Archiv: Der Sündenfall

Unternehmen+Märkte Warum sich Deutsche-Bank -Chef Josef Ackermann vonOktober an erneut vor Gericht rechtfertigen muss. Letzter Teil der Exklusiv-Serie. 

Es ist die Zeit vor Weihnachten des vergangenen Jahres. Josef Ackermann lässt sein Mobiltelefon eingeschaltet, denn er erwartet noch einen wichtigen Anruf: An diesem 21. Dezember geben die Bundesrichter in Karlsruhe ihren Entscheid zum Revisionsverfahren in Sachen Mannesmann bekannt. Im Juli 2004 war der Deutsche-Bank-Chef zwar von dem Vorwurf der Untreue frei gesprochen worden, doch die Staatsanwaltschaft hatte umgehend Berufung eingereicht. Nun hängt es von den obersten Richtern ab, ob Ackermann erneut vor Gericht erscheinen muss. 

Im Verhandlungssaal in Karlsruhe harrt Ackermanns Rechtsvertreter Eberhard Kempf der Dinge, die da kommen sollen. Als die Bundesrichter unter dem Vorsitz von Klaus Tolksdorf den Raum betreten und ihr Urteil kundtun, herrscht Konsternation unter den Betroffenen: Die Freisprüche werden aufgehoben – der Mannesmann-Prozess geht in die zweite Runde. 

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Sofort verlässt Kempf den Saal und ruft seinen Klienten an. Es dauert einige Sekunden, bis Ackermann seine Fassung wieder gefunden hat. Beide wissen, was nun droht: erneut endlose Stunden im Gerichtssaal, erneut eine kritische Berichterstattung, erneute Rücktrittsforderungen. Mit dem höchstrichterlichen Spruch ist der Argumentationsspielraum für die Verteidiger zudem stark eingeengt worden ist. Hier hat nicht der Vorsitzende des Landgerichts in Düsseldorf gesprochen – hier haben die brillantesten juristischen Köpfe des Rechtsstaats Deutschland das Feld abgesteckt. Und wie eng sie die Zäune gesetzt haben, zeigen die Begriffe, die sie gebrauchen: Als „Gutsherren statt Gutsverwalter“ hätten sich die Angeklagten in der Causa Mannesmann aufgeführt und dabei die Interessen des von ihnen vertretenen Unternehmens geschädigt. 

Das „Gut“, um das es hier geht, heißt Mannesmann, die traditionsreiche Industriefirma, die sich in den Neunzigerjahren zum Mobilfunkanbieter gewandelt hat und 2000 vom britischen Konkurrenten Vodafone geschluckt wurde. Im Umfeld ist es zu jenen Ereignissen gekommen, die nun erneut vor Gericht beurteilt werden müssen und die Ackermann in die größte Krise seiner Karriere gestürzt haben. 

Die Geschichte beginnt am 2. Februar des Jahres 2000 in Newbury in der Nähe von London. Dort befindet sich der Konzernhauptsitz des britischen Mobiltelefonanbieters Vodafone, und dort wartet an diesem Tag Vodafone-Chef Christopher Gent auf einen Anruf von Mannesmann-Chef Klaus Esser. Seit Monaten schon liefern sich die beiden einen Übernahmekampf, und zuletzt war es Gent gelungen, Esser arg in die Enge zu treiben. Um 14 Uhr klingelt das Telefon auf dem Pult von Gent. Esser teilt dem Briten mit, er sei so weit, Gent solle nach Düsseldorf kommen. Zufrieden legt Gent auf: Nach einem monatelangen Eroberungszug ist der Sieg zum Greifen nah. 

