Dysfunktionale Dynastie

Archiv: Dysfunktionale Dynastie

Gespanntverfolgt ganzNew York einFamiliendrama von Neid undGier umdie greiseBrooke Astor. 

Welch ein glanzvolles Leben auf der großen Bühne: Vier Jahrzehnte lang ist Brooke Astor die Grande Dame der New Yorker Gesellschaft. Sie verkehrt in den höchsten Kreisen und zählt Männer wie Henry Kissinger oder David Rockefeller zu ihren Freunden. Sie hatte beizeiten das Glück, auf einer Abkürzung in die Sphäre der oberen Zehntausend zu gelangen, als sie 1953 in dritter Ehe in den Astor-Clan einheiratet. 

Die Astors, sie sind eine Familie, die den amerikanischen Traum vorlebt: Der Metzgergeselle Johann Jakob Astor aus dem badischen Walldorf bei Heidelberg landet 1784 in New York und macht später als John Jacob Astor im Pelzgeschäft ein sagenhaftes Vermögen, das die folgenden Generationen weise vermehren, unter anderem mit dem Handel von exquisiten Immobilien. Zum Portfolio des Clans gehörten renommierte New Yorker Hotels wie das Waldorf-Astoria oder das St. Regis Hotel. 

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Als ihr Mann Vincent 1959 kinderlos stirbt, hat Brooke Astor nicht nur die besten Beziehungen, sie ist nun auch sagenhaft reich. Sie erbt 60 Millionen Dollar (was in heutiger Kaufkraft mehr als einer Viertelmilliarde Euro entspricht) und den Vorsitz über die noch einmal 65 Millionen Dollar schwere Vincent-Astor-Stiftung. Doch was sie aus der Reihe der anderen Superreichen hervorhebt, ist die Freude, mit der sie diesen Segen unter die Leute bringt: „Geld“, lautet ihr Motto, „ist eigentlich wie Dünger. Man muss es großzügig verteilen.“ Brooke Astor spendet für Krankenhäuser und Obdachlosenheime, sie fördert öffentliche Büchereien und unterstützt Opernhäuser und Museen. 1998 wird sie für ihre philanthropischen Verdienste mit der Presidential Medal of Freedom ausgezeichnet, einer der beiden höchsten Auszeichnungen, die Amerika an Persönlichkeiten des zivilen Lebens zu vergeben hat. Das ist die Liga, in derBrooke Astor spielt. Bis sie sich langsam aus der Öffentlichkeit zurückzieht – das Alter. 

New York schwelgt also fast schon in den Erinnerungen an diese wunderbare, großzügige alte Dame, die selbst an ihrem 100. Geburtstag die englische Königin in puncto Eleganz und Glanz noch in den Schatten stellte. Dann schlagen im Juli die Boulevardblätter plötzlich Alarm. Skandal im Hause Astor! Wie die Schockwelle eines Erdbebens rollt die News durch die Metropole. 

Brooke Astor ist krank. Alzheimer. Schlimmer noch, sie lebt unter erbärmlichen Bedingungen, ihr feines Apartment unter der noblen Adresse 778 Park Avenue, ist völlig verkommen. Die Kunstwerke an den Wänden? Futsch. Keine feinen Kleider mehr, die nun 104-jährige Mrs. Astor trägt nur noch zerrissene Nachthemden. Anstelle der geliebten Gesichtscreme von Estée Lauder, schmiert sie jetzt Vaseline, und seit der französische Koch entlassen ist, lebt sie von pürierten Erbsen, Karotten und Haferbrei. Ihr Schlafzimmer ist nicht geheizt und wird im Winter so kalt, dass sie im Fernsehzimmer schläft – auf einer Couch, die nach dem Urin ihrer verwahrlosten Hunde stinkt. Die beiden Lieblinge, Boysie und Girlsie, bleiben zum Gram ihrer Herrin tagelang in der Küche eingesperrt. 

New York ist entsetzt: Das sind doch Geschichten aus dem Horrorkabinett – unsere Brooke Astor! Der unlängst entlassene Butler Christopher Ely verrät weitere schmutzige Details und zeigt auch gleich mit dem Finger auf den Schuldigen: Anthony Marshall, Brooke Astors Sohn aus erster Ehe, der längst ihre Betreuung und die Verwaltung des Vermögens übernommen hat. Er sei es, der ihr Medikamente verweigert, die sie dringend braucht; der das Personal auf ein Minimum reduziert habe und nur noch so wenig Geld für die Pflege zur Verfügung stelle, dass die Helfer aus Mitleid neue Socken für die alte Dame kaufen würden, wenn die alten überhaupt nicht mehr tragbar seien. 

Nächster Akt im Drama an der mondänen Park Avenue: Brooke Astors Enkel, der 53-jährige Philip Marshall, beantragt vor Gericht, dass seinem Vater das Betreuungsrecht entzogen wird. Er schwört unter Eid, dass der 82-jährige Anthony Marshall „die Bedürfnisse Brooke Astors absichtlich ignoriert und wiederholt ihre Sicherheit und Gesundheit leichtfertig gefährdet hat“. 

Aber warum nur? Für den Enkel ist das sonnenklar: „Weil er sich an ihren Millionen bereichern will.“ New York hält den Atem an und sieht mit Schrecken, wie sich in der feinen Fassade des Hauses Astor hässliche Risse auftun. In der Biografie der Brooke Astor, dieser Lichtgestalt und Wohltäterin, gibt es düstere Kapitel, die vorher niemand gesehen hat. 

