Archiv: Die Magie der 740

Für New Yorks Reiche, egal, ob old money odernouveau-riche, galt die Prestigeadresse immer als oberste Sprosse der Sozialleiter. 

Seit 75 Jahren lechzt in New York alles, was Rang und Namen hat, nach einer Wohnung in der 75 Jahre alten Luxus-Trutzburg 740 Park Avenue. Doch auch der Reichtum der windigeren Sorte etablierte sich gern an der Prestige-Adresse, wie der US-Journalist Michael Gross in seiner Chronik des legendären Apartmenthauses erzählt. 

Maurice E. Olen war wohl nicht der erste Gauner, der in Nr. 740 Park wohnte, aber er war der erste, der erwischt wurde. „Meine Eltern haben das Apartment gekauft und gleich wieder verkauft, bevor wir überhaupt eingezogen sind“, sagt sein Sohn, Steve Olen. „Meine Mutter möchte nicht darüber reden.“ 

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Maurice Olen war ein ehrgeiziger junger Mann aus Mobile, Alabama, wo sein Vater, H. E. Olen (geboren unter dem Namen Olinsky, wie Steve glaubt), eine „Kette“ von zwei Billigkaufhäusern gründete. Maurice stieg im Alter von 23 Jahren in die Firma seines Vaters ein, die über die Jahre hinweg auf 107 Kaufhäuser und weitere im Bau befindliche anwuchs; zu diesem Zeitpunkt entschloss er sich, an die Börse zu gehen. Im Jahr 1957 eröffnete Olen ein Vollzeit-Einkaufsbüro in New York und begann damit, eine Woche jeden Monat in der City zu verbringen, wo er im Hotel Pierre wohnte. Olen glaubte fest an den wissenschaftlichen Ansatz beim Verkauf und bei der Personalpolitik und prahlte gegenüber der „New YorkTimes“, dass er im laufenden Jahr einen IBM-Computer installiert, die Lager- und Qualitätskontrolle eingeführt, eine Fabrik zur Herstellung seiner eigenen Ladeneinrichtung eröffnet und eine neue Personalpolitik für die Behandlung von Führungskräften eingeführt habe, deren Leistung hinter den Erwartungen zurückblieb. Diese bestand darin, dem Mann eine Gehaltserhöhung zu geben, um ihn zu zwingen, entweder „zu zeigen, was in ihm steckt“, oder die Firma zu verlassen. Er hatte es sich zum Ziel gesetzt, Olen Stores zur First National Bank des Einzelhandels zu machen. 

Im April 1958 ging Olen an die Börse. Im Herbst desselben Jahres folgte die Fusion mit einer Einzelhandelskette namens H. L. Green, und Olen übernahm für 49 600 Dollar im Jahr (das sind 318 000 Dollar nach dem Standard von 2004) den Posten des Vorstandsvorsitzenden. Darüber hinaus erhielt er Aktien des Unternehmens im Wert von drei Millionen Dollar. Große Ambitionen verlangten anscheinend auch nach einem großen Apartment, und so entschloss sich Olen, mit seiner jungen Familie (er hatte zwei Kinder im Alter von sieben und fünf Jahren) nach New York zu ziehen, und kaufte das Apartment 12/13A. 

Doch in dem Augenblick, als der den Kaufvertrag für das Apartment abschloss, war Olens Glückssträhne auch schon vorbei. Den ganzen Winter über reagierte er nicht auf die wiederholten Aufforderungen von H. L. Green, eine testierte Bilanz seiner Ladenkette vorzuweisen, und kam schließlich mit einer ungeprüften an. Olens Dreistigkeit kannte keine Grenzen. Am Tag, nachdem er das Apartment gekauft hatte, kündigte er die Fusion seiner Firma mit einem weiteren Unternehmen an, das zwei Gemischtwaren-Ketten kontrollierte, McCrory und McLellan. Durch diesen Deal wäre H. L. Green mit 859 Läden damals zur zweitgrößten Einzelhandelskette in Amerika nach F. W. Woolworth geworden. Im März jedoch trat Olen plötzlich zurück – eine Stunde, nachdem der Vorstand eine außerordentliche Pressekonferenz einberufen hatte, auf der bekannt gegeben werden sollte, dass in der Bilanz der Olen-Kette „ein offensichtlicher Fehlbetrag von etwa drei Millionen Dollar“ entdeckt worden sei. 