Wenige Monate zuvor war die Ausgangslage noch völlig anders. Anfang November 1999 schlägt Gent dem Mannesmann-Chef erstmals eine Fusion vor. Es ist die hohe Zeit der New Economy und des Technologiebooms. Die Unternehmen der Telekombranche kämpfen um einen rapide wachsenden Markt. Die Branche steckt mitten im Konsolidierungsprozess, und der deutsche Markt ist für Vodafone von großem Interesse. Gent hat beschlossen: Taktgeber soll nicht » Mannesmann, sondern Vodafone sein. Das Beste wäre, die Deutschen zu schlucken. Doch Esser lehnt einen Schulterschluss ab. Er stellt sich auf den Standpunkt, Mannesmann könne ohne Vodafone schneller wachsen. Gent lässt sich von der ersten Reaktion Essers nicht beirren und macht nur eine Woche später, am 14. November, ein offizielles Übernahmeangebot. Die Briten haben bereits konkrete Preisvorstellungen: 43,7 Vodafone-Anteile für eine Mannesmann-Aktie. Esser lehnt ab. Am 19. November wendet sich Gent direkt an die Aktionäre und erhöht das Angebot auf 53,7 Anteile. Der Kaufpreis läge damit bei rund 120 Milliarden Euro. Esser lehnt erneut ab. Gent ignoriert das Nein des Mannesmann-Managements erneut – aus der Fusionsidee ist ein feindlicher Übernahmeangriff geworden. Und Mannesmann verstärkt die Verteidigung. Über 100 Millionen Euro gibt der Düsseldorfer Konzern für die Abwehrschlacht aus, einen Großteil davon für Anzeigen in den Medien. Die Botschaft: Wir wollen uns nicht übernehmen lassen. Esser sucht nach Verbündeten und findet diese bei Vivendi. Die Franzosen sollen sich mit Mannesmann zusammentun und gemeinsam gegen die Briten Front machen. Doch Vivendi ist ein untreuer Verbündeter. Ende Januar wird bekannt, dass Vodafone auch mit Vivendi-CEO Jean-Marie Messier verhandelt hat – offenbar geschickter, als Esser es tat. Auf alle Fälle wollen die Franzosen nun plötzlich statt mit Mannesmann mit Vodafone zusammenarbeiten. Essers Abwehr ist erheblich geschwächt. Sich weiter gegen die feindliche Übernahme zu wehren wird schwierig, vor allem weil die Briten die Mannesmann-Aktionäre mit einem guten Kaufpreis ködern. Esser beschließt, die Waffen zu strecken. 

Das Meeting vom 2. Februar ist auf 18 Uhr angesetzt. Vodafone-Chef Christopher Gent muss sich beeilen. Doch der Brite trifft pünktlich im 21. Stockwerk des Mannesmann-Hochhauses in Düsseldorf ein. Mehrere Stunden verhandeln die beiden Männer, und um ein Uhr morgens ist Gent am Ziel: Klaus Esser akzeptiert eine Minderheitsbeteiligung von Mannesmann an einem fusionierten Unternehmen. Der Preis, den die Briten zahlen, liegt bei 180 Milliarden Euro, ein Rekord in der europäischen Wirtschaftsgeschichte. 

Als einer der Ersten wird ein wichtiger Mannesmann-Aktionär von der neuen Entwicklung ins Bild gesetzt: Canning Fok, Managing Director des Hongkonger Mischkonzerns Hutchison Whampoa. Die Chinesen halten rund zehn Prozent an Mannesmann. Ihr Paket ist jetzt 18 Milliarden Euro wert. Fok kann sich die Hände reiben: Die Beteiligung hat auf einen Schlag um fast zehn Milliarden an Wert zugelegt. Canning Fok bietet an, Gent und Esser sofort einen persönlichen Besuch abzustatten. Fok weilt in Düsseldorf, weil am nächsten Tag eine Aufsichtsratssitzung von Mannesmann geplant ist. 

So stößt der Chinese zum nächtlichen Meeting von Gent und Esser und zeigt sich in Spendierlaune: Er wolle sich bei Esser erkenntlich zeigen, sagt Fok und bietet dem Mannesmann-Chef als Anerkennungsprämie zehn Millionen Pfund an. Esser ist natürlich höchst erfreut, will aber, dass auch seine Mitarbeiter etwas bekommen – und das Geld direkt von seinem Arbeitgeber Mannesmann erhalten. Fok klärt in Hongkong ab, ob er noch einmal zehn Millionen verschenken dürfe, und bekommt grünes Licht. Doch Essers zweite Bedingung ist nicht so schnell zu erfüllen. 

