Archiv: Der Herr der Insel

Auf einem gottverlassenen Eiland zauberte ein nimmermüder Italiener eines der exklusivsten Urlaubsziele der Karibik. 

Wenn Karim Aga Khan verreist, dann will er schon etwas genauer wissen, wo er absteigt – erst recht, wenn das Oberhaupt der Ismailiten auf einem weit gehend unbekannten Karibik-Eiland Ferien zu machen gedenkt. Also lässt er seine Vorhut von Sicherheits- und Hofbeamten das Terrain sondieren. 

Nach eingehender Prüfung befand der Hofstaat Canouan Island würdig als Urlaubsziel für seine Hoheit, und der Prinz landete samt Frau und Sohn sowie einem Tross Bediensteter und Unmengen von Gepäck im Privatjet auf dem winzigen Flughafen von Canouan. Das ist schon ein Weilchen her, damals war die Familie noch vereint und ihr Aufenthalt „very pleasant“, wie sich im Gästebuch von Antonio Saladino, dem „Entdecker“ des Eilandes nachlesen lässt. 

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Tony Blair kam letzten Sommer in einer gecharterten Piper von Barbados herübergeflogen. Auch er machte Urlaub, auch er hatte Frau und Kinder dabei und bestieg auf Canouan den 20 Meter langen Luxus-Katamaran „Good Vibrations“, um damit den türkis schimmernden Archipel der Grenadinen zu erkunden. 

Canouan, das ist ein gerade mal 13 Quadratkilometer großes Eiland, 150 Kilometer westlich von Barbados in der grenadinischen Inselwelt gelegen. Im karibischen Dialekt bedeutet der Inselname Schildkröte. Tatsächlich sind die gepanzerten Tiere überall, auf dem Golfplatz, im Dorf, am Strand und im Wasser zu sehen. Sie leben recht ungestört, denn Canouan ist ein unverdorbenes Naturparadies mit dicht bewaldeten Berghängen und schwer zugänglichen Buchten. Anfang der Neunzigerjahre begeisterte sich Antonio Saladino, ein heute 69-jähriger Sizilianer mit Schweizer Pass für die Insel, ihre unverbaute Landschaft, die 22 schneeweißen Strände, das Korallenriff und die paradiesische Unterwasserwelt. 

„Damals“, erinnert sich Saladino, „gab es hier nur Esel und Ziegen.“ Inzwischen kamen ein luxuriöses Raffles Resort, ein Jim-Fazio-Golfplatz, ein Trump-Casino und einiges mehr dazu. Fertig ist der Herr der Insel noch lange nicht: Gerade unterschrieb Ralph Gonsalves, Premierminister der kleinen Inselrepublik St. Vincent und die Grenadinen, zu der Canouan gehört, einen Vertrag, der Saladino ein weiteres Stück Land zur Verfügung stellt, um eine Marina mit Geschäften und Cafés zu bauen. „Wir kommen gut miteinander aus“, freut sich der Bauherr. Das war nicht immer so. 

Den Grundstock zu seinem Vermögen legte Saladino, der mit einem Wirtschaftsstudium und einem MBA in die USA gekommen war, als Börsenmakler an der Wall Street. Später gründete der erfolgreiche Broker und Vermögensverwalter 1974 eine kleine Anlageberatung in Lugano, die die Vermögen ausgesuchter europäischer Kunden betreute. Er zog in die Schweiz und machte, dank guter Kontakte zu Kunden und Banken sowie einer Reihe glücklicher Investitionen vor allem im Immobilienbereich, aus dem Minibetrieb ein ertragreiches Geschäft. Inzwischen hat seine Privatbank rund 70 Mitarbeiter, über 4000 Kunden und rund zwei Milliarden Schweizer Franken Anlagevermögen. 

Anfang der Neunzigerjahre fuhr der Geschäftsmann, der die Investmentgeschäfte inzwischen seinem Sohn übertragen hatte, in die Karibik und entdeckte die VIP-Hochburg Mustique mit ihren Villen und Celebrities. Er kaufte ein 30 000 Quadratmeter großes Grundstück. Das Haus, dass er dort bauen wollte, sollte zahlreiche Salons, zwölf Schlafzimmer und eine Grundfläche von rund 1500 Quadratmetern haben. 

Das war der Inselverwaltung dann doch eine Nummer zu groß, sie verbot das Projekt. So what! Da der rührige Sizilianer sich in der Millionärs-Oase von Mustique ohnehin zu langweilen begann, verkaufte er kurzerhand sein Grundstück und schaute sich nach einer Alternative um. So stieß er auf Canouan – nur wenige Kilometer südlich gelegen, fast so groß wie Mustique und damals noch weit gehend unbebaut. 

