„Eine Kerze anzünden“

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Unternehmen+Management I RTL-Gründer Helmut Thoma über den möglichen Einstieg von Silvio Berlusconi in den deutschen TV-Markt, Haim Sabans Kurs bei ProSieben und neue Konkurrenz für RTL. 

Herr Thoma, Sie haben vor 20 Jahren RTL mit Italo-Importen wie der Busenshow Tutti Frutti groß gemacht – falls Berlusconis Mediaset bei ProSieben und Sat.1 einsteigt, kommt dann Tutti Frutti wieder? 

Programme wie Tutti Frutti bekommen Sie heute auf Berlusconis Sendern längst nicht mehr zu sehen. Solche Sendungen gehörten auch in Deutschland schlicht in die Anfangsjahre des Privatfernsehens, wo wir wirklich alles getan haben, um uns nur weit genug vom langweiligen öffentlich-rechtlichen Fernsehen abzusetzen und auf uns aufmerksam zu machen. Berlusconi ging es damals in Italien nicht anders – aber die Tutti-Frutti-Phase haben wir nun wirklich hinter uns. 

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Würde der Zuschauer überhaupt merken, dass bei ProSieben ein neuer Besitzer am Ruder ist? 

Ja klar würde er das merken – und zwar positiv. Wie sah die Situation in den vergangenen Jahren aus bei ProSieben? Die Gruppe ist seit Anfang 2000 im permanenten Ausnahmezustand. Erst war sie in den finanziellen Troubles von Kirch gefangen... 

...die Kirch-Gruppe, zu der ProSiebenSat.1 gehörte, musste im April 2002 Insolvenz anmelden... 

...dann wurde die Gruppe von Insolvenzverwaltern geführt, die nicht aus dem TV-Gewerbe kamen. Anschließend stand sie unter der Leitung von Private-Equity-Unternehmen unter der Führung von Haim Saban – und der hatte nie die Absicht, länger als nötig zu bleiben. Saban hat schlicht ein Schnäppchen gemacht und sich über die dummen Deutschen amüsiert, die dieses Geschäft, diesen „no brainer“, wie er es nannte, nicht realisiert haben. 

Hat Saban den Sendern geholfen? 

Er hat selbstverständliches gemacht. Zusammen mit Vorstandschef Guillaume de Posch hat er vieles, was bei Kirch ins Kraut geschossen war, abgeschnitten und den Sendern wieder Luft zum Atmen verschafft. Damit hat er eine wunderbare Rendite erreicht. In die Hände gespielt hat ihm sicher, dass in dieser Zeit RTL bei Bertelsmann nur noch als Cash Cow gesehen wurde und seine Innovationskraft eingebüßt hat. Wenn nun erstmals wieder ein richtiger Fernsehunternehmer – und das hätte für NBC oder Time Warner genauso gegolten – das Ruder übernimmt, kann der die Gruppe nur nach vorn bringen. 

Mit welchen Inhalten? 

Sehen Sie sich doch nur an, wie Berlusconi mit dem Fußball liiert ist, er besitzt den AC Mailand – er ist begeisterter Fan. Ich habe ihn x-mal bei Auslosungen für die Champions League getroffen, selbst als er Regierungschef war. Sehen Sie sich dann an, was Sat.1 und ProSieben in der Richtung zu bieten haben – gar nichts. Ich bin sicher, unter Berlusconi würden die sich wieder massiv um Fußball bemühen. Bayern München und Co. sollten für Herrn Berlusconi eine Kerze anzünden. 

Erwarten Sie eine Politisierung von Sat.1 und ProSieben? 

Nein, darauf würden die Medienanstalten schon achten. Außerdem: Was hätte Berlusconi davon, er ist hier politisch nicht tätig. Hinzu kommt: Als Sat.1 noch zu Kirch gehörte, gab es auch schon einen starken Einfluss auf den Sender. Ich erinnere nur an die Sendung „Zur Sache, Kanzler“ – genutzt hat weder dem Sender noch dem damaligen Kanzler Helmut Kohl. 

Trotzdem hagelt es Proteste – hat Berlusconi ein dickes Fell oder beeindruckt ihn die Abwehrhaltung seitens der deutschen Politik? 

Formal gibt es keine Möglichkeit, Berlusconi auszubremsen. Und die Proteste der Politiker – die rauschen vorbei wie der Herbstwind. Ich glaube nicht, dass ihn das wirklich beeinflusst. Falls Berlusconi zum Zuge kommt, geht der zu Herrn Stoiber und wird den in kurzer Zeit überzeugen, dass er der richtige ist für ProSieben – so wie Saban das ja auch geschafft hat. Und CSU-Generalsekretär Söder wird dazu das Weihrauchfässchen schwenken. 

Möglicherweise verbündet sich Berlusconi mit den Finanzinvestoren KKR und Permira, denen wiederum die skandinavische Senderkette SBS gehört. 

Dann würde ein echter europäischer Gigant entstehen, der gleich in mehreren Ländern sehr stark ist – stärker als die RTL-Gruppe, die primär eine deutsche Gruppe ist, bei der der weitaus größte Teil der Erlöse hierzulande generiert wird. 

Welche Vorteile hätte diese Gruppe? 

Die Beteiligten hätten große Vorteile etwa beim Einkauf von Spielfilmen und TV-Serien in Hollywood. Wenn man diese Marktmacht geschickt spielt, sind ein Dutzend Sender in der Hinterhand schon ein erhebliches Argument. 

ProSieben hat gerade ein mittelprächtiges Ergebnis vorgelegt, 2007 droht ein schwächerer Werbemarkt – hat die Gruppe den Zenit erreicht? 

Nein, auf das Ergebnis kann man noch einiges drauflegen – sehen Sie sich die RTL Group an, die ist an der Börse rund elf Milliarden Euro wert. Wenn Berlusconi tatsächlich mit Investoren zusammen einsteigen sollte, dann wäre diese Gruppe mit führenden Positionen in drei so wichtigen Ländern wie Italien, Spanien und Deutschland bedeutend mehr wert. 

peter.steinkirchner@wiwo.de 

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