Archiv: Duft der Jungfrau

Ein Parfumeur-Duo komponierte die Riechstory zur Romanverfilmung „Das Parfum“. 

Es stinkt. Penetrant, infernalisch – und verführerisch eklig. So also hat Paris 1738 gerochen. Atemberaubend. Ein schneller Griff zu dem konischen Glasstopfen und der kleine Flakon mit der Aufschrift „Paris 1738“, aus dem der Gestank wabert, ist verschlossen. Die Menschen im Parisdes Ancien Régime konnten sich nichtso einfach von dem Brodem, derin ihren Straßen hing, befreien. „Es mischten sich Menschen- und Tiergerüche, Dunst von Essen und Krankheit, von Wasser und Stein und Asche und Leder, von Seife und frisch gebackenem Brot und von Eiern, dieman in Essig kochte, von Salbei und Bier und Tränen“, schildert Patrick Süskindin seinem 1985 erschienenen Roman„Das Parfum“ die Geruchskaskaden des alten Paris. 

Süskind beschreibt nicht nur den Pariser Gassengestank. Der 57-jährige menschenscheue Autor aus Bayern führt den Leser mit der Sprache, dem einzigen Mittel, das ihm als Dichter zur Verfügung steht, durch die Duftwelten seiner Geschichte. Baby- und Jungfrauengeruch, die Duftkakophonie im verwinkelten Haus des Parfumeurs Baldini, den salzig-frischen Duft der fernen See, den Blütenduft von Jasmin – die ausladenden Beschreibungen machen den Leser glauben, er rieche die Düfte tatsächlich. Wie enttäuschend, wenn der Entrückte wieder in die Wirklichkeit zurückkehrt und nichts anderes schnuppert als die Ausdünstungen des Zugabteils, in dem er gerade sitzt oder den chemischen Geruch des häuslichen Teppichbodens. 

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Tom Tykwer, Regisseur der Romanverfilmung, die am 14. September in Deutschlands Kinos kommt, pflegt auf die häufig gestellte Frage, wie man denn Gerüche auf die Leinwand bringt, stets zu entgegnen: „Das Buch riecht doch auch nicht.“ 

Stimmt. Doch anders als beim Erscheinen des Buches vor 21 Jahren hat der Zuschauer aber diesmal die Möglichkeit, sich olfaktorisch auf das Filmerlebnis vorzubereiten oder es mit der Nase nachzuerleben. Das Pariser Dufthaus Thierry Mugler hat zusammen mit Constantin Film, unter deren Ägide der Film entstanden ist, zum Kinostart die Story als Sammlung von 15 Düften realisiert. 

Vor gut einem Jahr – die Dreharbeiten waren schon weit gediehen – hatte Constantin-Film-Vorstand Thomas Peter Friedl die Idee, „Das Parfum“ riechbar zu machen. Er sprach mit Thierry-Mugler-Präsidentin Vera Strübi über die Chancen der Realisierung. Zum Glück arbeiteteein deutsch-französisches Parfumeur-Gespann bereits seit Jahren in aller Stille daran, den Roman mit den Mitteln ihrer Kunst zu erzählen. „Das wäre sonst eng geworden“, meint der Senior des Duos, Christophe Laudamiel. 1994 war Laudamiel auf den Roman gestoßen und hätte sich am liebsten gleich darangesetzt, die Düfte zu der Geschichte zu komponieren. Doch bevor sich der inzwischen 37-jährige Franzose an die Arbeit begeben konnte, sollten Jahre vergehen. Laudamiel war bei der Erstlektüre der Geschichte noch ein junger Parfumeur, der erst seine Meriten verdienen musste, um eigene Projekte lancieren zu dürfen. 

