitschirurgie, bei Ivo Pitanguy, dem „Michelangelo“ der Branche, die Kniffe ihrer Kunst gelernt. Der mittlerweile 80-jährige Chirurg, der einst Niki Laudas Gesicht nach dessen schwerem Rennunfall wiederherstellte, steht nach eigenem Bekunden noch jeden Tag im Operationssaal. 

Im OP ist meist auch seine ehemalige Schülerin Neuhann-Lorenz anzutreffen. Seit 7.30 Uhr im Einsatz, hat sie an diesem Morgen in München schon Silikon, das in Thailand schlampig unterspritzt wurde, aus einem entstellten Gesicht extrahiert, einer jungen Frau die Brust und einem jungen Mann das Lid gestrafft, aber auch einem Patienten das Anlegen der nur in seiner Eigensicht vorhandenen Segelohren ausgeredet. Außerdem widmete sie sich der Nachkontrolle einer Liposuktion, die notwendig geworden war, um einen kräftigen Oberschenkel dem von Polio ausgezehrten des anderen Beines anzugleichen. 

Gut ein Fünftel ihrer Eingriffe seien medizinisch notwendig, um Kunstfehler von Kollegen nachzuoperieren, sagt die Medizinerin. Natürlich könne jedem einmal ein Fehler unterlaufen. Aber die meisten Korrekturen würden dort notwendig, wo das Skalpell zu Schnäppchenpreisen im Ausland angesetzt wurde. 

„Auf jeden plastischen Schönheitschirurgen mit verbriefter Fachausbildung kommen acht bis neun ohne Zertifikat“, beurteilt Daniel Morello, geprüfter Plastiker in New York und bis vor Kurzem Präsident von ASAPS, die Lage in den USA. Entsprechend hoch sei das Risiko, an einen Arzt zu geraten, der an einem Wochenende im Schnellkurs den rudimentären Umgang mit Laser und Saugkanüle „studiert“ hat. Selbsternannte Schönheitschirurgen gibt es da wie hier mehr als genug. Fest steht aber: Auch in Deutschland dürfen sich ausschließlich diejenigen Mediziner, die nachweislich eine sechsjährige Weiterbildung mit ästhetischem Schwerpunkt absolviert haben, auf ihrem Praxisschild als „Facharzt/Fachärztin für plastische und ästhetische Chirurgie“ bezeichnen. 

Gleichwohl wagen sich unter dem Begriff „Schön-heitschirurg“ oder „kosmetischer Chirurg“ heute längstsogar Zahnärzte, HNO-Ärzte und Gynäkologen forschauf fakultätsfremdes Terrain, um in den harten Zeiten der Gesundheitsreform an den satten Margen der Beauty-Medizin teilzuhaben. Denn da löhnt die Krankenkasse nur in den relativ seltenen Fällen einer klaren medizinischen Indikation. In den meisten Fällen aber locken für den Arzt private Zahlungen. 

Wer ist gut, wer nicht? Keiner ist in dieser Frage so versiert wie Wendy Lewis aus New York. Die clevere Amerikanerin hat 1997 eine Marktlücke erkannt und sich als „Knife guide“ selbstständig gemacht. Ihr Ziel sei es, meint die Mittvierzigerin, „den Stress zu lindern, die passende Prozedur und den richtigen Doktor zu finden“. Sie rühmt sich, in ihren Empfehlungen unbestechlich und vorurteilsfrei zu sein. Unbeirrbar schickt sie ihre meist betuchte Klientel auch schon mal um den halben Erdball, wenn sie glaubt, dass dort der richtige Fachmann für einen bestimmten Eingriff das Skalpell führt. Für solche Tipps kassiert sie pro Stunde 250 Dollar bei telefonischer, 350 Dollar bei persönlicher Beratung. Die VIP-Betreuung, bei der sie auch den Operationstermin und die Nachsorge organisiert, kostet ab 1000 Dollar. Längst schwebt die Blondine vier- bis fünfmal pro Jahr in London ein, um auch ihre europäischen Kunden in einer Suite des gediegenen Londoner Hotel Parkes fachgerecht zu instruieren. 