Zahlungen von Mannesmann an die Vorstände muss der Präsidialausschuss des Aufsichtsrats bewilligen, dem auch Josef Ackermann angehört. Die Deutsche Bank besetzt traditionsgemäß einen Aufsichtsratssitz bei Mannesmann und hat mit Hilmar Kopper viele Jahre sogar den Vorsitzenden gestellt. Neben dem Deutsche-Bank-Chef gehörten dem Ausschuss, der sich um Vorstandsangelegenheiten kümmert, noch an: Joachim Funk, der Vorsitzende des Aufsichtsrats und Vorgänger von Klaus Esser als Vorstandsvorsitzender von Mannesmann, sowie der Betriebsratsvorsitzende Jürgen Ladberg und Klaus Zwickel, Präsident der mächtigen Gewerkschaft IG Metall. Diese vier Männer sind es, die jegliche Geldzahlungen an Vorstandsmitglieder beschließen und absegnen müssen. So auch den von Fok initiierten Sonderbonus. Am 4. Februar, zwei Tage nachdem Esser die Übernahmeofferte Gents akzeptiert hat, trifft sich der Präsidialausschuss zu einer Sitzung, um die Sonderzahlungen zu besprechen. 

Anschließend soll die Sitzung des Gesamtaufsichtsrats stattfinden. Man will die Frage der Anerkennungsprämien zunächst im kleinen Kreis besprechen. Doch von den vier Mitgliedern des Präsidialausschusses finden sich kurz vor Mittag lediglich Funk und Ackermann zum vereinbarten Termin ein. Arbeitnehmervertreter Ladberg ist krank, Gewerkschaftsführer Zwickel hält auf einer Veranstaltung in Wolfsburg eine Rede. Und so sitzen an diesem so entscheidenden Meeting nur zwei der vier Ausschussmitglieder am Tisch. 

Mitgebracht haben die beiden ein Papier, das die Grundlage für die Entscheidungsfindung bilden soll: ein Beschlussprotokoll, das Klaus Esser persönlich am Abend zuvor erstellt hat. Funk legt Ackermann den Vorschlag eines Bonus für Esser vor. Er berichtet ihm davon, dass Esser das Geld von Mannesmann überwiesen haben wolle. Doch damit nicht genug: Das viele Geld, das hier verteilt werden soll, hat bei Funk offenbar auch eigene Begierden geweckt. Er habe als Vorgänger von Esser als CEO ja auch seinen Teil zum Erfolg von Mannesmann beigetragen, er wolle auch eine Prämie. 

Dem Deutsche-Bank-Chef fällt auf, dass Funk in dem vorbereiteten Beschlussprotokoll nicht unter den Begünstigten der Sonderzahlungen aufgeführt ist. Die beiden beschließen, den Kreis der Begünstigten um Funk zu erweitern, und einigen sich auf drei Millionen Pfund für diesen, also umgerechnet neun Millionen Mark. Da jedoch der Prämienfonds auf einen Vorschlag des Großaktionärs Hutchison Whampoa zurückgeht, will Ackermann die Zahlung nicht ohne Zustimmung der Chinesen vornehmen. 

Canning Fok befindet sich ebenfalls im Mannesmann-Hochhaus am Düsseldorfer Rheinufer, er wartet auf die Sitzung des Gesamtaufsichtsrats. Funk beschließt, Fok zu suchen, und stöbert ihn in einem Nebenzimmer auf. Er bittet den Chinesen in die Besprechung. Während Fok mit Ackermann spricht, wartet Funk draußen auf dem Flur. Ackermann sagt zum Hutchison-Whampoa-CEO, sie dächten über eine Beteiligung von Funk am Prämienfonds für das Telekommunikationsteam nach, und zwar in Höhe von drei Millionen Pfund. Ob er, Fok, damit einverstanden sei. Diesem ist das Management von Mannesmann nicht im Detail vertraut, doch er meint, das Präsidium wisse „schon am besten, was zu tun ist“. Sollte also die Firma Mannesmann dies wollen, sei er einverstanden damit. Er verlässt den Raum, Funk tritt wieder ein, und Ackermann teilt ihm mit, Fok habe zugestimmt. »» 