Vor sechs Jahren fing Laudamiel an, inspiriert von dem Süskind-Roman Gerüche zu mischen – zuerst zu Hause in seiner Küche, später mit wohlwollendem Einverständnis seines Arbeitgebers im Labor. Der studierte Chemiker gehörte inzwischen zu den Stars der Branche. Laudamiel, der heute als Senior-Parfumeur beim amerikanischen Duftriesen International Flavors & Fragrances (IFF) arbeitet, ist einer der Schöpfer von Polo Blue for Men, dem größten Erfolg in der Geschichte des Herrenparfums. 

Im Karneval 2002 lernte der Starparfumeur in einer Kölner Kneipe Christoph Hornetz, heute 30, kennen und gründete ein Jahr später mit dem Deutschen die Werkstatt für Duftdesign „Les Christophs“. Die beiden Christophs pendeln heute zwischen ihren Wohnorten im New Yorker Künstlerviertel Greenwich Village und in Berlin-Kreuzberg. „Ein Parfum zu kreieren ist schon eine Menge Arbeit; wir haben 14 Duftszenen und das Grundthema des Romans nachempfunden“, sagt Hornetz. 

Die „Geschichte eines Mörders“, wie der Untertitel von Buch und Film lautet, ist schnell erzählt. Jean-Baptiste Grenouille, 1738 als Sohn einer Kindsmörderin geboren, wächst unter widrigen Bedingungen auf. Schon früh entdeckt der völlig geruchsfreie Grenouille seine außergewöhnliche Begabung für Düfte. Mit 15 Jahren tötet er, inzwischen Gehilfe eines Gerbers, ein Mädchen, nur um sich ihren Geruch einzuverleiben. Wenig später gelingt es ihm, den Pariser Parfumeur Baldini davon zu überzeugen, ihn als Lehrjungen aufzunehmen. Um ihre Düfte zu konservieren, bringt er nach und nach 25 Mädchen um. Seine geplante Hinrichtung endet in einer Orgie, weil Grenouille, parfümiert mit dem Duft der Jungfrauen, die Massen auf dem Richtplatz betört. Der Roman endet mit einer kannibalischen Szene: Grenouille lässt sich – angetan mit seinem Wunderparfum – von Pariser Stadtstreichern verschlingen. 

Neun Jahre lang blieb der Roman auf den Bestsellerlisten, 15 Millionen Exemplare wurden verkauft. Fast 20 Jahre lang bekniete der Filmproduzent und langjährige Constantin-Chef Bernd Eichinger („Der Name der Rose“, „Der bewegte Mann“, „Der Untergang“) den Parfum-Autoren Süskind, ihm die Filmrechte zu verkaufen. 2001 gab Süskind schließlich nach und gab die Rechte für zehn Millionen Euro ab. 

Die Vorarbeiten eingerechnet dauerte die Produktion des Films drei Jahre. Die Kosten für die Verfilmung addierten sich zuletzt auf 60 Millionen Euro. Allein an der Orgienszene beteiligten sich 800 nackt spielende Akteure. „Das Problem war, dass wegen des amerikanischen Marktes in der Szene trotz der Nacktheit der Spieler keine anstößigen Körperteile zu sehen sein dürfen“, erinnert sich Constantin-Vorstand Friedl. Der Film gilt international als eines der wichtigsten Kinoereignisse in diesem Jahr. 

Die Riechstory der „Christophs“ begleitet die Filmhandlung durch 14 Episoden. Der 15. Duft, „Aura“ genannt, thematisiert das Grundmotiv des Buches: Duft als Mittel zur Individualisierung des Menschen. Die übrigen Kompositionen, dargeboten in einem samtbeschlagenen Präsentierkästchen, fallen jedoch teilweise gänzlich aus der traditionellen Parfum-Definition heraus. 