Die Fusion wurde vertagt, und von Seiten der amerikanischen Börsenaufsicht wurden Ermittlungen eingeleitet. Olen hinterlegte umgehend eine Million Dollar in bar und noch mehr in Aktien aus seinem persönlichen Vermögen auf einem Konto bei Green, während die Ermittlungen in der mysteriösen Angelegenheit – umschrieben als überbewertete Lagerbestände und unterbewertete Verbindlichkeiten – ihren Lauf nahmen. Ein paar Tage später trat der Vorstand von H. L. Green in Milbank zusammen, löste Olen als Vorstandsvorsitzenden ab, und verklagte ihn Mitte April wegen arglistiger Täuschung und Betrugs auf drei bis fünf Millionen Dollar. Er wurde beschuldigt, im Vorfeld der Fusion die Finanzlage seines Unternehmens nicht korrekt dargestellt zu haben. Im Mai, nachdem Green bekannt gegeben hatte, dass sich der Fehlbetrag in Wirklichkeit auf sechs Millionen Dollar belief, stellte Olen sein Apartment zum Verkauf. 

Als es Dezember wurde, hatte Olen eingewilligt, sich mit Green bezüglich einer weiteren Klage gegen ihn in Höhe von 1,6 Millionen Dollar außergerichtlich zu einigen – er bot sein ganzes Vermögen und noch mehr auf. Das Geld stammte einerseits aus dem Verkauf des Apartments und zu großen Teilen aus dem Verkauf seiner verbleibenden 123 000 Green-Aktien. Unter den Käufern befand sich ein gewisser Raymond G. Perelman, dessen Sohn Ronald Owen Perelman später ebenfalls ein Apartment im Haus Nr. 740 Park kaufen sollte. 

Erstaunlicherweise arbeitete Olen auch nach dieser Affäre weiterhin im Einzelhandelsgeschäft und kooperierte mit einem Netz von Händlern im Südosten, von denen später zahlreiche pleite gingen. 1967 wurde er erneut angeklagt, diesmal wegen Post- und Aktienbetrugs. Er ging einen neuen Handel mit derAnklage ein, um auch diese Anklagepunkte zu umgehen. Seine Strafe wurde wiederum zur Bewährung ausgesetzt. Die erneute Bewährung war an das strikte Verbot geknüpft, im Wertpapiergeschäft tätig zu werden. Insbesondere war es ihm untersagt, Anlagegelder oder irgendwelche Gebühren oder Provisionen anzunehmen. Diesen Bedingungen handelte er prompt zuwider und zog alleine wieder nach New York (er und seine Frau hatten sich in der Zwischenzeit scheiden lassen). Dort beriet, kaufte und verkaufte er in Schwierigkeiten befindliche Einzelhandelsunternehmen unter einer Reihe verschiedener Firmennamen. 1973 wurden diese Aktivitäten publik – und dies obwohl Olen immer noch unter Bewährungsauflagen stand. Er gerieterneut in Schwierigkeiten mit der Justiz und erholte sich davon nie mehr. Im Jahr 1977 starb er unbemerkt und unbetrauert im Alter von 53 Jahren. 

Als Olens Apartment zum Verkauf stand, versuchten die französischen Eigentümer von Nr. 2/3B zu verkaufen, Walter Chrysler zog aus 6/7B aus, und Preston Davie hatte sich ebenfalls entschlossen, zu veräußern. Anfang 1960 stand das Scoville-Apartment ebenfalls zum Kauf und blieb es zwei Jahre lang. Nach einer ersten Welle des Enthusiasmus für die „Rockefeller-Kooperative“ wurden die Apartments trotz des bereits zehn Jahre andauernden wirtschaftlichen Aufschwunges wieder zu einem schwer verkäuflichen Gut. Sie waren einfach zu teuer im Erwerb und in der Erhaltung. Nun war der Markt damit buchstäblich überflutet. 

Doch die neureichen, ehrgeizigen Außenseiter und Typen aus Hollywood – genau die Art von Mietern, vor denen Häuser wie Nr. 740 lange mit Verachtung herabgeblickt hatten – standen nun vor den ehrwürdigen Bronzetüren, blickten sehnsüchtig hinein. Und sie waren die Einzigen, die sich solche Apartments noch leisten konnten. Wie sollte man es nur anstellen, die Guten von den Schlechten zu unterscheiden, wenn sie nicht zur Familie oder zum Club gehörten oder nicht im Social Pedigree, dem Register der Reichen und Einflussreichen aufgeführt waren? Irgendwie hatte Nr. 740 Glück. 