Für den Laien ist es tatsächlich problematisch, die Spreu vom Weizen zu trennen. Schwerer noch fällt es, den richtigen Chirurgen für die eigenen ästhetischen Belange zu finden. In den Kleinanzeigen der Zeitschriften und im Internet buhlen selbsternannte Koryphäen vollmundig um die Gunst der Kunden. Nicht selten, so Neuhann-Lorenz, böten Praxen hierzulande „mehr Auswahl an kosmetischen Eingriffen an, als es Eissorten in der Gelateria gibt“. Bei ihrer Eigenwerbung sind die Schönheitsbringer jedenfalls nicht zimperlich. Besonders beliebt sind Erfahrungsberichte von Patientinnen im Netz. „Hallo, ihr Lieben“, lockt da eine junge Dunkelhaarige auf der Web-Site eines Düsseldorfer Operateurs, „ich bin vorgestern operiert worden und hatte kaum Schmerzen“ – und wirft sich dabei in bester Playmate-Manier in die frischoperierte Brust. 

Am sichersten hilft immer noch der gesunde Menschenverstand, einen Missgriff zu vermeiden. Wer holt sich schon den Elektriker, um den Abfluss zu reparieren? Auch Schönheitschirurgie sei „in erster Linie ein Handwerk“, sagt Dr. Michael König. Der Facharzt, der in Köln mit seinem Kollegen Dr. Rainer Abel-Vallot seit zwölf Jahren eine Schönheitspraxis betreibt, bringt es auf den Punkt: „Brüste vom HNO-Arzt, das kann nichts werden.“ 

Drei Tage pro Woche operiert König. Er macht nie mehr als drei große Eingriffe pro Tag, „sonst werde ich unkonzentriert, und das darf nicht sein“. Die beiden restlichen Wochentage sind der Konsultation gewidmet. Rund 2000 Beratungsgespräche pro Jahr führen die beiden Mediziner mit potenziellen Patienten. „Schlimm sind die jungen Hühner“, sagt König, 40. Sie kämen mit dem Bild „irgendeiner aufgetakelten Hollywoodbraut“ im Kopf. Flausen auszutreiben gehört nach eigenem Bekunden zu den Hauptaufgaben seriöser Chirurgen. Jeden Fünften unter den potenziellen Klienten schicke sie nach Hause, sagt Neuhann-Lorenz. Eine ähnlich hohe Quote registriert das Team König/Abel-Vallot. 

Nicht selten diagnostizieren die erfahrenen Praktiker eine gestörte Selbstwahrnehmung unter ihren OP-Kandidaten. „Das ist ein relativ häufig auftretendes Phänomen“, sagt Eva Wlodarek-Küppers, Diplom-Psychologin in Hamburg, „Manche Menschen nehmen winzige Mängel an ihrem Körper wie unter der Lupe vergrößert wahr.“ Mit den Ursachen hat sich die Psychologin und Autorin des Buches „Go! Mehr Selbstsicherheit gewinnen“ ebenfalls befasst: „Die Messlatte für attraktives Aussehen hängt heute einfach zu hoch.“ 

Da werden rachitisch dünne Fotomodelle als Schönheitsideale gefeiert, und selbst Stars wie Julia Roberts müssen sich in manchen Szenen von spindeldürren Langbeinigen doublen lassen. Kritisiert Wlordarek-Küppers: „Die Gesellschaft weiß nicht mehr, wie man sich selbst lieben kann, auch wenn man irgendwann älter, dicker und nicht mehr makellos ist.“ Der Schönheitschirurg ist in solchen Fällen der falsche Doktor, glaubt die Psychologin: Nach dem Eingriff ist allzu oft vor dem Eingriff. Dann müsste irgendwann das nächste selbst auferlegte vermeintliche Stigma beseitigt werden, auf das sich die gestörte Selbstsicht des Patienten verlagert hat. 

