Archiv: EinenTick daneben

Gerd Rüdiger Lang, 62, ist Gründer und Inhaber der Uhrenfirma Chronoswiss. Seine Leidenschaft gehört alten Zeitmessern und anderen Dingen, deren Handwerkskunst, Ästhetik und Präzision zeitlos sind. Der Zeitgeist kann ihm gestohlen bleiben. 

Sie sammeln alles, was mit der Dimension der Zeit zu tun hat, Herr Lang. Was und warum? 

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Weil Zeit unwiederbringlich ist. Ich habe wahrscheinlich die größte private Chronographensammlung – als Taschenuhr, als Schiffsuhr, als Autouhr, Fahrraduhr oder Armbanduhr, für Damen, für Herren, mit und ohne Kalender, für Taucher, für Flieger, für Spione. Ich sammle auch altes Uhrmacherwerkzeug, alte Literatur in Sachen Zeitmessung, Schiffsuhren, alte Pendeluhren, Standuhren aus dem Art déco. Sie alle stehen für eine zeitlose Ästhetik und für eine Handwerkskunst, die es nicht mehr gibt. Sie enthalten eine Tradition und ein Wissen, das zusehends verloren geht. Ich möchte dieses Wissen erhalten. Ich dokumentiere die Vergangenheit für die Zukunft. 

Sie sammeln nicht für sich selber? 

Nein. Es soll ja Leute geben, die sich einen geklauten van Gogh kaufen, um ihn dann jahrzehntelang im Keller zu verstecken. So etwas ist nicht gut. Meine Sammlung nur für mich zu behalten, um mich samstags daran zu delektieren, erscheint mir sinnlos. Ich finde, man muss so etwas der Allgemeinheit zugänglich machen. Darin sehe ich eine Verantwortung. Im neuen Firmengebäude, das wir gerade bauen, werde ich darum auch ein Uhrenmuseum einrichten, in das meine Sammelobjekte Eingang finden sollen. 

Müssen Sie für Ihre Passion Opfer bringen? 

Nun, wenn mir etwas Seltenes über den Weg läuft, und ich gerade genug Geld dafür habe, dann kaufe ich es mir. Dafür habe ich aber auch keine Ferienwohnung in Kitzbühel, und ich mache keinen Urlaub auf den Malediven. Ich investiere lieber in Unvergängliches. 

Was löste Ihre Sammelleidenschaft aus? 

Ich habe schon als Kind Fußballbilder und Apfelsinenpapier gesammelt. Das, was heute meine Passion ausmacht, hat vor rund 30 Jahren begonnen, zu einer Zeit, als es plötzlich nur noch Quarzuhren gab und es so aussah, als würde es den Beruf des Uhrmachers bald nicht mehr geben und keiner mehr wissen, wie das eigentlich geht. Damals begann ich damit, Chronographen zu sammeln und erweiterte die Sammlung nach und nach, um alles, was dazugehört. 

Eine Frage der Berufsehre? 

Eher eine der Demut – und eine Geste des Respekts vor all jenen meines Berufsstandes, die mir vorausgegangen sind. Sehen Sie sich zum Beispiel diesen Schiffschronometer aus dem Jahre 1782 an. Mit so einem ruderte Kapitän William Bligh nach der Meuterei auf der „Bounty“ 5800 Kilometer übers Meer und erreichte sein Ziel. Ich habe Hochachtung vor dem Menschen, der vor fast 230 Jahren einen Zeitmesser schuf, der bis heute auf die Sekunde genau geht. 

Es sind ja nicht nur Uhren, die Sie sammeln, oder? 

Ich habe auch Oldtimer – fünf wundervolle Jaguar, Porzellanfiguren aus den Dreißigern, alte Zeitschriften, ein Harmonium, Kameras, Schreibmaschinen oder so etwas Schönes wie diesen alten Hochdruckmesser für Schiffskessel. 

Was haben alle diese Dinge gemeinsam? 

Sie sind alle bis ins letzte Detail von Hand gemacht und wer sie sieht oder berührt, spürt die persönliche Aussage desjenigen, der sie gemacht hat, und die Lust und Liebe, die jener dabei empfunden hat. 

Was fasziniert Sie an der alten Handwerkskunst? 

