Archiv: Eine neue Welt

Ambra Medda und Craig Robins bereichern die Kunstszene in Miami um eine Designmesse. 

„Wir werden laut sein“, sagt Ambra Medda, und man glaubt es ihr, obwohl sie nicht dem Typ des Marktschreiers entspricht. Zierlich, und von einem Hauch mädchenhafter Unschuld umgeben, steht die Italienerin hinter der ambitionierten Designmesse, die im vergangenen Dezember parallel zur Art Basel Miami Beach debütierte und dieses Jahr in die zweite Runde geht. Jeder erwartet eine Steigerung. Es wird sie geben: spektakuläre Satelliten-Shows, prominente Aussteller, ein großer Name als Star-Gast. 

Die Augen der Veranstalterin strahlen in Vorfreude. Sie sitzt auf der Terrasse einer weitläufigen Villa auf Miamis Sunset Island. Die Gastgeberin ist bester Laune. Kein Wunder, das Leben meint es gut mit ihr, nicht nur an diesem sonnigen Tag in Florida vor einem Bilderbuch-Szenario mit glitzernder Lagune, Palmen und Pool. 

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Die 24-Jährige hat ein aufregendes Jahr hinter sich: Biennale in Berlin, Salone del Mobile in Mailand, die KunstmesseMaco in Mexico City, Art Basel in Basel, Gespräche mit Galeristen in Paris, London und Amsterdam. Jetzt blickt sie zurück und erzählt von ihrer Mutter, die schon früh, eigentlich vor allen anderen, damit begonnen hatte, Design wie Kunst zu bewerten und folglich damit zu handeln. In ihren Galerien in London und in Mailand stellte Mamma Medda junge, damals völlig unbekannte Designer aus, die es später zu Ruhm und Ehre bringen sollten. 

Die kleine Ambra wuchs zwischen Objekten von Tom Dixon, André du Pres und Piero Fornasetti auf, bis heute hat sie keine Scheu, extrem Hochwertiges in ihren Alltag zu integrieren. „Sie wollen die Lampe fotografieren?“, fragt sie den Fotografen, „ich muss sie erst mal geradehängen.“ Schon steht sie barfuß im Marni-Rock auf dem Esstisch und dreht die himbeerroten Scheiben der Johanna-Grawunder-Lampe in den richtigen Winkel. 

In ihrer Berufslaufbahn nahm die junge Italienerin sozusagen einen Umweg über China: Sie ging nach London, um an der School of Oriental and African Studies chinesische Sprache, Philosophie und Geschichte zu lernen, dann nach Peking, um sich das Leben dort anzusehen, und schließlich nach New York, wo sie hoffte, in einer auf zeitgenössische chinesische Kunst spezialisierten Galerie Arbeiten zu finden. Dort bewies sie beizeiten ihr exzellentes Gespür für kunstbezogene Trends und unentdeckte Bestseller. 

Nur hatte sie die falsche Stadt erwischt: Die Kunstszene in Chelsea ist viel zu geschäftsorientiert, um dem, was Medda am Galeristen-Dasein liebt, viel Platz einzuräumen. „Es ging immer nur ums Geschäft, ein Künstler kam, ein Künstler ging, zwischendurch wurde der Umsatz geprüft“, erinnert sie sich. 

Miami stand damals nicht auf ihrem Plan. Das einstige Rentnerparadies und Urlaubsziel sonnenhungriger Nordlichter bietet auf den ersten Blick wenig, was eine designorientierte Powerfrau interessieren könnte. Trotzdem lebt sie nun hier, inmitten von subtropischem Grün und pastellfarbenen Art-déco-Bauten. 

Kulturlos? Nein, versichert die Italienerin, „kulturlos ist Miami schon lange nicht mehr“. Stimmt. Man muss schon Salamischeiben auf den Augen haben, um Fernando Boteros imposante Bronzen vor dem Four Seasons Hotel, den Mosaik-Brunnen von Morris Lapidus an der Lincoln Road oder die üppig grünenden Fresken von Raymond Saá unter der Autobahnunterführung am Biscayne Boulevard zu übersehen. Aber das ist es nicht, worauf Medda abhebt. ABMB ist die Formel, auf die sich die Aufmerksamkeit der kunstinteressierten Öffentlichkeit richtet, wenn von Miami die Rede ist. Die Art Basel Miami Beach, im Dezember 2002 erstmals aus dem beschaulichen Basel ins vibrierende Miami exportiert, hat sich in wenigen Jahren zu einer hoch beachteten Veranstaltung gemausert. 

Eher zufällig sei sie in Florida gelandet, sagt Medda. doch dann habe sie sich in die Dynamik von Miami verliebt, wohl auch, weil Miami alles war, was New York nicht war: „Die Kunstszene war damals noch ziemlich neu, und ich hatte das Gefühl, dass ich hier etwas beitragen könnte, dass es selbst für jemanden, der noch so jung ist wie ich, eine echte Chance gibt.“ 

Kling plausibel. Und doch ist es nur die halbe Wahrheit, denn was sie vor allem vor Ort hält, ist ein Mann aus MiamiBeach. Sie hatte sich verliebt. Nicht in irgendwen, sondern in einem Mann, der ihr wie kein Zweiter ideale Voraussetzungen für die Entfaltung ihres Talents, ihres Wissens und ihrer Neigungen bieten konnte. Craig Robins ist nicht nur steinreich, nicht nur gewichtiger Kunstsammler, nicht nur großzügiger Förderer junger Talente – der Immobilientycoon steht auch hinter der phönixartigen Auferstehung von ein paar Häuserblocks in Miamis Midtown. 