Henry David Epstein bezahlte den Marktpreis – etwa 200 000 Dollar –, als er Apartment 12/13A am 10. Juli 1959 von Olen kaufte. Damit wurde es zum „jüdischen“ Apartment, und Epstein wurde in der 740 zum Nachfolger der „Hofjuden“, die während der Renaissancezeit in Europa in Erscheinung getreten waren und im deutschen und österreichischen Kaiserreich wichtige Rollen gespielt hatten. Als kultivierte und anpassungsfähige Geschäftsleute hatten sie einflussreiche Positionen an den Höfen von Adeligen inne und waren als Agenten und Finanziers tätig (Christen verliehen damals nie Geld). Aus dieser Position heraus konnten sie – jedenfalls so lange sie nicht in Ungnade gefallen waren – als Mittler für ihre eigenen Leute tätig werden. „Sie durften sich überall dort aufhalten, wo der Kaiser gerade Hof hielt, und sie durften sich überall innerhalb des Deutschen Reiches niederlassen, selbst dort, wo es anderen Juden verboten war“, steht in der Jewish Encyclopedia zu lesen. 

Epstein, ein Mann mit schelmischen Augen und einem trockenen Humor, der auf andere etwas kauzig wirken konnte, war ein waschechter Selfmade-Mann. Im Jahre 1954, mit 32 Jahren, hatte ihm die „Saturday Evening Post“ ein langes Porträt mit dem Titel „Der Mann, der ganze Städte kauft“ gewidmet. Er stammte aus einer Familie, die während der Wirtschaftskrise ihr Zuhause verloren hatte, und ging 1941 mit 19 Jahren vom College ab, um mit dem Haustürenverkauf von Zeitungsabonnements seine verwitwete Mutter und jüngere Schwester zu unterstützen. 1943, als er zum Kriegsdienst eingezogen wurde, hatte er die Schulden seiner Familie abbezahlt und ihr ein Haus gekauft. Nach dem Militärdienst auf den Philippinen kehrte er heim – auf einen boomenden Immobilienmarkt, der nun von ehemaligen Soldaten nur so wimmelte, die in den USA Familien gründen wollten. Amerika war zwar immer noch eine Klassengesellschaft, aber die unumschränkte Herrschaft des „Erbadels“ aus dem Social Register wurde endgültig nicht mehr fraglos hingenommen. 

Epstein lieh sich 2000 Dollar von seiner Mutter und begann damit, zuerst Häuser und dann später ganze Häuserblocks zu übernehmen und sodann mit Gewinn weiterzuverkaufen. Mit 26 Jahren verdiente er 200 000 Dollar, indem erein ganzes Wohnungsprojekt en bloc erwarb und die Wohneinheiten dann einzeln veräußerte. Dann übernahm er in Tennessee eine ganze Stadt von der Ölgesellschaft, der diese bisher gehört hatte. Reinverdienst: fast 500 000 Dollar. 1952 kaufte er Tausende von Wohnungen im New Yorker Vorort Levittown, die von dem berühmten Brüderpaar William und Alfred Levitt als Mietwohnungen gebaut worden waren. Mit 31 Jahren brach Epstein einen Rekord, als er 32 Millionen Dollar für 4000 Einfamilienhäuser im Cape-Cod-Stil und dann zehn Millionen Dollar für weitere 1400 bezahlte und diese dann mit einem Gewinn von vier Millionen Dollar weiterverkaufte. (Für Kriegsveteranen gab es ein besonderes Angebot, mit einer Anzahlung von nur 340 Dollar ein Haus zu kaufen.) Die „Saturday Evening Post“ bezeichnete ihn dafür als „das Erstaunlichste, was dem Immobilienmarkt seit dem Kauf von Lousiana widerfuhr“. 

Drei Jahre später war Epstein mit Dasha Amsterdam verlobt, einer Absolventin des Barnard College, die 13 Jahre jünger war als er und am Theater als Mädchen für alles bei der Dramatikerin Lillian Hellman sowie als Assistentin für den Produzenten Jules Styne arbeitete. Sie war die Enkelin von Isidor Leviton, einem russischen Einwanderer und Gründer von Leviton Manufacturing, Amerikas größtem Hersteller von elektrischen Leitungen, Steckdosen und Schaltern. Leviton, so hieß es, verdiente jedesmal Geld, wenn irgendwo ein Amerikaner das Licht anknipste. 

Als die Epsteins anderthalb Jahre nach ihrer Hochzeit ins gelobte Haus an der Park Avenue einzogen, war ihr Einzug für einige Bewohner in Nr. 740 ein Schock. „Er war nicht gerade der Typ von Jude, den die Bewohner dieses Apartmenthauses üblicherweise akzeptabel fanden“, sagte ein Makler, „er war eine feste Säule der Gemeinde in einer Synagoge.“ Und so kam es, dass die Epsteins nicht lange nach ihrem Einzug eine Dinnerparty besuchten, auf der jemand Henry fragte, wo er wohne, und von seiner Antwort zutiefst befremdet war. „Sie heißen Epstein?“, sagte sein Gegenüber. „Und Sie wohnen in Nr. 740? Kann nicht sein! Mit einem Namen wie Ihrem können Sie unmöglich dort wohnen.“ 

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