Archiv: Die Charity Society

WarumAmerikasReicheso gernstiften gehen. 

Am Auktionspult standen das Supermodel Christie Brinkley im Glitzerkleid und der Filmregisseur Barry Sonnenfeld mit Cowboyhut. Sie gaben alles, um Höchstpreise für exklusive Kunstwerke zu erzielen. Ein möglichst großzügiger Erlös sollte der Organisation Planned Parenthood Hudson Peconic zugutekommen, die sich um Familienplanung im New Yorker Umland kümmert. 

Mit kalkulierten Gags und erotischen Anspielungen kämpften die Stars gegen die Langeweile im Publikum. Vergebens. Das Foto der In-Fotografin Inez van Lamsweerde, das Porträt von Maler Eric Fischl, das Privatdinner für acht im Haus des Künstlers Chuck Close – die Gäste hoben bereitwillig die Hände, nur damit es zügiger voranging. Ihr Gesichtsausdruck verriet, was sie nicht aussprachen: Mein Gott, hoffentlich wird bald das Buffet eröffnet. 

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600 Reiche und Einflussreiche hatten sich am 27. Mai ins Anwesen von Patsy und Jeff Tarr in East Hampton chauffieren lassen. Als Beruf geben die Tarrs Philanthrop an, ihr Vermögen haben sie geerbt. An jenem Abend spendeten ihre Gäste eine Viertelmillion Dollar. Sie schrieben Schecks über 8000 Dollar für Bilder, die vielleicht nur 6000 wert sind. Sie ließen sich fotografieren für die Web-Site von Planned Parenthood und für die Society-Gazette „Hamptons Magazine“: Sarah Jessica Parker, Isaac Mizrahi, die Vreelands, die Hirschs, die Perlbinders, die Lichtensteins – ein guter Teil der gehobenen Gesellschaft New Yorks war erschienen. Sie bewunderten den preisgekrönten Park der Tarrs. Sie aßen Spargelspitzen in Parma. Sie gaben ihr Geld ab. Dann brachten die Chauffeure die Wohltäter wieder zurück auf ihre Anwesen. 

Alle hätten zufrieden sein können mit diesem Abend, und doch sorgte die Veranstaltung – besser, der Termin – für Unmut: Ein ungeschriebenes Gesetz regelt in den feinen Kreisen New Yorks, wie die Saison der Spendenpartys abzulaufen hat. In den Hamptons startet sie mit dem traditionellen Beginn der Sommerfrische am Memorial-Day-Wochenende – dann nämlich, wenn sich das gesellschaftliche Leben von der Upper East Side Manhattans nach Long Island verlagert. Am Labor-Day-Wochenende Anfang September schließt es. Dann geht es in der Ballsaison zwischen Thanksgiving und Weihnachten daheim in der Upper East Side noch mal richtig zur Sache. Und im folgenden Frühling fängt es leise wieder an mit den Benefizveranstaltungen für Museen, Orchester und andere kulturelle Einrichtungen. 

In diesem Jahr, nach über 70 Jahren Planned Parenthood in den Hamptons, brach die Initiative dieses eherne Gesetz: Schon zwei Tage vor Memorial Day luden die Organisatoren zum Gartenfest. Dazu sagt Sandy Perlbinder, seit den Sechzigerjahren eine Institution bei althergebrachten New Yorker Charity-Soiréen: „Es wird immer verrückter mit den Partys. Die Einladungen türmen sich, manchmal kommen vier pro Woche oder mehr. Jetzt fängt die Saison schon im Mai an. Ich bekomme vor lauter Benefiz-Stress den Ozean schon seit Wochen nicht mehr zu Gesicht.“ 

Planned Parenthood jedoch blieb keine andere Wahl, als vorzuziehen. Denn am ersten Juni-Wochenende stritten bereits acht Veranstaltungen um die Schecks der Millionäre: Ein Kartoffelfest zugunsten von Herzkranken fand statt, ein Strandfest für das Kinderhospiz von Bridgehampton, ein Jazzfest für Öko-Farmen in Southampton. Bis September ist kein Abend mehr offen im Charity-Kalender. Golfturnier gegen Aids und Poloturnier gegen Brustkrebs; Pianokonzert für eine ungarische Musikschule und Wettsegeln für bedrohte Baudenkmäler in Neuengland – das wird sogar denen zu viel, die vom Boom des Gutmenschentums profitieren. „Seit April kriege ich zehn Anfragen pro Woche, um Charity-Partys auf die Beine zu stellen“, sagt die Promoterin Lizzie Grubman, die professionell Benefizveranstaltungen organisiert, „letztes Jahr waren es fünf, und selbst das waren schon zu viele.“ 

Kein Zweifel, New Yorks Reiche gehen stiften – und zwar mit solcher Exuberanz, dass Beteiligten und Außenstehenden schwindlig werden kann. Jüngstes Beispiel: der Spendencoup von Investmentmogul Warren Buffett, 76, der seinem Freund, dem Software-Tycoon Bill Gates sukzessive Aktien im Wert von 31 Milliarden Dollar für dessen Stiftung vermacht. Damit wird sich die Finanzkraft der Bill & Melinda Gates Foundation in den kommenden Jahren mehr als verdoppeln (und Buffett rund fünf Milliarden Dollar Steuern sparen). Schon ehe Warren Buffett seine Mittel einbrachte, war BillGates' Privatstiftung mit 29 Milliarden Dollar (über die Hälfte seines Vermögens) die wohlhabendste der Welt. Sie fördert Impfprogramme und Forschungsprojekte in der Dritten Welt effektiver als die Regierung der USA. 