Die „New York Times“ sieht in dem neuen Viertel, von den Medien als „Design District“ gehyped, „ein Mekka für Menschen, die auf der Suche nach Stil sind“. Das Paar hatte sich in London, auf der Kunstmesse „Frieze“ kennengelernt. Robins war zum Kunst-Shopping gekommen, Ambra Medda wie üblich auf der Suche nach verborgenen Talenten unterwegs. Er lud sie zum Essen ein, dann schaute man sich gemeinsam die Arbeiten eines spanischen Künstlers an, und schließlich bot er ihr an, eine Ausstellung in Miami zu organisieren. Die Liaison eröffnete der jungen Galeristin Möglichkeiten, wie sie sie besser kaum hätte finden können. Infrastruktur, Platz, Mittel – es fehlt an nichts. 

Ambra Medda stimmte zu. Seit gut zwei Jahren lebt sie mit Robins in einer Villa voller Kunst und Design – das Power-Paar der neuen Kunstszene von Miami. Lenny Kravitz und Anna Kurnikova wohnen gleich um die Ecke. DerDesign District ist ebenso schnell zuerreichen wie die Clubszene von South Beach. 

Ursprünglich wollte Medda eine Galerie im Design District zu eröffnen. Doch dann fand die ABMB statt. Der Newcomerin fiel gleich auf, dass es kaum Design auf der Messe zu sehen gab. „Da musste etwas getan werden.“ So entstand der Gedanke einer eigenständigen Designmesse. Die Entscheidung fiel bei einem Meeting während der Biennale in Venedig. Mit am Tisch: die Galeristen Barry Friedman und Marc Benda aus New York, Patrick Seguin und Didier Krzentowski aus Paris und Art-Basel-Chef Sam Keller. „Wir beschlossen kurzerhand, eine Designshow in Miami zu organisieren“, erinnert sie sich, „die Händler wollten es so, und Sam auch.“ 

Eine aufregende Veranstaltung sollte es werden, „eine Plattform zum Ideenaustausch, wo sich aufstrebende Designer Händler, Käufer und bereits etablierte Kollegen treffen könnten“, wie Medda sagt. Obwohl es schon immer einen Markt für Design gab, fehlte eine ausgereifte Designgalerie-Kultur. Es fehlte eine eigene Sprache, eine eigene Technik, die Objekte zu präsentieren. Kurz: Es fehlte eine Messe. „Junge Künstler können sagen, ihr Galerist habe sie nach Basel, nach Venedig, London oder Kassel gebracht“, erklärt Medda, „für Designer gibt es so etwas nicht. Wir brauchen das dringend.“ 

Der Veranstaltungserfolg der „Design Miami 2005“ spricht für die Schlüssigkeit des Konzepts: Gut 15 000 Menschen kamen während der Messetage in den Design District. Rund die Hälfte davon besuchte auch die Aussteller im „Moore Building“, nach fünf Tagen hatten die Galeristen, unter ihnen bekannte Namen wie David Gill (London), Demisch Danant (New York) oder François Laffanour (Paris), für sieben Millionen Dollar Ware verkauft. 

Zur Ausstellung „Design Miami 2006“ haben sich bereits 20 renommierte Designgalerien als Aussteller ins „Moore Building“ nach Miami angemeldet. Satelliten-Shows des Centre Pompidou aus Paris, des Vitra Design-Museums aus Deutschland und „Established & Sons“ aus London werden andere Locations im Design District in Beschlag nehmen. Als „Designer of the Year“ wurde der Australier Marc Newson nominiert. 

Mehr als fantastisch würden die Designshows im Dezember, so schwärmt die Organisatorin. Dann erzählt sie noch eine Anekdote, die ihr sichtlich Spaß bereitete, weil sie dokumentiert, in welchem Maße ihr Vorhaben die Augen des Publikums für die Bedeutung des Designs öffnen kann. 

Bei ihrer ersten Designmesse habe sie im vergangenen Jahr unfreiwillig das Gespräch zweier Besucherinnen belauscht, die eigens aus Palm Beach gekommen waren, um die Designshow zu sehen. „Das ist es also, was die Leute meinen, wenn sie immer von Design reden“, sagte die eine Dame. Beide seien offenkundig überrascht gewesen von dem, was sie sahen. Sie hätten sich eifrig die Namen der Galerien notiert und beschlossen, bei der Rückkehr nach New York bei diesen Galerien vorbeizuschauen und sich gezielt nach Designexponaten zu erkundigen. „Die Ausstellung hat diesen Besucherinnen ganz offenkundig eine völlig neue Welt eröffnet“, freut sich die Organisatorin, „das ist die ganze Arbeit schon wert.“ 

Patricia Engelhorn 

Informationen, Reiseangebote und Arrangements für Miami unter 

www.fivetoninetravel.de 

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