Archiv: Dynamik der Badehose

Phillips de Pury präsentiert Arbeiten des Modefotografen Mario Testino. Bekommt Glamour nun den Ritterschlag als seriöse Kunst ? 

Wir wagten diesen Schritt schon vor sechs Jahren mit Helmut Newton. Modefotografie ist in den Kunst-Olymp aufgenommen und bewegt sich jetzt auf Galerie-Ebene. Die Preisentwicklung zeigt: Da steckt großes Potenzial drin. 

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Welche Kriterien muss Modefotografie denn erfüllen, um als Kunst anerkannt zu werden? 

Nur, wer sich über einen längeren Zeitraum bei den großen maßgeblichen Magazinen behauptet, hat das Potenzial zum Fotokünstler. Handwerk und Technik sind sehr wichtig, aber vor allem muss die Nachhaltigkeit gewährt sein. 

Was meinen Sie mit Nachhaltigkeit? 

Zum einen muss ein Fotograf andere Künstler inspirieren. Für den Sammler ist die Frage entscheidend: Kann ich lange damit leben, und bleibt das Werk in der täglichen visuellen Auseinandersetzung interessant? Ob es um die Eigendynamik einer abgebildeten Badehose geht, um die Farben oder die Komposition – gute Kunst ist immer spannend. 

Was macht einen Mario Testino künstlerisch so wertvoll? 

Zum Beispiel sein Foto von Eva Herzigova: Das Topmodel trägt eine weiße Schürze und hält ein blutverschmiertes Messer. Dieses Bild inspirierte den Künstler Ugo Rondinone zu einer nachgestellten Szene. Eine Kunstsammlerin hat beide gekauft, Testinos Original und Ugos Zitat, und sie nebeneinander gehängt. 

Wie werden Modefotos gehandelt? 

Wir haben nur sehr kleine Auflagen und maximal zwei Formate für ein Motiv: ein Unikat im Überformat (ca. 238 x 188 cm) sowie ein etwas kleineres Format (ca. 172 x 130 cm) in einer Dreier-Auflage. Erstere kosten 40 000 Dollar, letztere 25 000 Dollar. Die Wertsteigerung ist immens. Ein Bild aus der „Nudes“-Serie von Newton, das ursprünglich für 20 000 zu haben war, wird heute auf dem privaten Markt mit 500 000 Dollar gehandelt. 

Was ist der Unterschied zwischen älteren Schwarz-Weiß-Modefotos und den in der Regel farbigen Aufnahmen lebender Modefotografen? 

Interessante Frage. Hier geht es nämlich letztlich um die materielle Haltbarkeit der Kunstwerke. Das betrifft weniger das Schwarz-Weiß-Sujet; dafür gibt es Lösungen. Anders die Farbfotografie; da besteht die Gefahr, dass die Bilder nach etwa 60 Jahren verblassen. Das noch ungelöste Problem sind die Papiere und wie sie in Zukunft die Fotografie transportieren werden. Wichtig ist die Verantwortung des Künstlers gegenüber dem Käufer. 

Will heißen? 

Im Gegensatz zu einem Museum hat ein Privatsammler wenig Macht, wenn er beispielsweise einen Ruff, Struth oder Gursky besitzt, die gerne mal bis 2,2 Millionen Dollar wert sind, und wenn die Fotos in ein paar Jahrzehnten verblassen. Soll er sich gleich zwei Abzüge kaufen und den einen 60 Jahre tiefgekühlt aufbewahren, um die Bilder dann auszutauschen? Wir sind meines Wissens nach die einzige Galerie, die, wie in diesem Fall gemeinsam mit Mario Testino, das Problem verantwortlich mit dem Kunden löst und einen Reprint zum Selbstkostenpreis garantiert. 

Fotokunst boomt. Sehen Sie die Modefotografie als Line-Extension? 

Sie ist eine logische Konsequenz. Vorreiter wie F.C. Gundlach, Richard Avedon, Peter Lindberg, Irving Penn, David LaChapelle und Guy Bourdin gibt es schon länger; und natürlich Helmut Newton als Vater der Bewegung. Die Entgrenzung des klassischen Kunstbegriffs hat bereits seit Duchamp, wenn nicht schon länger, ihren Einzug gehalten. In der zeitgenössischen Kunst sind die Grenzen fließend geworden und geht alles ineinander über – Design, Mode, Fotografie, Performance, Theater. Doch die Qualität zählt in jedem Fall. 

Auf welche Newcomer sollten Sammler achten? 

Jürgen Teller ist sehr „arty“ und hat den Begriff der Modefotografie bereits maßgeblich beeinflusst. Aber auch dieser hocharistokratische Russe aus Testinos Stall, Alexi Lubomirski, genießt bei Mode-Insidern schon hohes Ansehen. 

Uschka Pittroff 

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