Ackermann bewilligt sowohl die Anerkennungsprämie für Esser als auch die Zahlung an Funk. „Innerhalb weniger Minuten“ (Gerichtsurteil vom Juli 2004) verteilten Ackermann und Funk so rund 60 Millionen Mark Anerkennungsprämien – 30 Millionen Mark für Esser, 9 Millionen Mark für Funk, rund 21 Millionen Mark an die Manager aus Essers Telekommunikationsteam. 

Damit der Beschluss gültig ist, sind drei Unterschriften vonnöten. Also ruft Funk eines der abwesenden Mitglieder des Präsidialausschusses an, Gewerkschafter Klaus Zwickel. Das Gespräch dauert rund eine Viertelstunde. Funk schildert Zwickel die Sachlage. Der Gewerkschaftspräsident sagt, dass es sich hier „um sehr viel Geld“ handle, dass er aber im Ergebnis damit „keinProblem“ habe. Damit kommt die Beschlussfassung zu Stande. Ackermann unterschreibt in Zwickels Namen und setzt in dessen Auftrag „gez. Zwickel, 4/2/00“ ins Protokoll. Die Angelegenheit scheint erledigt. Gemeinsam mit Funk kann Ackermann sich nun in die Sitzung des Gesamtaufsichtsrats begeben. 

Das von Funk und Ackermann unterschriebene Protokoll nimmt derweil den für Vergütungsfragen im Hause Mannesmann üblichen Weg. Dietmar Droste, Leiter der Abteilung Compensation and Benefits, dem die Betreuung der aktiven Vorstandsmitglieder von Mannesmann obliegt, wird bereits am Nachmittag des 4. Februar von der Fertigstellung unterrichtet. Er gibt das Dokument wenige Tage später an die Sekretärin weiter, die die Gehaltsabrechnungen der Vorstandsmitglieder macht. Als Sachbearbeiterin seit Jahren für die Erstellung entsprechender Beschlussprotokolle des Präsidiums zuständig, ist sie über das Papier höchst erstaunt. Was sie hier in den Händen hält, entspricht so gar nicht den üblichen Protokollen. Sie spricht den Vorgesetzten Droste darauf an. Der reagiert zurückhaltend. Doch die Sekretärin lässt nicht locker. Sie übergibt das Protokoll unter Hinweis auf ihre Bedenken dem zuständigen Wirtschaftsprüfer im Hause. Der Mann heißt Günter Nunnenkamp. Auch dieser bemerkt formale Mängel und hegt zudem Bedenken wegen der Unterschriften. Das von Ackermann hingekritzelte „gez. Zwickel, 4/2/00“ wirkt wie ein Fremdkörper. Nunnenkamp beschließt, der Sache nachzugehen. 

Nicht eben glücklich mit dem Protokoll ist auch Klaus Esser, als er es zum ersten Mal zu Gesicht bekommt – trotz den 30 Millionen Mark, die ihm darin zugestanden werden. Esser ist Jurist, und ihm fällt sofort auf, dass der Aufsichtsratsvorsitzende Funk hier über seine eigene Millionenprämie beschlossen hat. Esser ist klar, dass das den rechtlichen Grundsätzen solcher Vergütungsbeschlüsse diametral entgegenläuft. Er ist verärgert, dass dies in derselben Sitzung passierte, in der seine eigene Prämie beschlossen wurde. Sollten die Beschlüsse wegen eines Formfehlers insgesamt ungültig sein, würde auch seine Prämie wieder zur Diskussion stehen. Esser teilt Funk seine Bedenken mit, der einige Tage später auch Ackermann davon in Kenntnis setzt. 