„Eine gute Indikation für eine Brustoperation ist für mich eine Frau, die zwei Kinder gestillt hat und wieder einen straffen Busen haben möchte. Aber nicht das junge Mädchen, das als Körbchengröße Doppel-D anvisiert und riesige Implantate haben will“, sagt König. Brustvergrößerungen gehören in Deutschland nach Botox-Behandlung, Fettabsaugung und Lidstraffung zu den beliebtesten Eingriffen. Im Schnitt wird von B nach C mit 250 Zentiliter Silikon je Brust nachgeholfen. In den USA wird mit 320 Zentiliter je Brust noch deutlich mehr Volumen nachgelegt. 

Silikonkissen, vorübergehend in Verruf geraten, gelten heute wieder als beste Verstärker für ein eindrucksvolles Dekolletee. Die doppelwandigen Inlays sind relativ auslaufsicher und durch ihre angeraute Oberfläche gewebefreundlich. Trotz aller Verbesserungen des Füllmaterials kann es aber vorkommen, dass sich der Körper mit dem Zuwachs nicht anfreundet und ihn wieder abstößt. 

Prinzipiell gibt es ohnehin keine Schönheitsoperation ohne Risiko. Wie bei jedem anderen chirurgischen Eingriff kann es zu Komplikationen kommen. Umso wichtiger ist die ausführliche Beratung im Vorfeld der Operation: Informationen über Narkosetechnik, Embolie-Prophylaxe, Heilungsdauer und die Nachsorgepflicht des Patienten. So darf der Patient bei den meisten Operationen sechs Wochen lang keinen Sport treiben. Vor allem das immer beliebtere Fettabsaugen gegen den Bauchspeck ist als chirurgischer Eingriff nicht zu unterschätzen. Wer sich von einem erheblichen Teil seiner 30 Milliarden Fettzellen trennen will, muss wissen, dass dabei trotz kleinster Schnitte eine große Wundfläche entsteht, die man zwar nicht sieht, dafür aber schmerzlich spürt. Lästig ist auch das Kompressionsmieder, das der Patient noch sechs Wochen lang tragen muss, um die Schwellungen und Blutergüsse gezielt in Schach zu halten. Vielen erscheint der chirurgische Eingriff dennoch als das kleinste Übel, um Fett loszuwerden. Lieber lassen sie eine Operation über sich ergehen, als im Fitnessstudio ihre Kaloriensünden abzuschwitzen. Was weg ist, ist zwar weg. Doch die Liposuktion allein ändert weder Bewegungsmuster noch Essverhalten. Da machen sich die Polster dann bald wieder an anderer Stelle breit. Als oberfaule Alternative bliebe nur, sich einer sogenannten Obesity-Operation zu unterziehen: Dabei suggeriert ein in den Magen implantierter und aufgepumpter Ballon ein ständiges Völlegefühl und soll so den Appetit des Patienten wirksam zügeln. 

Psst! Darüber spricht man nicht. Entgegen sonstigem gesellschaftlichen Kommunikationsbedürfnis werden Schönheitsoperationen derzeit fast noch wie militärische Geheimnisse gehütet. Zu Unrecht. „Man muss ja Schönheitsoperationen nicht gleich ins Zentrum des Party-Smalltalks rücken“, sagt Christa Möller, Beauty-Journalistin und Kosmetikspezialistin bei der Frauenzeitschrift „Brigitte“, „aber ein bisschen mehr Ehrlichkeit würde sehr viel helfen, und es könnte dazu beitragen, schwarze Schafe in der Branche zu entlarven.“ 

Eine „Cheek-to-cheek-Empfehlung“ hätte sich auch Wolfgang Müller gewünscht, als er Freunden und Bekannten offenbarte, dass er sich liften lassen wollte. „Ich hatte meine Altvorderen beobachtet und gesehen, dass deren Gesicht im Alter, wenn sie mit dem Kopf nickten, eine unerfreuliche Eigendynamik entwickelte“, sagt der 66-jährige Diplom-Ingenieur. Dem „Wackeldackel-Effekt“, wie er es nennt, wollte er auf jeden Fall vorbeugen. „Aber die Leute lachten mich alle aus, sobald ich das Thema Schönheitschirurgie ansprach.“ 

