„Deutsche verspätet“

Archiv: „Deutsche verspätet“

German Gref » Der russische Wirtschaftsminister über eigene Fehler und Erleichterungen für ausländische Investoren. 

Herr Gref, der russische Staat weitet seinen Einfluss auf die Wirtschaft wieder aus. Wie fühlen Sie sich als Marktwirtschaftler und Liberaler im Kreml? 

Es ist nicht meine Mission, liberal zu sein. Ich muss sicherstellen, dass sich die russische Wirtschaft entwickelt. Und das kann nur passieren, wenn wir den Menschen die maximale wirtschaftliche Freiheit gewähren. Zu viele Menschen in Russland verstehen das nicht. Ich will den Einfluss der Bürokraten so weit wie möglich zurückdrängen und Werte wie Besitz und freies Unternehmertum stärken. 

Anzeige

Andere aufstrebende Länder sind da schon weiter. Warum sollten Unternehmer in Russland investieren? 

Wir kennen unsere Stärken und Schwächen sehr gut. Wir können einiges vorweisen: Im vergangenen Jahr ist das russische Bruttoinlandsprodukt, kurz BIP, um sechs Prozent gewachsen. Unser Haushaltsüberschuss beläuft sich auf sieben Prozent des BIPs. Die Kurse an der Börse Moskau haben um 86 Prozent zugelegt, das schaffte keine andere Börse der Welt. Und die ausländischen Direktinvestitionen haben sich 2005 verdoppelt... 

...dümpeln aber immer noch auf einem niedrigen Niveau. 

Korrekt, mit dem Niveau bin ich nicht zufrieden. Aber die Dynamik stimmt. Wir dürfen nicht vergessen, was Russland in den Neunzigerjahren durchgemacht hat, als wir 60 Prozent des Bruttoinlandsproduktes verloren. Das Land hat einen Umbruch erlebt. In den vergangenen fünf Jahren hat sich die Situation wesentlich stabilisiert. Die Investoren nehmen das übrigens sehr genau wahr. 

Aber die Verhandlungen mit Volkswagen und DaimlerChrysler über Direktinvestitionen kommen nicht voran. 

Wir haben Volkswagen kürzlich versichert, dass wir alle strittigen Fragen ausräumen werden. Ich bin mir sicher, dass wir schon bald eine Vereinbarung unterzeichnen. Auch mit DaimlerChrysler verhandeln wir weiter. Allerdings kommen die Deutschen spät und werden nicht mehr den Marktanteil erreichen, den sie hätten haben können. Ford beispielsweise ist schon seit drei Jahren in Russland und produziert inzwischen 60 000 Pkws im Jahr, obwohl zunächst nur 30 000 Stück geplant waren. Die Kunden warten mittlerweile neun Monate auf einen Wagen. 

Bis jetzt konzentrieren sich die Direktinvestitionen auf wenige Branchen... 

...was wir dringend ändern müssen. Das wird der Schlüssel zu wirtschaftlichem Erfolg. Wir haben im vergangenen Jahr Gesetze verabschiedet, dank derer wir Wirtschaftssonderzonen schaffen können. Dort werden Unternehmen ihren Geschäften völlig unbürokratisch nachgehen. Wir planen vereinheitlichte Anlaufstellen für Investoren, so genannte One-Stop-Shops, und Steuererleichterungen. 

Was nützt das, wenn Investoren das Gefühl haben, sie könnten dem Kreml nicht trauen? Analysten kritisieren, dass Regierungsentscheidungen oft schwer durchschaubar sind. 

Wir erklären unsere Politik schlecht, da müssen wir noch einiges lernen. Wenn wir versuchen, unsere Entscheidungen zu verkaufen, ist das manchmal kontraproduktiv – etwa bei den Gaslieferungen an die Ukraine. Die Situation war klar, aber auf einmal hatten wir eine völlig politisierte Debatte. Ich werde jetzt noch oft nach dem Gas-thema gefragt. Die Antwort ist einfach. Ein Unternehmen wie Gazprom muss sich am Markt orientieren, sonst wundern sich die privaten Anteilseigner, in was für eine Art Unternehmen sie investiert haben. Gazprom kann den Deutschen das Gas nicht fünfmal teurer verkaufen als den Ukrainern. 

In Russland selbst halten Sie den Gaspreis weiterhin künstlich niedrig. Wie lange noch? 

Bei den Verhandlungen über den Beitritt zur Welthandelsorganisation, der WTO, haben wir die Preisentwicklung bis 2012 geregelt. Bis dahin wird sich der Gaspreis für russische Kunden mehr als verdoppeln. 

Was wird sich grundsätzlich ändern, wenn Russland voraussichtlich zum Jahresende der WTO beitritt? 

Die WTO-Mitgliedschaft ist kein Zauberstab, aber vieles wird für unsere Handelspartner und Investoren transparenter. Das Investitionsklima wird sich erheblich verbessern. 

silke.wettach@wiwo.de | Brüssel 

Anzeige

Twitter

Facebook

Google+

Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%