Der Mannesmann-Chef hat in diesen Tagen noch weitere wichtige Fragen zu klären. Der Fusionsprospekt muss erstellt werden, und noch ist unklar, ob es notwendig ist, die Appreciation Awards darin zu erwähnen. Die Rechtslage ist schwer zu überblicken. So ist Esser etwa unsicher, ob neben seiner vertraglichen Vergütung auch die Zusage auf die Zahlung der Zusatzmillionen in den so genannten Listing Particulars anzugeben ist. Vodafone hat ihm mitteilen lassen, diese Entscheidung sei Sache von Mannesmann. Esser beschließt, den sicheren Weg zu gehen und die Zahlen in den Listings anzugeben. Ihm ist dabei bewusst, dass dadurch die Prämien außerhalb des Hauses bekannt würden. 

„60 Millionen und tschüs!“, titelt „Bild“ – versehen mit dem Hinweis, das Geld werde für eine Niederlage bezahlt, denn schließlich habe Mannesmann den Übernahmekampf ja verloren. Es sei „der goldene Handschlag für den großen Verlierer Klaus Esser“, so das Blatt. 

Den Artikel lesen auch zwei Partner der Stuttgarter Anwaltssocietät Binz & Partner, Rechtsanwalt Mark Binz und Wirtschaftsprüfer Martin Sorg. Wiederholt haben sie sich gefragt, warum Esser nach einem monatelang erbittert geführten Abwehrkampf so plötzlich umgefallen war. Nun erscheint ihnen die Kapitulation in einem anderen Licht. Am 23. Februar 2000 erstatten Mark Binz und Martin Sorg Anzeige gegen Klaus Esser „wegen des Verdachtes der Untreue gemäß Paragraf 266 StGB im Zusammenhang mit der Übernahme der Mannesmann AG durch Vodafone plc.“, wie es in dem Dokument heißt. 

Derweil geht bei Mannesmann das Hin und Her um das von Funk und Ackermann abgeänderte Beschlussprotokoll weiter. Wirtschaftsprüfer Günter Nunnenkamp hat dem inhaltlich und formal für ihn nicht akzeptablen Papier seinen Stempel verweigert. Erstens erscheint Nunnenkamp die Zahlung für Esser willkürlich und unangemessen hoch. Zweitens hat es für die weiteren Zahlungen keinen korrekten Beschluss des Ausschusses gegeben. So fehlen die Namen der begünstigten Mitglieder aus dem Telekommunikationsteam auf der Liste. Nunnenkamp bespricht sich mit seinen Vorgesetzten, und auch diese finden: Einer Auszahlung der Gelder kann so nicht zugestimmt werden. 

Es muss etwas geschehen. Am 16. Februar fertigt Vorstandsbetreuer Dietmar Droste einen neuen Entwurf eines Protokolls für eine weitere Sitzung zu diesen Fragen an, die am nächsten Tag stattfinden soll. In ihm werden die Begünstigten aus dem Esser-Team namentlich genannt. Zudem wird die Zahlung an Esser konkretisiert. Im Papier Drostes ist unter Ziffer Nr. 1b, dd) nachzulesen: „Entsprechend dem Beschluss vom 4.2.2000 erhält Dr. Esser einen Appreciation Award in Höhe von GBP 10 Mio., der fällig wird, sobald Vodafone die Aktienmehrheit an Mannesmann erworben hat.“ 

Am 17. Februar um neun Uhr beginnt die Sitzung des vierköpfigen Präsidialausschusses. Wieder findet das Treffen der Kommission vor einer Gesamtaufsichtsratssitzung statt, die auf zehn Uhr angesetzt ist. Genau eine Stunde haben die Kommissionsmitglieder somit Zeit, die Millionenprämien abermals zu besprechen. Diesmal sind alle vier Mitglieder anwesend: Deutschbanker Josef Ackermann, Mannesmann-Aufsichtsratschef Joachim Funk, Gewerkschafter Klaus Zwickel und Betriebsratschef Jürgen Ladberg. Auf Wunsch der Kommission ist an diesem Tag ausnahmsweise auch Klaus Esser anwesend. 