Es sind Dinge, die von Menschen für Menschen gemacht wurden. Mit sehr viel Liebe, Wissen und dem Wunsch, dass sie dauerhaften Wert besitzen. Allein die Vielfalt der Formensprache ist wunderbar. Heute sehen doch alle Autos irgendwie gleich aus und dürfen nur noch 15 Jahre halten. Man macht heute nicht mehr das, was man kann, sondern das, was verlangt wird. Quarzwecker, Digitalkameras und alle diese Dinge: Wegwerfobjekte, die keine Würde besitzen. Früher hatte jeder Haushalt einen Komposthaufen. Heute reichen drei Mülltonnen nicht. Damit ist wohl alles gesagt. 

Was empfinden Sie beim Ticken einer Uhr? 

Es ist der Herzschlag der Zeit. Ich spüre den Verlust des Augenblickes und ein bisschen Wehmut, dass ich die Zeit nicht anhalten kann. Gleichzeitig vermittelt es mir auch ein Gefühl von Ruhe, Gleichmaß und Beständigkeit. 

Hat das Sammeln für Sie etwas Erotisches? 

In gewisser Weise schon. Zum einen, weil jedes dieser Objekte ein Produkt der Leidenschaft ist. Und dann hat allein schon das Suchen und Finden einer begehrten Uhr den Charakter eines heißen Flirts: Morgens aufstehen und zum Flohmarkt gehen, voller Hoffnung auf die Begegnung mit einer schönen Unbekannten. Dann sieht man sie, die man schon so lange gesucht hat. Man muss sie erobern, einem Konkurrenten ausspannen, tief in die Geldbörse greifen, alle Register ziehen, um sie zu gewinnen. Das ist wie in der Liebe: Was man leicht bekommt, ist oft nicht so viel wert. 

Ist Sammelleidenschaft typisch männlich? 

Ich glaube, dass man dazu den Jagdinstinkt braucht, der latent in jedem Mann angelegt ist. Sicher, es gibt auch Frauen, die etwas sammeln, Puppen oder Schuhe. Allerdings nicht mit dieser absoluten Hingabe und Akribie, die den männlichen Sammlern zu Eigen ist. 

Worauf kommt es Ihnen beim Sammeln an? 

Es geht mir nicht ums Geld, sondern darum, Wertvolles zu erhalten. Ich möchte keine Uhr weiterverkaufen. Sie sind mir ans Herz gewachsen. Ich begrenze meine Sammlung auch nicht auf bestimmte Marken. Mir geht es darum, unterschiedliche Ausführungen eines Chronographen zu finden, eine bestimmte Mechanik, ein besonderes Detail. 

Dafür sind Sie als Fachmann prädestiniert? 

Ja. Ob billig oder teuer, bekannt oder unbekannt, spielt für mich keine Rolle. Wenn ich auf einen Flohmarkt gehe, habe ich immer ein Messer dabei. Dann mache ich die Uhr hinten auf und sehe sofort: Das kenne ich oder das habe ich noch nicht gesehen. Bei rund 600 Chronographen ist es gar nicht so einfach, sofort zu erkennen, ob da irgendwo ein Detail ist, das keine andere Uhr hat. Aber in meinem Kopf ist das bis in die letzte Kleinigkeit gespeichert. 

Inwiefern ticken Sie nicht richtig? 

Insofern als ich gerade dann anfing, mechanische Uhren zu bauen, als keiner sie mehr wollte. Insofern auch, als ich Dinge sammle, die es eigentlich nicht mehr gibt. Und insofern, als ich antizyklisch denke: Bei aller Liebe zu den Zeitmessern ist Zeitloses für mich immer wichtiger ist als Zeitgeist. 

Wofür ist es höchste Zeit? 

Darüber nachzudenken, ob man die Zeit, die einem gegeben ist, richtig nutzt, ob man sie genießt. Ich habe mir kleine Scheckbücher drucken lassen mit Zeit-Gutscheinen. Und wenn ich zuweilen jemandem 60 Minuten Zeit schenke, dann wird er plötzlich sehr nachdenklich, weil er spürt, dass das ein Wert ist, der mit nichts zu vergleichen ist. 

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