Das Spenden im ganz großen Stil hat in Amerika Tradition. Kein Krankenhaus, keine Universität, kein Museum, keine Sozialeinrichtung, die nicht ihre Förderer auf Bronzeplaketten im Foyer würdigt, wenn sie die Gönner nicht gar im Namen trägt. Anders als die europäischen Staaten mit ihren ausgeprägten Sozialsystemen ist die amerikanische Gesellschaft auf privates Engagement und Initiative von Wohltätern angewiesen. Mehr noch, das Land der Selfmade-Kultur ist ganz und gar darauf angelegt. Das hat sowohl mit Religion als auch mit Mentalität zu tun: Der Protestantismus anglikanischer Prägung verlangt Tüchtigkeit und Erfolg; der aber verpflichtet den Erfolgreichen wiederum zu aktiver Nächstenliebe in Form von Spenden. Amerikaner zu sein, heißt auch, dem Staat mit einem tief verwurzelten Misstrauen zu begegnen. Dazu gehört, dass der Erfolgreiche seinen Erfolg in bester Pioniertradition mit Bedürftigen teilt. Dies umso mehr, als sich die staatlichen Sozialausgaben in den USA in engen Grenzen halten. 

Doch auch Gutmenschentum will organisiert sein. Der schiere Organisationsaufwand der zahlreichen Wohltätigkeitsveranstaltungen und das gewaltige Dollar-Volumen der Spendentransaktionen brachte eine neue Spezies hervor, gleichsam den Adel der spendablen Gesellschaft: die Charity Ladies. Sie verstehen sich nicht als gemeine Socialites (berühmt sein fürs Reichsein kann jeder), sondern als Philanthropinnen in der Tradition einer Brooke Astor, der Königin aller Charity Ladies (siehe Seite 44). Wohltätigkeit – das ist für diese Damen eine Karriere mit Status auf der obersten sozialen Stufe. 

Ihre Tage sind ausgefüllt mit Networking bei Lunches und Dinners und Kontakten zu PR-Leuten, die ihren Ruf als Philanthropinnen in den Medien verstärken. Sie beschwatzen einen Bill Clinton zu einer Golfrunde mit dem Gewinner ihrer Charity-Auktion, betteln bei Tiffany um Luxusreisen zu Diamantenminen und betören einen Manolo Blahnik, sich für Benefiz-Galas zur Verfügung zu stellen. Bis zu vier Soiréen arbeiten sie pro Abend ab. Manchmal schicken sie den Ehegatten auch zu Parallelveranstaltungen, nach der Taktik „divide and conquer“ – teile und herrsche. 

Ganz oben im Ranking als Darling der High Society und Edel-Spendeneintreiberin steht die gebürtige Kolumbianerin Dayssi Olarte de Kanavos, 43, die sich mit Ehrgeiz, Charisma und gutem Aussehen in die Spitzenpositionen der wichtigsten Komitees katapultiert hat. Meint das Internet-Bulletin „Society Diaries“: „Sie ist die Brooke Astor von heute.“ Sie dürfte auch eine der wenigen Social climber im erlauchten Kreis der Charity Ladies sein. Heimvorteile haben dagegen Damen wie Muffie Potter Aston, die wie viele ihrer Mitstreiterinnen aus der Welt der Public Relations kommt (sie war PR-Managerin bei Van Cleef & Arpels). Sie heiratete einen der bekanntesten New Yorker Schönheitschirurgen, Dr. Sherrell Aston. Den dritten Kreis von Charity Ladies stellen die Erbinnen großer Vermögen. Da sind die Twens aus dem Hearst-Clan, aus dem der Trumps, der Bushs. Und da sind karitative Prestige-Sprösslinge aus Familien wie die der Lauders, der Rockefellers, der Fords und der Fairchilds. Als It-Girl unter den Philantropinnen gilt zurzeit Fabiola Beracasa, Tochter von Veronica Hearst, die außer ihrem geldigen Hintergrund auch noch eine Karriere als Eventkoordinator bei Dior mit in ihr Portfolio einbringt. 

Das Feiern für einen guten Zweck ist in New York regelrecht zum Volkssport geworden. Inzwischen greift der Charity-Hype sogar aufs gewöhnliche Nachtleben über. Clubs feiern Themenpartys zugunsten junger Kriegsveteranen oder Hungernder in Darfur und immer wieder für den Kampf gegen die populärste aller Krankheiten, Aids. Es scheint, als würden sogar die nicht so reichen New Yorker vom schlechten Gewissen gequält, wenn sie feiern, ohne dabei einen noblen Zweck zu unterstützen. 

