Archiv: Deutschland verdummt

Stefan Baron über die Bedrohung des Standorts 

So muss es auf der Titanic gewesen sein: Während der havarierte Ozeanriese langsam, aber stetig sinkt, spielt die Bordkapelle unverdrossen weiter, und das Personal stellt die Liegestühle auf Deck um. 

Auch der Wohlstandsdampfer Deutschland sinkt langsam, aber stetig – das Überleben unseres Landes als einer führenden Wirtschaftsnation, unser Status als Exportweltmeister, die Qualitätsmarke Made in Germany, kurz: unser Wohlstand und unsere Weltgeltung sind massiv bedroht, aber wir wollen dies nicht wirklich wahrhaben und stemmen uns deshalb nicht mit aller Kraft dagegen. 

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Etwa die Hälfte der Frauen unter 40 mit akademischem Abschluss in diesem Lande hat keine Kinder. Zugleich verlässt fast die Hälfte des Nachwuchses aus kinderreichen, aber wenig gebildeten Familien mit Migrationshintergrund die Schule ohne Abschluss. Ergebnis: Deutschland verdummt. Oder, vornehmer ausgedrückt: Die Qualität des Faktors Arbeit, das Humankapital am Standort Deutschland, verschlechtert sich. 

Das ist genau das Gegenteil dessen, was wir brauchen. Unsere einzige Chance, im internationalen Standortwettbewerb zu bestehen und den erworbenen Wohlstand zu bewahren, besteht in einer weiteren Verbesserung des Humankapitals, sprich: in Bildung, Bildung und noch einmal Bildung. Deutschland muss zudem bei Forschung und Entwicklung ganz vorne mitspielen, (wieder) zu dem Land der Ideen werden, das es über viele Jahrhunderte war. 

Gewiss – neuerdings tun die politisch Verantwortlichen etwas mehr für die lange Zeit sträflich vernachlässigte Bildung, für Forschung und Entwicklung und auch für Familien. Das Thema Integration ist auf der Reformagenda ebenfalls nach oben gerückt. Auch die kürzere Schulzeit und das höhere Renteneintrittsalter sind Schritte in die richtige Richtung. Allerdings bleibt zu fragen, ob dies alles nicht zu spät kommt. 

Denn alle bildungs-, bevölkerungs- und integrationspolitischen Maßnahmen, die wir heute beschließen, können erst nach etwa zwei Jahrzehnten Wirkung zeigen. Erst dann wird sich der Faktor Humankapital spürbar verbessern. Und auch das nur, wenn wir noch viel mehr Mittel als bisher vorgesehen dafür bereitstellen und diese effizient einsetzen. Selbst dann bliebe fraglich, ob es am Ende reicht. 

So lässt sich etwa überhaupt nicht vorhersagen, um wie viel selbst eine perfekte Versorgung mit Ganztagskindergärtenund -schulen die Gebärfreudigkeit gut ausgebildeter Frauen steigern würde. Oder inwieweit den verstärkten Integrationsbemühungen des Staates auch die erforderliche Integrationsbereitschaft und -fähigkeit der Zugewanderten gegenüberstehen. 

Bleibt als letzte Rettung noch eine radikal andere, ganz am ökonomischen Nutzen orientierte Einwanderungspolitik, die ausschließlich darauf abzielt, den progressiven Wertverlust des Humankapitals durch die demografische Entwicklung in diesem Land wettzumachen. An dieses Themahat die große Koalition sich bisher nichtgewagt. 

Das vermag niemanden zu verwundern: Eine solche Politik käme einer Kultur-Revolution gleich, die kompromisslos alles auf den Müllhaufen der Geschichte befördert, was die Kulturrevolution der 68er mit sich gebracht hat. Sie wäre gleichbedeutend mit einer strikten (Neu-)Orientierung der Nation am Leistungsprinzip. Denn anders ließen sich die benötigten Talente aus aller Welt nicht anlocken. 

Deutschland würde dadurch ein ganz anderes Land. Aber das wird es auch so. Diese Wahl haben wir nicht mehr. Wir können nur noch wählen, ob wir ein armes oder ein wohlhabendes, ein unbedeutendes oder ein bedeutendes Land sein wollen. Das Deutschland, das wir kennen, geht auf jeden Fall unter. 

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