Archiv: Dummes Geschwafel

Stefan Baron über den asiatischen „Raubtierkapitalismus“ 

Um von eigenen Fehlern und Versäumnissen abzulenken, haben die Völker dieser Welt, nicht zuletzt auch wir Deutsche, immer wieder gerne äußere Feinde ausgemacht. Das tut nicht weh – wie schmerzhafte Korrekturen des eigenen Verhaltens. Zunächst einmal. Dann aber sind die Schmerzen umso größer, wenn die Fakten nicht länger zu ignorieren sind. 

So wird es auch sein, wenn dieses Land den politischen Rattenfängern folgt, die ihm jetzt einreden wollen, an seinen Problemen seien asiatische Raubtierkapitalisten schuld. Diese seien dabei, die westliche Wertegemeinschaft und unseren Wohlstand zu zerstören und aus Deutschland eine soziale Wüste zu machen. 

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Die krude Kunde scheint zu verfangen – bis hinein in Schichten, die sich gern für die besseren halten. Und das, obwohl sie jeder sachlichen Grundlage entbehrt: Die Globalisierung und der damit verbundene (Wieder-)Aufstieg Asiens und vor allem Chinas sind kein Fluch, sondern ein Segen für den Westen, zumal für uns Deutsche. Ohne diesen Aufstieg ginge es uns wirtschaftlich nicht besser, sondern deutlich schlechter. 

Asien ist heute die Stütze der Weltwirtschaft. Asien, allen voran China, hat dafür gesorgt, dass diese in den vergangenen Jahren so stark wuchs wie seit 30 Jahren nicht mehr. Über die Hälfte des realen Wachstums der Welt (gemessen in Kaufkraftparitäten) geht auf das Konto Asiens, 13 Prozent auf das der USA. Selbst in Dollar gerechnet liegt Asien mit 21 Prozent vor den USA mit 19 Prozent. 

Asien und China sind nicht etwa vor allem deshalb so kräftig gewachsen, weil sie immerzu nur produzieren wie die Karnickel, die Welt mit Billigprodukten überschwemmen (obwohl auch diese uns reicher machen) und im Gefolge dort Arbeitsplätze vernichten. 

Haupttreiber für das Wachstum war nicht der Export, sondern die heimische Nachfrage. Von den über zehn Prozent, um die Chinas Wirtschaft im vergangenen Jahr wuchs, sind nicht einmal zwei Prozentpunkte dem Export geschuldet. Zwar stellen Chinas Ausfuhren über 40 Prozent des Bruttoinlandsprodukts. Aber nur ein Viertel davon beruht auf Wertschöpfung im eigenen Lande, drei Viertel der Exporte wurden vorher importiert. China ist – mehr noch als der Exportweltmeister Deutschland – eine Basar-Ökonomie. 

Die Produkte, die das Reich der Mitte zuerst importiert, um sie dann in neuer Form wieder zu exportieren, kommen zu einem großen Teil aus dem Westen, unter anderem aus Deutschland. So profitieren wir auch auf diese Weise, wie durch billige Produkte, niedrige Inflation und niedrige Zinsen, von Chinas Exporten. Hinzu kommen Chinas Importe, die im Inland verbraucht werden. Waren diese noch Anfang des Jahrzehnts erst halb so groß wie die für den Re-Export, sind sie inzwischen schon nahezu gleich groß. Und steigen rapide weiter. 

Anders als von manchen behauptet, ist das Reich der Mitte kein Termitenstaat, in dem die Menschen nur arbeiten und sparen. Die Chinesen entwickeln sich zu fleißigeren Konsumenten als die Deutschen, fleißiger sogar als die Amerikaner, die gemeinhin als Weltmeister in dieser Disziplin gelten. Seit Anfang des Jahrzehnts sind die realen Ausgaben der Verbraucher zwischen Peking und Kanton, Shanghai und Chongqing um 80 Prozent gestiegen, in den USA um 20 Prozent. 

Welch bedeutenden Beitrag Asien, allen voran China, zu unserem Wohlstand leistet, wird sich auch zeigen, wenn demnächst die US-Konjunktur spürbar nachlässt. In der Vergangenheit hat dies regelmäßig auch die Weltkonjunktur einbrechen lassen. Mit dem Aufstieg Asiens hat sich die Lage geändert. Selbst wenn die amerikanische Wachstumsrate demnächst auf null absackt, so haben Experten errechnet, kann China mit acht Prozent weiter wachsen – und zusammen mit dem übrigen Asien die Weltwirtschaft über Wasser halten. 

Vielleicht hört dann ja das dumme Geschwafel vom asiatischen Raubtierkapitalismus wieder auf. 

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