Archiv: Eins geworden

Wohin fließen die Fifa-Millionen? Ein Beispiel aus Paraguay. 

Soziale Arbeit ist wichtig, sicher“, sagt Francisco Figueredo Brítez und schnippt ein Fädchen von seinem gestärkten Hemd, „aber für uns zählt zuallererst der Fußball.“ Der Geschäftsführende Sekretär des südamerikanischen Fußballverbandes Conmebol faltet seine manikürten Hände mit dem Diamantenring an der Linken und dem Siegelring an der Rechten vor sich auf dem Schreibtisch. Die Golduhr klickt sanft an das massive Goldarmband, als er sagt: „Alleine, dass es uns hier in Paraguay gibt, ist schon eine soziale Errungenschaft für dieses Land.“ 

Paraguay ist ein Entwicklungsland, immer wieder von politischen Unruhen geschüttelt. Hohe Staatsverschuldung, schlechte Infrastruktur und Korruption bremsen das Wirtschaftswachstum. 40 Prozent der 6,4 Millionen Einwohner leben unterhalb der internationalen Armutsgrenze. 

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Viel Raum also für soziale Projekte. Doch wohin das Geld aus dem Volkssport Fußball fließt, wird auf dem Weg vom Flughafen ins Zentrum der Hauptstadt Asunción schnell deutlich: Unvermittelt taucht in der tropisch-grünen Savanne ein prachtvolles fünfstöckiges Beton-Glas-Gebäude auf. Davor plätschert ein Brunnen, in dem sich zehn Fußbälle um einen überdimensionierten Betonfußball auf einer Säule gruppieren. Umrahmt ist die großzügige Anlage wie eine Uno-Vertretung mit Flaggen. Wer hier sein Tagewerk verrichtet, genießt diplomatischen Status. Denn das ist der Hauptsitz von Conmebol, ein eisgekühlter Funktionärstraum mit langen Fluren und überdimensionierten Büros. In dieser Residenz ist alles wohl geordnet. An ihrer Spitze steht der mächtige Verbandspräsident Nicolás Leoz, Mitglied des Exekutivkomitees bei der Fußballweltorganisation Fifa. 

Conmebol ist, gemessen an der Zahl der Mitglieder, die kleinste der weltweit sechs regionalen Konföderationen, die in der Fifa organisiert sind. Aber sie ist erfolgreich: Brasilien, Argentinien und Uruguay haben zusammen neunmal den Weltmeistertitel geholt. Paraguay, zwar auch Teilnehmer der WM 2006, ist im Vergleich zu den Großen des Kontinents ein Fußballzwerg. Dass die südamerikanische Konföderation ihren Sitz dennoch in Asunción hat, dafür hat Leoz mit einigem Verhandlungsgeschick gesorgt. Er nutzte den lähmenden Streit zwischen den Fußballerzrivalen Argentinien und Brasilien und sicherte Paraguay 1989 den Conmebol-Sitz. 

„Doctor Leoz“, wie der 77-Jährige hier ehrfürchtig genannt wird, regiert die Behörde autokratisch von seinem riesigen Schreibtisch in der vierten Etage aus. Umrahmt von schweren Ledersesseln, Tropenholzparkett und den Pokalen der regionalen Meisterschaften sowie einem Ölgemälde, das Fußballspieler zeigt, die auf einem Berg knien; im Hintergrund leuchtet das Conmebol-Emblem wie eine Erscheinung. 

Der Doktor und sein Verband sind in den 20 Jahren seiner Regentschaft eins geworden – ganz wie sein Freund Joseph Blatter und die Weltorganisation Fifa: Das spärlich ausgestattete Fußballmuseum im Keller besteht größtenteils aus Urkunden, Titeln und Auszeichnungen, die Leoz verliehen wurden – „nur ein kleiner Teil seiner Sammlung“, erklärt die Archivarin. Gerade wurde ein von der Fifa gesponserter Hallenfußballkomplex in der Nähe von Asunción eröffnet, das „Coliseo Deportivo Nicolás Leoz“. 

Der Fußballverband liebt prächtige Bauten: Dem Conmebol-Sitz gegenüber zieht die Föderation gerade ein riesiges Kongress-Zentrum in die Höhe, in das 2000 Menschen passen. Fünf Millionen Dollar kostet das, finanziert von der Konföderation. Eingeweiht wird es Ende des Jahres. Ein Hotelkomplex ist ebenfalls in Planung. „Auch das ist ein wichtiger sozialer Aspekt für Paraguay“, sagt Sekretär Figueredo. 

Ansonsten, sagt er, sei aber die Fifa für Soziales zuständig. Etwa 100 MillionenEuro gibt der Weltfußballverband jährlich für seine Entwicklungshilfeprogramme aus. In Südamerika sind bisher erst drei Projekte realisiert – eines davon in Paraguay. Was sich nach Hilfe für arme Menschen anhört, entpuppt sich bei näherem Hinsehen als klassische Sporthilfe: Vor drei Jahren wurde 40 Autominuten südlich von Asunción ein Trainingskomplex für die Nationalmannschaft gebaut. Anfang Februar öffnete daneben eine weitere Trainingsstätte, in dem auch die Nachwuchsspieler des Landes trainieren können. „Eines der schönsten der 176 abgeschlossenen Goal-Projekte weltweit“, begeistert sich Fifa-Generalsekretär Urs Linsi. 

Hilfsorganisationen sind über derlei Sozial-Engagements der Fifa weniger begeistert, denn an den Kernproblemen von Schwellen- und Entwicklungsländern ändern sie nichts. Bei der Fifa heißt es dazu nur, Conmebol konzentriere sich bei ihren Entwicklungsaktivitäten eben auf Nachwuchswettbewerbe und Kurse. 

alexander.busch@wiwo.de | São Paulo 

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