„Mir war sofort klar, dass der Luxustourismus in der Karibik eine große Zukunft haben würde“, erinnert sich Saladino. Allerdings: Wer Mustique schon sterbenslangweilig findet, konnte sich auf Canouan damals die Kugel geben. Und für jemanden, der wie Saladino von sich behauptet, keine Fantasie zu haben, war der Plan, eine Insel, auf der es nur Ziegen und Esel gibt, in ein Urlaubsparadies der Luxuskategorie zu verwandeln, nicht gerade nahe liegend. 

Der Ankömmling setzte sich mit der Regierung in Verbindung. Die war bereit, ihm den Nordteil der Insel, insgesamt 500 Hektar, zur Verfügung zu stellen. Der Pachtvertrag sollte über 99 Jahre laufen – mit einer klaren Bedingung: Wenn einzelne Anwesen später verkauft würden, müssten die Käufer die Sicherheit bekommen, dass ihnen ihr Haus und das Grundstück auf dem es steht, auch nach Ablauf der Pachtfrist gehören werden. Das Parlament erließ eigens ein neues Gesetz, um dieser Forderung des Investors nachzukommen. 

Doch das findet im Nachhinein nicht jedermann auf Canouan gut. Zwar freut sich Melissa, die im 2004 eröffneten Raffles Resort an der Rezeption steht, über ihren schönen Arbeitsplatz: „Ohne Mr. Saladino würden wir hier immer noch im Steinzeitalter leben.“ Doch Randolph, ein Rastafari, der am Strand von South Glossy Bay im Schatten der Casuarina-Bäume genüsslich seinen Joint raucht, sieht das anders: „Früher hatte hier niemand etwas, keiner musste sich anstrengen; heute haben viele ein Haus und ein Handy, und wer wie ich keine Lust zum Arbeiten hat, bekommt keine Frau mehr“, klagt der Müßiggänger, „unsere Frauen sind jetzt leider scharf aufs Geld.“ 

Es gab Proteste und Blockaden. Anfangs rebellierten die damals 700 Bewohner der Insel gegen den Newcomer, der ihr ärmliches, aber gänzlich stressfreies Leben durcheinander brachte. Das sei vor allem politisch bedingt gewesen, erklärt Saladino. Der heutige Premier, damals noch in der Opposition, habe kräftig Stimmung gegen die Vereinbarungen mit seinem politischen Gegner gemacht: „Ausverkauf der Insel, Verrat an den Einheimischen, die üblichen Vorwürfe.“ 

Doch als Saladino sein eben erst eröffnetes Hotel zwischendurch für eineinhalb Jahre schließen musste („Ich hatte Fehler gemacht, auf das falsche Management gesetzt“) wurde den Einheimischen schlagartig klar, was das Hotel und seine ganze Infrastruktur für sie und ihre Insel bedeuteten. Plötzlich kamen keine Gäste mehr, es gab keinerlei Aktivitäten im Dorf, keine Arbeit, kein Lohn. „Wenn ich mit dem Wagen durch Charlestown fuhr, hielten mich die Menschen an und wollten wissen, wann das Hotel endlich wieder eröffnen würde“, erinnert sich der Arbeitgeber. Und der einstige Oppositionsführer Gonsalves, inzwischen Premier, konnte es kaum erwarten, neue Pläne zu schmieden. 

„Too much too soon“ sei es wohl Anfangs gewesen, mutmaßt der Herr der Insel: Innerhalb von wenigen Jahren wurden Strom- und Wasserleitungen verlegt und Straßen gebaut, der Flughafen, eine Polizeistation und ein Krankenhaus errichtet – unzählige Baustellen entstanden, denn der erste Schritt des Unternehmers nach Abschluss des Pachtvertrages war die Gründung einer Baufirma, die heute mit über 400 Angestellten der größte Arbeitgeber auf der Insel ist. Und zu den ersten Bauprojekten gehörte das stimmungsvolle „Tamarind“ Hotel an der Grand Bay, das dem Bauherrn und seinen engsten Mitarbeitern ein Dach über dem Kopf bot. 

Das 40-Zimmer-Haus steht heute noch und zählt zu den bevorzugten Unterkünften der zahlreichen Segler, die beim Yacht-Charter „The Moorings“ gleich nebenan eine Segelyacht mieten, um durch die reichen Gewässer der Grenadinen zu schippern. Auch Antonio Saladino liebt das „Tamarind“. Die Suite 211 war jahrelang sein zweites Zuhause. 

