Die Chancen erkennen Heinrich v. Pierer über Energiemärkte und Energiepolitik

Archiv: Die Chancen erkennen Heinrich v. Pierer über Energiemärkte und Energiepolitik

Vielleicht erstaunt es manchen angesichts der hochgeschnellten Energiepreise: Die Entwicklung auf den Energiemärkten bietet uns große Chancen, Wettbewerbsstärke zu beweisen und Markterfolge zu erringen. Und auch das mag angesichts der offenen politischen Situation nach der Bundestagswahl überraschen: Fast alles, was energiewirtschaftlich zu tun ist, lässt sich unabhängig vom Streitthema Kernenergie voranbringen. Wie auch immer die künftige Bundesregierung aussieht – hier ist ein weites, ideologiefreies Betätigungsfeld zur Stärkung Deutschlands. 

Klar ist: Die Nachfrage nach Energie steigt durch die Zunahme der Weltbevölkerung, verbunden mit dem Aufholprozess und Wohlstandszuwachs in Schwellen- und Entwicklungsländern. Prognosen sagen, 2020 liege der Energieverbrauch 40 Prozent höher als heute. Das Gros des Zuwachses beanspruchen aufstrebende Länder. So erwartet China eine Vervierfachung seiner Wirtschaftsleistung und die Verfünffachung des Energieverbrauchs. 

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Zu den Rahmenbedingungen auf den Energiemärkten gehören auch die Endlichkeit der Primärenergieträger Öl, Gas und Kohle sowie zunehmende Explorationskosten. Dann sind Energiefragen ein Politikum und Machtfragen. Zum Beispiel liegen 70 Prozent der bekannten Erdgasreserven auf dem Gebiet beiderseits des Persischen Golfs bis nach Westsibirien. Eine solche regionale Konzentration kann Unwägbarkeiten mit sich bringen. Dazu kommen Risiken durch Terrorismus und Naturkatastrophen. 

Die aktuelle Preisentwicklung ist mehr als ein kurzfristiger Ausschlag des Ölpreises, sie markiert einen langfristigen Trend. Umso mehr muss man die Rahmenbedingungen realistisch einschätzen, alle Gestaltungsparameter nutzen und dazu drei Teilaspekte betrachten: Stromerzeugung, Energienetze und Verbrauchseffizienz. Bei allen drei haben wir exzellente Technologiepositionen. Diese Stärke sollten wir maximal nutzen. 

1. Stromerzeugung. Von Land zu Land ist die Segnung mit Primärenergie unterschiedlich. Nicht überall sind regenerative Energieträger gleich gut nutzbar – Wasserkraft etwa trägt in Deutschland mit 4,5 Prozent, in Österreich mit 70 Prozent zur Stromerzeugung bei. Die Kraftwerksparks sind in unterschiedlichem Zustand, deshalb sind die Erfordernisse für ihre Erneuerung und Erweiterung ungleich. Aber global betrachtet ist der steil wachsende Strombedarf nur mit einer Modernisierung und Ausweitung von Kapazitäten und mit allen Arten der Stromerzeugung zu erfüllen. Wie nachhaltig dies im Sinne von Ressourcenschonung und Klimaschutz geschieht, hängt von der Rationalität der Energiepolitik und dem technischen Fortschritt ab. 

Beispiel Windenergie: Die Anlagen sind effektiver geworden und arbeiten mit höherem Wirkungsgrad. Die Innovationsdynamik hält an. Beim aktuellen Subventionslevel von rund drei Milliarden Euro kann es allerdings nicht bleiben. Solar: Wie lassen sich die hohen Erwartungen an die Solarenergie erfüllen? Noch sind die Wirkungsgrade niedrig, die Kosten hoch, die Lebensdauer der Zellen nicht ausreichend. Und der Solaranteil an der Stromerzeugung Deutschlands liegt unter 0,1 Prozent. Geothermie: In geologisch geeigneten Regionen wie dem Rheingraben und Teilen Süddeutschlands sind viel versprechende Projekte im Gang. Biomasse: In Wien wird demnächst Europas größtes Waldbiomassekraftwerk 50 000 Haushalte mit Strom und 12 000 mit Fernwärme versorgen. Eingesetzt werden etwa Bruchholz und Grünschnitt. 

Dann Wasserstoff: Er lässt sich anders als Strom gut speichern. Aber Wasserstoff ist ein sekundärer Energieträger und muss unter hohem Stromeinsatz gewonnen werden. Bis die Vision von der solaren Wasserstoffwirtschaft, also der Gewinnung von Wasserstoff mit unbegrenzt verfügbarer Sonnenenergie, Realität wird, hat die Forschung noch viel zu tun. Ähnlich ist es mit der Brennstoffzelle: Viel versprechend, aber davor liegt hoher Forschungsaufwand. 

Realitätsnäher ist das CO2-freie Kraftwerk: Technisch ist es möglich und als Projekt der Initiative Partner für Innovation im Fokus von Wirtschaft, Wissenschaft und Politik. Doch der Preis sind Einbußen beim Wirkungsgrad und erhöhter Primärenergieeinsatz. Hier steht noch viel Entwicklungsarbeit an. 

2. Netzgüte, -stabilität und -verbünde. Blackouts in Europa und den USA haben Schwächen selbst in führenden Industrieländern gezeigt. Noch viel größere Potenziale gibt es in anderen Ländern, etwa durch Ertüchtigung der Energienetze in Russland. Warum nicht auch überlegen, Russland in den europäischen Stromverbund UCTE einzubeziehen oder mit intelligentem Netzmanagement freie Kapazitäten zu virtuellen Kraftwerken zusammenzuschalten? Größere Schritte nach vorn würden erleichtert durch eine gemeinsame europäische Energiepolitik, die durchaus unterschiedliche nationale Lösungsansätze respektieren könnte. 

3. Optimierter Verbrauch – im Verkehr, bei industriellen Prozessen, bei Haushaltsgeräten. Ein Riesenthema ist die energiewirtschaftliche Optimierung von Gebäuden. Stromverbrauch, Klima, Licht, Wärmedämmung, Aufzüge. Überall lassen sich Hebel ansetzen und Potenziale entdecken – besonders im öffentlichen Bereich, etwa in Schulen. Die dafür erforderlichen Investitionen müssen kein Hindernis sein. Denn hier gibt es private Betreibermodelle, in denen Investoren Betrieb und Modernisierung von Gebäuden übernehmen und aus den Einspareffekten finanzieren. 

Wir sind für die angespannte Situation auf den globalen Energiemärkten prinzipiell gut gerüstet: durch unsere Technologieposition, Lösungskompetenz und Geschäftsmodelle. Zusätzlich brauchen wir effektives Zusammenspiel von Politik, Wissenschaft und Industrie. Benchmark im effizienten Umgang mit Energie – damit sollten wir Deutschlands Profil global schärfen. 

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