Archiv: Die Droge Macht

Stefan Biskamp über Mut 

Es gehört eine ganze Portion Mut dazu, sich so vor die Kameras zu stellen, bleich und mit stockender Stimme zu sagen: „Es hat keinen Sinn mehr, gegen die Wand zu laufen.“ Seit November war Matthias Platzeck SPD-Chef und Ministerpräsident in Brandenburg zugleich. Er habe seine Kräfte überschätzt, als er den Parteivorsitz übernahm, sagte er am vergangenen Montag. Zwei Hörstürze erlitt er, einen Kreislauf- und Nervenzusammenbruch. 

Dass einer aus dem Topmanagement in Politik oder Wirtschaft öffentlich eingesteht, er sei zu schwach, und den Job einem Stärkeren übergibt, kommt selten vor. In der Regel ist es das Karriereende. Auch Platzeck hat sich selbst – und seine Umgebung –, wie er sagt, lange darüber getäuscht, wie es um ihn stand. Und tappte so in die gleiche Falle wie viele Vorstände und Politiker vor ihm: der Droge Macht zu erliegen und sich für unersetzbar zu halten. 

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Manager und Politiker sind weit leichter zu ersetzen, als sie es sich oft vorstellen können. „Kurt Beck wird die Arbeit am Grundsatzprogramm in der Kontinuität von Matthias Platzeck fortsetzen“, sagte SPD-Fraktionschef Peter Struck bündig – einen Tag nach Platzecks Rücktritt im Gespräch mit der WirtschaftsWoche, das Sie ab Seite 26 lesen. Das politische Berlin hat nur einen Moment den Atem angehalten. 

Dabei ist der Glaube an die eigene Unfehlbarkeit durchaus verständlich. Topmanager und Politiker haben einen – wenn auch meist luxuriös bezahlten – knüppelharten Job, arbeiten täglich 16 bis 18 Stunden unter der Woche, oft auch am Wochenende. Bis sie oben angekommen sind, haben sie sich gegen eine Armada von Widersachern durchgesetzt – und bekommen es täglich mit neuen Gegnern zu tun. Wer das nicht aushält, ist nicht stark genug für die Verantwortung über tausende Jobs, eine große Partei oder gar ein ganzes Land. 

Platzeck hat es nicht ausgehalten. Dass er nicht nur gesundheitlich angeschlagen war, sondern als Parteichef und wahrscheinlicher Herausforderer Angela Merkels in drei Jahren noch weitere Defizite mitbrachte, hat er schon angedeutet: Er sei ein Mensch, der etwas entweder ganz oder gar nicht mache, sagte er. Augenscheinlich verlor er sich als Perfektionist in Details, schaffte es nicht, das weniger Wichtige zu delegieren, um sich auf das Wesentliche zu konzentrieren. 

Am vergangenen Montag hat er sich auf das Wesentliche konzentriert. Seine Gesundheit. Nicht auszumalen, wenn ihm die Erkenntnis, er könne nicht weiter gegen die Wand laufen, erst nach der nächsten Bundestagswahl gekommen wäre. Es sei die schwerste Entscheidung seines bisherigen Lebens, sagte er. Tatsächlich wäre es viel einfacher gewesen, die Schuld an Profilunschärfe und katastrophalen Umfragewerten der SPD bei anderen in der Partei zu suchen und sich durchzulavieren. Die Entscheidung zurückzutreten war mutiger – man hätte diesen Mut schon manchem Konzernchef gewünscht. 

Wie sich Gesundheit, Familie und ein harter Job unter einen Hut bringen lassen, zeigt Tom LaSorda (siehe Porträt ab Seite 118). Seine Aufgabe ist abendfüllend, er ist Chef des angeschlagenen amerikanischen Autoherstellers Chrysler, den Daimler 1998 kaufte. Doch LaSorda sorgt mit eiserner Disziplin dafür, dass ihm sein Privatleben nicht entgleitet. Um halb sechs Uhr morgens klingelt bei ihm der Wecker. Mehrmals in der Woche schwitzt er in seinem Fitnessstudio. Zeitpläne hält er in der Arbeit strikt ein, wer sich bei ihm verspätet, bekommt ein Problem. Oft macht er so bis sieben Uhr abends im Büro das Licht aus. Und am Wochenende arbeitet er nur einmal: am Samstagmorgen. Wenn er fertig ist, weckt er seine Frau mit einem Kuss. 

Vielleicht hält LaSorda deswegen auch den härtesten Job aus. Ihnen, liebe Leserinnen und Leser, ein frohes Osterfest! 

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