Die Welt ist der Markt Friedrich Merz über Großfusionen und die Folgen für den Wettbewerb

Archiv: Die Welt ist der Markt Friedrich Merz über Großfusionen und die Folgen für den Wettbewerb

Das Jahr 2006 könnte zu einem Jahr größerer, möglicherweise spektakulärer Unternehmenszusammenschlüsse und -übernahmen in Europa werden. Die geplante Übernahme der spanischen Endesa durch die deutsche E.On ist das größte Geschäft dieser Art, das ein deutsches Unternehmen je gewagt hat. Die anlaufende neue Fusionswelle wird Befürchtungen um zunehmende Konzentration, abnehmenden Wettbewerb und entsprechende Nachteile für die Verbraucher nicht nur im Energiemarkt neue Nahrung geben. Sind diese Befürchtungen berechtigt? 

Zur besseren Beurteilung lohnt ein Blick zurück auf die Entwicklung der vergangenen Jahre. Von den zehn nach Marktkapitalisierung größten kontinentaleuropäischen Unternehmen waren 1985 noch sieben deutsche Unternehmen. 20 Jahre später finden sich in der Liste der Top Ten nur noch Siemens (Rang sieben) und E.On (Rang neun). 

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Noch drastischer fällt das Ergebnis aus, wenn man im Einzelnen nachverfolgt, wo Allianz, Siemens, Deutsche Bank, Daimler (trotz der Übernahme von Chrysler!), BASF, Bayer und Hoechst (zur Erinnerung: Das war einmal ein führendes Chemieunternehmen und größter Arbeitgeber im Rhein-Main-Gebiet) heute auf dieser Liste großer Unternehmen stehen: Im Vergleich zu französischen, spanischen und schweizerischen Unternehmen sind alle zurückgefallen! Keines von ihnen wäre vor einer feindlichen Übernahme durch einen größeren europäischen Wettbewerber geschützt. 

Natürlich steht die komplette Übernahme aller großen deutschen Unternehmen nicht zu befürchten. Aber wie so etwas gehen kann, hat die Übernahme des einst stolzen Unternehmens Mannesmann durch Vodafone vorgeführt. Also sehen wir der Realität ins Auge und bewerten die Chancen und Risiken, die sich durch die rapide Veränderung der Marktgrößenverhältnisse weltweit und damit auch bei uns in Europa ergeben, realistisch! Wir stehen erst am Anfang einer sich weiter rasch beschleunigenden Globalisierung. 

Das Selbstbewusstsein der Chinesen und Inder ist schon heute groß genug, um sich nicht mehr als Bittsteller zu sehen, sondern als Partner und Wettbewerber auf gleicher Augenhöhe. Daraus könnte in einigen Jahren Überlegenheit werden, denn sowohl in der Größe ihrer jeweiligen Bevölkerung als auch im Fleiß und in mancherlei Hinsicht sogar Erfindungsreichtum ihrer Arbeiter und Führungskräfte sind uns diese Volkswirtschaften heute schon überlegen. 

Wenn also der Wettbewerb immer globaler wird, müssen dem auch die Unternehmensgrößenstrukturen entsprechen. Die führende Rolle, die deutsche Unternehmen im Maschinenbau, in den Finanzdienstleistungen, in der Automobilwirtschaft und in der Chemie und Pharmazeutik einst hatten, hing auch mit ihrer stattlichen Größe in damals kleineren Märkten zusammen. 

In den vergangenen 20 Jahren haben die deutschen Unter-nemen mit der Veränderung der Marktgrößen nur zum Teil Schritt gehalten. Die weltweiten und europäischen Unternehmenszusammenschlüsse sind eine Antwort auf den europäischen Binnenmarkt und die Globalisierung. Deutsche Unternehmen können sich da nicht zurückhalten. Im Gegenteil: Sie müssen kräftig mitmischen, wenn sie nicht untergehen wollen. 

Die Unternehmen, die Volkswirtschaft als Ganzes, ja die Gesellschaft und die Politik sollten auf diese Entwicklung gelassen und positiv reagieren. Die liberale britische Haltung sollte uns dabei eher Vorbild sein als der französische Merkantilismus. Unternehmenszusammenschlüsse sind weder Selbstzweck noch immer die richtige Antwort. Sie müssen sorgfältig überlegt und strategisch geplant sein. Aber sie sind auch nichts von vorneherein Schlechtes. Wenn deutsche Unternehmen nicht nur Objekte sein sollen, hat das einiges zur Folge: 

Nur mit einem hohen Börsenwert lassen sich feindliche Übernahmeversuche abwehren, nur mit genügend liquiden Mitteln und mit einer genügend großen Zahl eigener Aktien, deren Bestand hier zu Lande in der Regel nicht über zehn Prozent hinausgehen darf, lassen sich Akquisitionen finanzieren. Hoher Börsenwert ist die Folge von hohem Gewinn. Man kann nicht hohe Gewinne kritisieren und zugleich verlangen, dass deutsche Unternehmen deutsch bleiben. 

Gleichzeitig bleibt wichtig, dass die Bedingungen für Erfolg auch in der nationalen Volkswirtschaft insgesamt verbessert werden. Denn wir brauchen globale Spieler genauso wie gesunde mittelständische Unternehmen, die vom Eigentümer oder von Unternehmerfamilien geführt werden und die gleichfalls auf immer größeren und wettbewerbsintensiveren Märkten agieren. 

Niemand in der Politik sollte deshalb der Versuchung erliegen, den Mittelstand gegen die Industrie auszuspielen oder umgekehrt. Die Grenzen sind ohnehin fließend geworden. Eine Volkswirtschaft wie die deutsche, die ihre anhaltende strukturelle Wachstums- und Beschäftigungskrise überwinden muss, kann auf keinen Mitspieler verzichten. 

Auch die Wettbewerbspolitik muss auf die Veränderungen reagieren. Zur Beurteilung der Wirkung großer Zusammenschlüsse auf den Wettbewerb in den relevanten Märkten reichen in der Regel nationale Betrachtungen nicht mehr aus. Schon die Sicht der Wettbewerbsbehörde in Brüssel könnte zu schmal sein, denn bei offenen Grenzen und weltweitem Konkurrenzdruck ist der relevante Markt mehr und mehr die Welt. 

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