Die Tochter eines Navy-Offiziers war gerade einmal 17 Jahre alt, als sie das erste Mal heiratet, einen erfolgreichen Geschäftsmann namens John Dryden Kuser, der sie misshandelt, betrügt und säuft wie ein Loch. Ihr Sohn aus dieser Ehe, Anthony, wird später von ihrem zweiten Mann adoptiert, dem Börsenmakler Charles Marshall. 

Bleibt die Frage, ob Brooke Astor das Kind aus dieser qualvollen ersten Ehe überhaupt innerlich angenommen hat. Ihr Ruf als Gastgeberin ist legendär, an Großzügigkeit ist sie kaum zu übertreffen – und doch bezeichnet sie sich selbst als „lausige Mutter“. Als der Junge zehn Jahre alt ist, schiebt sie ihn auf ein Internat ab. „Ich wollte nicht“, schreibt sie in ihren Memoiren, „dass er zu sehr verwöhnt wird.“ Auch Anthony hat später nur wenig für seinen Sohn Philip übrig, und so durchlebt auch der Enkel Brooke Astors den schmerzhaften Zyklus von Familienkrisen, Scheidungen und Neuanfängen. 

Kein Wunder, dass Philip Marshall gar nicht erst versucht, den Konflikt um diePflege für Brooke Astor intern zu lösen, sondern sich lieber gleich Anwälten und Gerichten anvertraut. Der Professor für Denkmalpflege an der Roger-Williams-Universität kann die Unterstützungvon Kissinger und Rockfeller gewinnen, die eidestattliche Erklärungen abge-ben, dass ihre Freundin Brooke Astor zum Opfer von Misshandlungen geworden ist. 

Die erste Anhörung vor Gericht geht im Sinne des Enkels aus: Die Vormundschaft wird – vorläufig – an Annette de la Renta übertragen, die Frau des Modedesigners Oscar de la Renta. Sie bringt Brooke Astor ins Krankenhaus, wo eine Lungenentzündung kuriert wird und sich ihr Zustand umgehend verbessert. Eine Sprecherin de la Rentas verkündet: „Sie isst wieder, sie kann mit Hilfe gehen, sie empfängt Besucher.“ 

Derweil versammelt die Gegenseite ihre Truppen und bereitet den publizistischen Gegenschlag vor. Auch Anthony Marshall kann prominente Fürsprecher vorweisen, die Schauspielerin Whoopi Goldberg etwa und den Broadway-Produzenten David Richenthal. Letzterer hat sein Büro gleich neben Astors Apartment und beteuert, von einem jämmerlichen Dasein der alten Dame könne nicht die Rede sein. Seine Nachbarin habe eine „wundervolle Betreuung“ genossen. 

Wer hat recht? Sohn oder Enkel? Wer will das Beste für Brooke Astor – und wer nur ihr Geld? Handelt es sich bei dem Drama in der Park Avenue um eine Begleichung alter Rechnungen? Oder doch nur um einen ganz ordinären, wenn auch verfrühten Erbschaftskrieg? Anthony Marshall bietet, aus dieser Perspektive betrachtet, jedenfalls Angriffsfläche. Als Vermögensverwalter hat er sich mehr von seinem eigenen Interesse leiten lassen denn von der Fürsorge für seine Mutter. So zweigt er beispielsweise eine knappe Million Dollar aus ihren Reserven ab, um eine Broadway-Show zu finanzieren, an der er selbst beteiligt ist. 

Gerne erzählen Reporter auch von der Sache mit dem Landsitz in Maine, dem feinen Cottage in Northeast Harbor. Anthony Marshall bekniet seine Mutter, ihm das Häuschen zu überschreiben,. Sie tut ihm den Gefallen. Sechs Monate später, verlautet es aus der Gerüchteküche, überträgt Marshall den Besitz im Wert von fünf Millionen Dollar an seine zweite Frau Charlene, eine schillernde Figur, die in der Presse mal als „Lady Macbeth“, mal als „Golddigger“ firmiert. 

Ihre Grabungen sind öfter von Erfolg gekrönt: Wenn es zwischen Brooke Astor und ihrer neuen Schwiegertochter so richtig kracht, versucht die alte Dame, die Wogen mit Versöhnungsgeschenken zu glätten, meist mit alten Schmuckstücken aus ihrer wunderbaren Sammlung. Charlene Marshall zeigt wenig Sinn für die noble Geste – und trägt das Geschmeide gleich bei der nächsten Gelegenheit zu Sotheby’s. 

Neid und Gier, um es vorsichtig zu formulieren, scheinen prominente Rollen im Drama um Brooke Astor zu spielen. Die Ikone der New Yorker High Society hat allerdings, auch das soll noch erwähnt werden, gerne mit den Spekulationen und Hoffnungen der lieben Verwandschaft gespielt und regelmäßig ihr Testament geändert. 

Freunde der Familie verrieten kürzlich dem „New York Magazine“, dass Brooke Astor ihren Sohn Anthony zwar bedacht habe, den größten Teil ihres Vermögens aber wegzugeben gedenke – so wie sie es ihr ganzes Leben lang tat. Sie habe ihre Entscheidung mit einem Zitat des Stahlmagnaten Andrew Carnegie begründet: „Very little good comes from inherited wealth“ – aus einem geerbten Vermögen kommt wenig Gutes. 

Die alte Dame wählte damit noch eines der milderen Worte aus Carnegies Sprüchen. Als Epilog auf die New Yorker Familientragödie hätten sich auch die folgenden, deutlicheren Zeilen angeboten: „Lieber vermache ich meinem Sohn einen Fluch als den allmächtigen Dollar.“ 

Matthias Held, Olaf Kanter 

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