Bevor die Diskussion zu den millionenschweren Sonderprämien kommt, werden zunächst sämtliche Fringe Benefits, die Esser ebenfalls zustehen, aufgelistet. Und das sind: eine Sekretärin, ein Büro und ein Dienstwagen mit Fahrer auf Lebenszeit. Danach ist die Millionenzahlung an Esser dran. Nachdem die „Bild“-Zei- » tung sechs Tage zuvor die Sache publik gemacht hatte, ist Gewerkschaftschef Klaus Zwickel im Kreise seiner Genossen stark unter Druck gekommen. Zwickel bittet daher, den Text der am 4. Februar am Telefon mit Funk besprochenen Enthaltung abzuändern. Er wünscht die Formulierung „zur Kenntnis nehmen“ statt „Stimmenthaltung“ – dieser Ausdruck ist schon in der Vergangenheit von den Arbeitnehmervertretern an Stelle einer Enthaltung in Protokollen verwendet worden, wenn sie glaubten, ein Beschluss sei den Mitarbeitern nur schwer zu vermitteln. 

Der Wunsch von Klaus Zwickel mutet zwar peinlich an, denn „zur Kenntnis nehmen“ ist gleichbedeutend mit „Enthaltung“. Ackermann und Funk jedoch wollen Zwickel den Gefallen nicht abschlagen und lassen die Umformulierung vornehmen. Der Vierte im Bunde, Arbeitnehmervertreter Jürgen Ladberg, zeigt sich aufgebracht: „Dafür muss ’ne alte Frau viel stricken.“ Doch seine Haltung bleibt ohne Folgen. Mit den Stimmen von Funk und Ackermann sowie der Enthaltung von Zwickel ist der Beschluss ohnehin gültig. 

An der anschließenden Sitzung des Gesamtaufsichtsrats nehmen alle vier Präsidiumsvertreter teil. Der Millionensegen für die Mannesmann-Manager wird nicht vorrangig besprochen. Josef Ackermann will die brisante Information in einer Sitzungspause den Arbeitnehmervertretern im Rat persönlich mitteilen. Ein Großteil der Anteilseigner ist in Vorgesprächen bereits über die Prämien in Kenntnis gesetzt worden. Um 12.45 Uhr wird die Sitzung unterbrochen, und Josef Ackermann nimmt die sieben Arbeitnehmervertreter zur Seite. Sie haben die kritischen Medienberichte zu dem Thema längst gelesen, wollen Informationen aus erster Hand und überhäufen Ackermann mit Fragen zu den bereits besiegelten Beschlüssen. 

Dem Deutsche-Bank-Chef wird später von der Staatsanwaltschaft vorgeworfen, er habe die Arbeitnehmervertreter über die Herkunft der Prämien falsch orientiert – das Gericht wird dies dann aber anders beurteilen. Tatsache jedenfalls ist, dass weder im Protokoll der Aufsichtsratssitzung vom 4. noch in jenem vom 17. Februar die Herkunft der Prämien eindeutig identifiziert wird. Zahlt Mannesmann, Vodafone oder Hutchison? Im zweiten Protokoll heißt es nur: „Dieser Award soll auf Vorschlag von Hutchison Whampoa und mit Zustimmung des Board of Directors von Vodafone AirTouch geleistet werden.“ 

Gewerkschaftsboss Klaus Zwickel sorgt für weitere Verwirrung. Am 18. Februar verschickt die IG Metall eine offizielle Pressemitteilung, worin sich der oberste Gewerkschafter zitieren lässt, die Anerkennungsprämien seien weder im Aufsichtsrat noch im Präsidium ein Thema gewesen. Die Skepsis der Wirtschaftsprüfer erhält neue Nahrung. Was erzählt Zwickel da, und wie hat er denn nun abgestimmt? Zahlreiche Telefonate und Schreiben zwischen den Wirtschaftsprüfern, dem Protokollführer Dietmar Droste und den Firmenchefs Esser und Funk erhellen die Faktenlage: Klaus Zwickels Pressemitteilung entspricht nicht der Wahrheit. Der Gewerkschafter wird dies im Prozess später selbst zugeben: Das Ganze sei „ein Fehler“ gewesen. 