Da gibt es zwar liebliche Schöpfungen wie die „Nuit Napolitaine“, das andas erste selbst kreierte Parfum desRomanhelden Jean-Baptiste Grenouille erinnert. Der arme Gerberlehrling hatte sich durch einen Botendienst Zutritt zu dem Parfumeur Baldini verschafft und führt dem erstaunten Meister seine Naturbegabung vor. „Der Duft war so himmlisch gut, dass Baldini schlagartig das Wasser in die Augen stieg“, schreibt Süskind. In der Interpretation der Christophs verleihen Bergamottenoten mit Nuancen von Clementinen und einem Hauch von Rosmarin in Kombination mit Ingwertönen dem Duft seine weiche, strahlende Wirkung. 

Auch noch zu den Wohlgerüchen aus dem Schatzkästlein der Christophs gehört „Amor & Psyche“, im Film und im Roman die Schöpfung eines Erzkonkurrenten von Baldini, die der Meister fälschen will. Nach Meinung des Riechgenies Grenouille ist „Amor & Psyche“ nur ein mäßiges Parfum, für Baldini aber das Nonplusultra der Parfumeurkunst. Tatsächlich wirkt „Amor & Psyche“ auch in der Nachschöpfung durch die beiden Christophs mit seinen Orangenblüten- und den ungebrochenen Bergamotte-Elementen deutlich direkter als seine Verfeinerung, die „Nuit Napolitaine“. 

Doch das Duftkästlein enthält auch ungewohnte Gerüche wie „Ermite“, das an den siebenjährigen Rückzug des Helden in die Höhle auf dem Plomb du Cantal im französischen Zentralmassiv erinnert. „Ermite“ riecht moosig-mineralisch, lässt an holziges Grün mit Pilzen denken und löst ein wohliges Schaudern aus. Ähnlich ambivalent wirken die Düfte „Sea“, „Baby“ oder „Boutique Baldini“. „Baby“ mit seinen Noten von Crème fraîche und karamellisiertem Zucker, „Sea“ mit Tönen von Seetang und salziger Frische und „Boutique Baldini“, in der Absicht konstruiert, die Nase mit einer Vielfalt von mit Honig-, Anis- und Likörtönen zu überfordern, sind keine eindeutigen Wohlgerüche, aber alles andere als widerlich. Entwürfe wie „Orgie“ mit Schweiß- und Spermanoten oder „Atelier Grimal“, der an die Gerberwerkstatt erinnert, mit rauchigem Tiergeruch, Teer- und Lederassoziationen fordern dagegen schon mehr Toleranz. 

Klar auf der Ekelseite sind der erwähnte Geruch „Paris 1738“ und erst recht „Human Existence“. Süskind beschreibt das parfümistische Grundthema des Menschen als „schweißig fett, käsig-säuerlich“. Der Parfumheld Grenouille, der im Film und Roman über keinen Eigengeruch verfügt, mischt sich aus Katzendreck, verdorbenem Fisch und einem verschimmelten Stück Käse einen Menschengeruch zusammen. „Les Christophs“ begnügten sich mit einem Malzextrakt und Kümmelnoten und Skatol, einem im Labor hergestellten Molekül, das nach Kot riecht. „Ohne übelriechende Duftstoffe kommen wir Parfumeure nicht aus“, erklärt Laudamiel, „wir brauchen sie in kleinen Mengen, um den Gerüchen zuweilen einen gewissen Sex zu geben.“ 

Das auf 1000 Exemplare limitierte Coffret mit den 15 Kompositionen ist mit 550 Euro nicht gerade billig. Branchenkenner gehen allerdings davon aus, dass die Duftsammlung schnell vergriffen sein wird. Der Liebhaber kann die Kollektion übrigens guten Gewissens kaufen. Die beiden Parfumeure versichern, dass sie für die Herstellung der Düfte keine einzige Jungfrau geopfert hätten. Nur für den Duft „Virgin No. 1“ habe ein Mädchen den Duft rund um ihren Bauchnabel hergegeben – freiwillig und im Beisein der Eltern. 

Lothar Schnitzler 

Bestellungen: www.dasparfum.thierrymugler.com 

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