Keinerlei Hilfe und nicht die geringste Unterstützung habe er aus dem Bekanntenkreis bekommen. Stattdessen habe er sich kundig gelesen und mehrere Fachärzte konsultiert, ehe er bei Neuhann-Lorenz rund 12 000 Euro für ein Facelift samt Lidstraffung und Fettabsaugung am Kinn hinblätterte. In den Augen des Patienten hat sich die Ausgabe jedenfalls gelohnt: „Das Optimum erreicht man nie, aber es ist ein guter Kompromiss. Ich schau jeden Tag meinen Hals an und denke: Mann, sieht der gut aus.“ 

Glaubt man dem Routinier König, dann offenbaren Facelifts bei Männern das wahre Können des Operateurs. „Verjüngung beim Mann kann leicht peinlich wirken“, findet der Mediziner, „da muss man sich nur die Gesichter von Michael Douglas und Vater Kirk anschauen.“ Weniger ist in diesem Fall mehr – diesen Grundsatz sollten sich großzügig raffende Schönheitsdoktoren ins Stammbuch schreiben. „Eine gutes Facelift darf man gar nicht bemerken“, sagt Neuhann-Lorenz. Ihr Standesgenosse König schickt seine Patienten nach dem Lift denn auch gleich zum Coiffeur und zum Optiker, die Damen auch gern zum Visagisten – für einen neuen Look. „Ein andere Frisur, eine neue Brille oder ein zartes Make-up stechen meist vordergründiger ins Auge als die eigentliche Veränderung.“ Ein neuer Haarschnitt ist das beste Manöver, um vom korrigierten Gesicht abzulenken. 

Beauty is life. Nicht nur unter selbstverliebten Abendländern gilt dieser Slogan. In Chinas boomender Wirtschaft werden derzeit jährlich drei Milliarden Dollar für ästhetische Operationen ausgegeben. Dort leben bis in die entlegensten Regionen heute sechs Millionen Menschen vom Geschäft mit der Schönheit; inzwischen gibt es in China eine Million ästhetische Institute. Die Klientel rekrutiert sich zu 40 Prozent aus Studenten. Frisch von der Uni bilden sich viele junge Chinesinnen und Chinesen allen Ernstes ein, dass ein westlicher Look ihre Chancen auf ein Jobangebot erhöhen könnte. 

Als Rollenmodell gilt ihnen Hao Lulu – gleichsam das asiatische Gegenstück zu Michael Jackson. Mit 27 hat die Chinesin schon 16 kosmetische Operationen im Gesamtwert von 50 000 Dollar hinter sich gebracht. Derart runderneuert moderiert sie jetzt die Fernsehshow „Lovely Cinderella“, bei der die Kandidaten, wie könnte es anders sein, um eine kostenlose Schönheitsoperation nach Wahl wetteifern. 30 Millionen Zuschauer pro Sendung fiebern mit. 

Ist der Rummel um die Schönheit noch normal? Nach den aktuellen Ergebnissen der Studie „Gesundheitstrends 2010“ des Zukunftsinstitutes in Kelkheim im Taunus ist er ein typischer Ausdruck des Zeitgeists. Des Menschen höchstes Gut, die Gesundheit, bewegt sich demnach immer mehr „von der Symptom-Medizin zur Wohlfühlkultur“: Wer sich schön fühlt, der fühlt sich auch wohl. Das Wohlsein, die Gesundheit ist Konsumgut geworden. Man kann sie sich kaufen. 

Die Auswirkungen aufs große Geschäft mit der Schönheit dürften nach Einschätzung der Marktbeobachter nicht auf sich warten lassen. „Die Tabus sind gebrochen“, sagt Dr. Eike Wenzel vom Zukunftsinstitut, „das Geschäft mit der Schönheitschirurgie wird sich jetzt sehr dynamisch weiterentwickeln.“ In nicht zu ferner Zukunft dürften Schönheitskorrekturen jeglicher Art als Ausdruck von Wohlstand und sozialem Rang gewertet werden. Wenn sich das Statusdenken auf die Gesundheit erstreckt, dann ist es nur eine Frage der Zeit, wann das gute Aussehen – egal, ob naturgegeben oder chirurgisch unterstützt – zum Statussymbol wird. 

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