Am 28. Februar lässt Funk einen neuen Umlaufbeschluss anfertigen, der endlich zur nun schon über drei Wochen zuvor beschlossenen Zahlung an Esser und sein Team führen soll und auch deutlich klarstellt, dass die Prämien von Mannesmann stammen. Der genaue Wortlaut: «Es wird festgestellt, dass die Zahlung des Betrages von GBP 10 Mio. durch die Mannesmann AG an Herrn Dr. Esser von dem Großaktionär Hutchison Whampoa mit Herrn Gent (Vodafone AirTouch) abgestimmt worden und dem Präsidium vorgeschlagen worden ist. Dieses hat sich am 4.2.2000 und am 17.2.2000 mit der Angelegenheit befasst. Der Ausschuss für Vorstandsangelegenheiten beschließt hiermit, dass der genannte Betrag Herrn Dr. Esser zugewendet werden soll. Nach Ansicht der Herren Zwickel und Ladberg ist die Höhe des genannten Betrages den Arbeitnehmern schwer vermittelbar. Sie nehmen daher die Entscheidung zur Kenntnis. 

Über die Prämie für Joachim Funk wird im April abschließend befunden. In diesem Monat schließt Vodafone die Übernahme von Mannesmann ab. Funk wird von Gent als Aufsichtsratschef abgelöst. Am 17. April tagt der Präsidialausschuss in neuer Besetzung. Es wird darüber gesprochen, dass der Beschluss vom 4. Februar nicht gültig sei. Man könne nun nochmals völlig frei entscheiden. Der neue Besitzer zeigt sich weniger großzügig: Der Ausschuss senkt die Prämie für Funk von neun auf sechs Millionen Mark. 

Inzwischen ist die von den Stuttgarter Rechtsanwälten mit ihrer Strafanzeige in Bewegung gesetzte Justiz aktiv geworden. Am 7. März informiert die Staatsanwaltschaft Düsseldorf die Mannesmann-Führung, dass Strafanzeige gegen Klaus Esser eingegangen sei. Der Oberstaatsanwalt bittet um Stellungnahme. Esser bespricht sich mit einem Rechtsanwalt und antwortet. Der Sachverhalt der Übernahme wird dabei so geschildert, wie er auch stattgefunden hat, mit einer Ausnahme: Das Datum der Vereinbarung ist um einen Tag verschoben. In der Stellungnahme von Esser heißt es, Gent und Fok hätten am Abend des 3. Februar über den Vorstoß gesprochen, Esser eine Millionenprämie auszuzahlen. Dies ist darum wichtig, weil am 3. Februar der Gesamtaufsichtsrat von Mannesmann in die Verhandlungen involviert war. Der von Binz und Sorg aufgeworfene Bestechungsverdacht ergibt keinen Sinn, wenn Gent und Esser erst danach über das Geld für Esser gesprochen haben. So stellt die Staatsanwaltschaft die Ermittlungen ein. 

Binz und Sorg sind damit nicht einverstanden und verlangen Akteneinsicht. Die Sitzungsprotokolle mit all den Änderungen und Nachdatierungen kommen den Rechtsprofis verdächtig vor. Auch die Schilderung des Ablaufs der Ereignisse stellen sie infrage, vor allem in dem Punkt, ob die Anerkennungsprämien tatsächlich erst nach der Einigung mit Vodafone bereitgestellt worden seien. Am 3. April 2000 schreiben Binz und Sorg eine Beschwerde an die Staatsanwaltschaft: Sie wollen ihre Strafanzeige weiterverfolgen. Der Beschwerde wird am 12. März 2001 stattgegeben – die Ermittler müssen erneut über die Bücher. 

Im Frühling 2001, mehr als ein Jahr nach den Sitzungen des Mannesmann-Ausschusses, nehmen die Staatsanwälte ihre Ermittlungen auf. 

erik nolmans 

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