„The Chronicle Of Philanthropy“ berichtet, dass dieAmerikaner im vergangenen Jahr 250 Milliarden Dollar spendeten an 1,8 Millionen Nonprofit-Organisationen, wie die gemeinnützigen Einrichtungen heißen. Jeder werktätige Amerikaner gab im Schnitt 1200 Dollar – ein Rekord, derzustande kam, weil die Wirbelstürme Katrina, Rita und Wilma sowie die Erd- und Seebeben in Asien das Mitleid weckten. Obwohl in New York nur 27 000 Nonprofits ihren Sitz haben, gilt die Stadt als das Zentrum der Philanthropie in Amerika. 

Wer Geld an eine Nonprofit-Einrichtung überweist, kann den Betrag von der Steuer absetzen, was erklärt, warum neun von zehn Dollar in den letzten vier Wochen des Steuerjahrs auf den Konten der Organisationen eingehen. Die wichtigsten Fragen in dieser riesigen Branche, die in den USA fast so viel Geld umsetzt wie die chemische Industrie: Was ist ein Nonprofit, wer darf ein Nonprofit betreiben und was macht das Nonprofit mit dem Geld? 

Museen, Universitäten oder politische Thinktanks haben denselben steuerrechtlichen Status wie eine Suppenküche, die in Harlem Obdachlose versorgt. Während es aber Museen und Elite-Universitäten prächtig geht, müssen weniger prestigeträchtige Nonprofits leiden. Der traditionsreiche Harlem Boys Choir steht vor der Auflösung; die berühmte Obdachlosenmission in der Bowery musste die Bettenzahl reduzieren, obwohl die Zahl der Obdachlosen im vergangenen Winter erstmals seit vielen Jahren wieder zunahm; der Zustand der öffentlichen Schulen verschlechtert sich täglich, und immer mehr junge Lehrer verlassen die Stadt, weil sie die Arbeitsbedingungen nicht ertragen. 

Einer der paradoxen, ja geradezu perversen Effekte der amerikanischen Wirtschaftspolitik bewirkt, dass es zwar einerseits immer mehr private Wohltätigkeit gibt, aber gleichzeitig auch die Armut immer mehr zunimmt. Das wiederum führte dazu, dass eine neue Generation von Großspendern sich von den etablierten Charities abwendet und stattdessen nach effektiveren Hilfsmöglichkeiten sucht. 

Jamie Rubin, Partner eines Tochterunternehmens von J.P. Morgan Chase und Sohn von Bill Clintons Finanzminister Robert Rubin, gehört zu jenen New Yorkern, deren Briefkästen vor Charity-Einladungen überquellen: „Ich war diese Feiern leid, ich brauche kein Galadinner, um zu helfen.“Gemeinsam mit 20 Kollegen von der Wall Street gründete er das Unternehmen United Way, das gemeinsam mit der Dachorganisation Community Resource Exchange kleinen Nonprofits in Armenvierteln hilft. 

Harlem Children’s Zone (HCZ) ist so ein Sozialprojekt. Dank der Hedgefonds-Manager ist es in der Lage, doppelt so viele Kinder zu betreuen wie 2004. „Die alte Generation an der Wall Street spendet für Colleges und Universitäten“, sagt HCZ-Vorsitzender Geoffrey Canada. „Die Jungen denken über ihre eigenen Belange hinaus, haben ein soziales Gewissen und helfen, ohne viel Aufsehen erregen zu wollen.“ 

Jamie Rubin trifft immer mehr Gleichgesinnte unter seinen Kollegen in der Finanzwelt. 100 Women in Hedge Funds, Tiger Foundation, Hedge Funds Care, Robin Hood Foundation – sie alle arbeiten nach dem Konzept, das auch Rubin anwendet: Für kleine Nonprofits eine Infrastruktur entwickeln und dann dafür sorgen, dass die Organisation effektiv arbeitet. Ganz ohne Partys kommt freilich auch dieses Konzept nicht aus. Als die Robin Hood Foundation – ihr Motto lautet: „Wir bekämpften die Armut in New York City“ – im Mai zur Jahresgala ins Kongresszentrum lud, erschienen 4000 Spender und hinterließen 32 Millionen Dollar. 

Dieses Mal stand am Auktionspult Jamie Niven von Sotheby’s. Er hatte keine Mühe, die Gäste bei Laune zu halten. Gwyneth Paltrow, Elton John, David Bowie, Ralph Lauren und Hunderte Hedgefonds-Manager jubelten ihm zu. Allein für einen Ford Mustang erzielte Niven 390 000 Dollar. 

Zum Schluss versteigerte der Auktionator „Investitionen“ in Büchereien von öffentlichen Schulen. „Ich hatte schon befürchtet, die Zertifikate nicht loszuwerden“, erzählt Niven. Doch da lag er falsch. Es dauerte nicht einmal eine halbe Minute, bis 20 Gebote vorlagen. Jeder dieser Käufer investierte 250 000 Dollar in Schulbücher für unterprivilegierte Kinder. 

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