Archiv: Der Traum lebt

Bling! Wie bitte? Bling-Bling!! Nie gehört? Kein Problem, damit sind Sie in bester Gesellschaft. 

Der Ausdruck stammt aus der Hip-Hop-Szene – wahrscheinlich nicht gerade Ihre Lieblingsmusik. Er tauchte erstmals vor fünf Jahren in einem Stück von B.G. aus der Rap-Gruppe Cash Money Millionaires auf. Seitdem ist Bling oder Bling-Bling, wie der Hip-Hop selbst, aus dem kulturellen Underground in den Mainstream aufgestiegen. Eminem kennt heute fast jeder. 

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Shaquille O'Neal ließ seinen Ring mit der Aufschrift Bling-Bling in Diamanten verzieren, nachdem er 2001 mit den L.A. Lakers die NBA-Meisterschaft gewonnen hatte. Das Wort ist den Sprechern von CNN Headline News geläufig geworden, hat es als Online-Update ins Oxford English Dictionary geschafft und erscheint in einer Reihe von Web-Sites wie etwa MrBling.com (Spezialität: Maßzähne aus Gold, Weißgold oder Platin). 

Bling oder Bling-Bling steht für den Lebensstil der jüngsten Generation der Reichen, die ihren Reichtum mehr noch vielleicht als alle Neureichen zuvor öffentlich vorführen und darüber hinaus für alles, was shiny ist und showy: Diamanten an allen Fingern, Ecken und Enden, hellblaue Bentleys und bodenlange Chinchillas. 

Prototyp für Bling ist Puff Daddy alias P. Diddy, der im Sommer die Gesellschaft in St. Tropez, im Winter auf St. Bart mit seinen fabelhaften Partys unterhält. 

Ist nicht mein Stil, werden Sie sagen. Meiner ist es auch nicht. Dennoch war er uns eine Titelgeschichte wert. Sicher, Bling-Bling ist „over the top“, eine „übertriebene Form des amerikanischen Traums“, wie die Musikjournalistin Erica Kennedy in einem Buch über den Stil schrieb, aber deswegen ist es noch lange nicht plemplem. 

Bling-Bling ist mehr als eine abseitige Mode, es enthält wichtige Botschaften für uns alle. 

Übertrieben oder nicht, der amerikanische Traum vom Reichtum als Möglichkeit für jedermann mit Talent und Fleiß ist ein Menschheitstraum, den tagtäglich hunderte von Millionen träumen. Er treibt Fortschritt und allgemeinen Wohlstand. 

Das sollten wir bedenken, wenn wir uns über Bling-Bling amüsieren oder mokieren. Neureiche hatten nie den besten Geschmack, aber einmal abgesehen davon, dass aller Reichtum einmal neu war und in showy times auch besonders showy auftritt – wir sollten froh sein, dass es Neureiche überhaupt noch gibt. Sie sind, aufdringlich oder nicht, der lebende Beweis dafür, dass es, wenn schon nicht mehr bei uns, dann wenigstens anderswo in der Welt, noch vorangeht, die Wirtschaft wächst, der (amerikanische) Traum lebt. 

Und noch eine weitere, Schreck lass nach, stilbildende Botschaft birgt Bling-Bling für uns alle: Es erinnert uns daran, dass echter Stil immer ein Ausdruck der eigenen Persönlichkeit ist – und nicht umgekehrt. Stil kann also nur haben, wer den Mut hat, aus sich herauszugehen, wer die Regeln zwar kennt – sie aber passend zu seiner (ihrer) Persönlichkeit zu brechen oder doch mindestens zu dehnen wagt. 

Dieser Mut ist uns allen zu wünschen. Es muss ja nicht gleich Chinchilla sein. 

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