Noch heute, gesteht er, sei dieses mehr „sein Hotel“ als das luxuriöse„Raffles Resort“, auf dessen Gelände er nun während seiner Karibik-Aufenthalte residiert. Das „Tamarind“ ist durch und durch italienisch geprägt: Fulvia Clapier, die Managerin, kommt aus Mailand, Ennio Fiorini, der das Restaurant leitet, aus Cremona. Aus dem Holzkohleofen auf der romantischen Terrasse kommt die beste Pizza westlich des Atlantiks, zubereitet vom italienischen Küchenchef aus Bali. 

Wer dem nimmermüden Bauherrn freilich den Appetit nehmen will, der braucht ihn bloß nach den Kosten zu fragen, die das Inselparadies bisher verschlang. „Das will ich gar nicht wissen“, wehrt er ab. Doch natürlich weiß er es genau, denn selbst bei Italienern in der Karibik gibt es so etwas wie eine Buchhaltung: Es sind 350 Millionen Dollar. 25 davon stammen von der Bank, der Rest aus der eigenen Tasche und von anderen Privatinvestoren. 

Das meiste Geld steckt in der luxuriösen, mediterran geprägten Villenanlage, entworfen vom italienischen Architekten Luigi Vietti, der auch für den Baustil der Costa Smeralda auf Sardinien verantwortlich zeichnete. Mandarin Oriental, Four Seasons, Ritz-Carlton und Intercontinental bemühten sich um das Management der Anlage. Doch der Bauherr entschied sich für Raffles Hotels & Resorts, eine Hotelgruppe, die für ihre Tradition und Geschichte, ihren Stil und ihren Chic und für ihren hohen Produkt- und Servicestandard bekannt ist. 

Gästen, die eine der 156 großzügigen Suiten beziehen, wird gleich bei der Ankunft der Schlüssel zu einem Golf Car in die Hand gedrückt, damit sie während ihres Aufenthalts unabhängig und mobil sind. Das macht Sinn, denn die Villen, die vier Restaurants und zwei Strände liegen so weit auseinander, dass die langen Wege in der Karibik-Hitze zu Fuß schwer zu bewältigen sind. Der Weg zu den romantischen, in den Hügel und über dem Meerwasser errichteten Behandlungs-Hütten des Amrita-Spa führt über eine Panoramastraße mit sensationellen Ausblicken über die Insel, das Resort und das Meer. Wer dagegen zur Mole möchte, von wo die hoteleigenen Motorboote für Ausflüge zu den unbewohnten Inselchen der Umgebung bereit liegen, kommt am spektakulär angelegten 18-Loch-Golfplatz vorbei, auf dem vom 21. bis 26. Mai das „Trump Million Dollar Invitational“ stattfindet, ein Golfturnier, dessen Gewinner eine Million Dollar kassiert. 

Die Idee stammt von Donald Trump, dem New Yorker Baumagnaten. Trump, der schon immer gern mit großen Summen hantierte, stellte seinen Namen auch für das elegante Insel-Casino („Trump Club Privé“) zur Verfügung. Das Casino befindet sich in der hoch über dem Meer gelegenen „Villa Monte Carlo“, in der auch das französische Gourmet-Restaurant des Raffles Resort untergebracht ist. Fürs rechte Ambiente sorgen hier Kerzenschein, Marmortische, edles Porzellan und rundum geöffnete Fensterfronten. Für den kulinarischen Part wurde der junge, halbkaribische Eoghain O’Neill engagiert, der zuvor bei Gordon Ramsay, den Pourcel-Brüdern und im Münchner Zwei-Sterne-Restaurant „Am Marstall“ am Herd stand. 

Donald Trump war es auch, der sich das Konzept der Villenanlage ausdachte. „Jahrelang“, sagt er, „habe ich nach der besten Lage in der Karibik gesucht. Erst auf Canouan habe ich eine Landschaft gefunden, die meinen Vorstellungen entspricht.“ 135 Villen werden nun also gebaut, weit verstreut auf den 500 Hektar Land, das Antonio Saladino der Regierung abgetrotzt hat. Es gibt ein Modell, auf dem zu sehen ist, wo sie stehen, und hübsche Aquarellbilder, die zeigen, wie sie aussehen werden. Die Preise beginnen bei zwei Millionen Dollar für ein 240-Quadratmeter-Haus mit Pool, Veranda, zwei Schlafzimmern und Bädern. Leonardo DiCaprio kaufte bereits, als er im Dezember auf Canouan war. 

Die Arbeit wird also nicht ausgehen auf Canouan Island, und es sind nur noch ganz wenige, die sich über diesen Zustand beklagen. Die Inselbewohner haben sich an das neue Zeitalter und seine Annehmlichkeiten gewöhnt. Es soll sogar einige Bewohner von Canouan Island geben, die inzwischen bereits ein Bankkonto in Lugano eröffnet haben. 

Patricia EngelHORN 

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