Einsteigen statt aussteigen Friedrich Merz zu den Folgen der regierungsamtlichen Technologiefeindlichkeit

Archiv: Einsteigen statt aussteigen Friedrich Merz zu den Folgen der regierungsamtlichen Technologiefeindlichkeit

Voller Stolz blickt unsere Regierung auf den Vollzug ihrer Ausstiegsbeschlüsse: Vor wenigen Tagen ist in Obrigheim das zweite deutsche Kernkraftwerk stillgelegt worden. Das Werk war technisch in Ordnung, schrieb schwarze Zahlen, gab einigen hundert Beschäftigten sichere Arbeitsplätze und die Eigentümer zahlten ordentlich Steuern. Damit ist es jetzt vorbei. 

Der ungeliebten Gentechnik geht es nicht viel besser. Das neue Gentechnikgesetz behindert und erschwert den Anbau und die weitere Erforschung von gentechnisch veränderten Pflanzen derart, dass die Entwicklung und Herstellung neuer Getreidesorten schon jetzt überwiegend im Ausland stattfindet. Von den 80 Millionen Hektar, auf denen weltweit gentechnisch modifizierte Pflanzen angebaut werden, befinden sich ganze 500 Hektar in Deutschland! Die Erzeugung neuer Wirkstoffe in der Pharmazie ist in Deutschland ebenfalls so erschwert, dass der Abstand zu den USA inzwischen praktisch nicht mehr einzuholen ist. 

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Wer nach Gründen für unsere anhaltende strukturelle Wachstums- und Beschäftigungskrise sucht, wird die Folgen der zu-nehmenden, regierungsamtlichen Technologiefeindlichkeit in Deutschland nicht ignorieren dürfen. Der Ausstieg aus derKernenergie und die Verweigerung der großen Chancen, diesich aus der Biotechnologie für die Züchtung neuer Pflanzen ebenso wie für die Medizin ergeben, werden langfristig gravierende Folgen haben. 

Diese Folgen lassen sich anhand konkreter Beispiele aus der Vergangenheit belegen: Vor 20 Jahren hatte die Hoechst AG in Frankfurt die erste Anlage auf der Welt zur synthetischen Herstellung von Insulin errichtet. Jahrelang mussten die Hoechster damals auf eine Betriebsgenehmigung der rot-grünen Regierung in Hessen warten – Jahre, in denen die Konkurrenz vor allem in Frankreich aufholen konnte und den Deutschen schließlich den Rang ablief. Hoechst war damals der größte Arbeitgeber im Rhein-Main-Raum. Heute gibt es die Firma nicht mehr. 

Wenn wir nicht bald aus diesen Erfahrungen lernen und die richtigen Konsequenzen ziehen, haben unsere Kinder keine Chance mehr, in Deutschland den Wohlstand zu erarbeiten, an den wir uns in den vergangenen Jahrzehnten gewöhnt haben. Draußen in der Welt wartet niemand auf uns Deutsche. Die Globalisierung findet mit oder ohne uns ebenso statt wie die rapide technische Entwicklung. Seit 1995 ist kein Nobelpreis in den Naturwissenschaften mehr an einen Deutschen vergeben worden, der noch in Deutschland lebt. 

Schön und gut, dass wir über Zuwanderung und ihre Begrenzung diskutieren; aber wir übersehen dabei, dass die Abwanderung der Leistungseliten inzwischen bedrohliche Ausmaße angenommen hat. Seriös geschätzt verlassen rund 100 000 Leistungsträger jedes Jahr unser Land, darunter besonders viele Wissenschaftler. Viele Studenten studieren im Ausland und haben nicht die Absicht, nach Deutschland zurückzukehren – die Berufschancen sind dort für sie schlechter als anderswo. Der Verlust an technologischer Kompetenz vollzieht sich still und schleichend, aber dafür mit umso größerer Langzeitwirkung. In manchen Bereichen ist der technologische Fadenriss bereits eingetreten. 

Im Übrigen: Welchen Sinn macht es, demnächst Strom aus Kernkraftwerken zu importieren, die in Finnland, Frankreich oder Osteuropa stehen, und die gleichzeitig geringere Sicherheitsstandards einhalten als die, die wir hier stilllegen? Welchen volkswirtschaftlichen Nutzen hat es, wenn wir die hochinnovativen Medikamente, die natürlich jeder Kranke in Deutschland haben will, immer mehr importieren müssen, weil ihre Entwicklung und Herstellung in Deutschland systematisch behindert wurde? 

Was soll das Gerede über den Hunger in der Welt, wenn die einzige Chance, ihn zu besiegen, die Entwicklung neuer Pflanzen- und Getreidesorten mithilfe der Gentechnik derart verteufelt wird wie in Deutschland? 

Damit kein Missverständnis entsteht: Natürlich müssen auch die Risiken untersucht und sorgfältig abgewogen werden. Aber warum fragen wir so typisch deutsch immer zuerst und manchmal ausschließlich nach den Risiken und so wenig nach den Chancen? Können wir nicht wenigstens ein ganz klein wenig an die große Technikbegeisterung und den Erfindergeist anknüpfen, der Deutschland im Zeitalter der Industrialisierung einst so stark gemacht hat? 

Alle unsere Berufspessimisten sollten sich schleunigst mal in China, in Indien und auch in den USA umsehen. Dort findet heute das statt, was die EU sich vor fünf Jahren zum Ziel gesetzt hat: die dynamischst wachsende, wissensbasierte Industrieregion der Welt zu werden. Wir sollten sehr schnell unser Verhältnis zur Technik, zu Innovationen und zu neuen Produkten klären! Wir sollten das Wort „Aussteigen“ aus unserem Sprachgebrauch streichen! Deutschland muss wieder einsteigen und zwar vor allem und in ausnahmslos alle Bereiche der Naturwissenschaften! 

Wir sollten an uns selbst den Anspruch stellen, innerhalb einer Frist von maximal zehn Jahren in allen technischen Disziplinen auf der Welt mindestens auf einem der ersten drei Plätze zu liegen. Der (Wieder-)Einstieg muss in den Schulen beginnen und zwar mit einer neuen Schwerpunktsetzung auf die Naturwissenschaften. Unsere Hochschulen und Forschungseinrichtungen müssen sich viel lauter zu Wort melden gegen die politisch motivierte Zukunftsverweigerung in unserer Gesellschaft. 

Nur so haben wir eine Chance, aus der Beschäftigungskrise herauszufinden. Wir müssen das wirklich auch selbst wollen. Helfen wird uns dabei niemand. 

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