Archiv: Energize me!

Wo Energie ein Verb und jede Avenue ein Laufband ist. Ein Parcours der Niederlagen durch die In-Sportkurse im fitnessbesessenen New York. 

Unter den Sportsleuten in Chelsea Piers, einem Fitnessclub in Manhattan, erkennt man Trainerin Loree an der frohen Natur und den strammen Beinen: Mit einem Tritt könnte sie einen Mann erschlagen, sogar zu dieser frühen Zeit, in der New Yorker noch nicht einmal ihre Augenlider heben. Es ist sechs Uhr dreißig, und Loree ist wach wie eine Kaffeebohne. Sie lacht, ihre Wangen glühen. Sie verbringt ihr Leben auf dem Fahrrad und hat entschieden, dass wir dieses Leben mit ihr teilen müssen, zumindest für die nächste Stunde. 

„Spinning“ ist Radeln ohne Räder. Die „Spinner“ sitzen auf Satteln, treten in Pedale, doch die Fahrräder sind am Boden festgeschraubt. „Spinning“ gilt hier als Modesport, solange New Yorks Straßen fürs Radfahren zu gefährlich sind. Loree wirft die Tür auf, der Raum ist eng und dunkel. Die Wartenden treten ein, nur vier, ich bin der Fünfte, und ich komme zuletzt dran. 

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Welches Fahrrad ich wähle, ist ganz gleich. Sie alle zeigen in die gleiche Richtung – zum Podest, wo Loree gerade ihr Rad besteigt und ein Headset aufsetzt. Ihr Blick fällt auf mich, ihre Stimme tönt aus dem Lautsprecher: „Das erste Mal?“ 

Als ich nicke, zischelt hinter mir eine andere Stimme, eine Frauenstimme, die meine Pedale hochkriecht und in meine Wade beißt: „Klar, ist ja Anfang Januar.“ Ich fühle, wie Gift durch meinen Körper rauscht, das Gift der Verachtung, Athletenhohn: Oh, der Herr hat Vorsätze? Wie jedes Jahr? Wozu braucht man Disziplin, wenn man Vorsätze hat? Wetten, er steht die Stunde nicht durch! Ha! Einmal Weichei, immer Weichei. 

Brust raus, Nase hoch – so turnt Manhattan. Tausende trimmen täglich Geist und Körper für das Leben in der Stadt. Mittags stürzen sie sich in den „Lunch-Workout“, nach Büroschluss auf die Tretmühlen. Die Verrücktesten stemmen um sechs Uhr morgens schon Gewichte. 

Die Fitnesscenter scheuen sich nicht, die Mauern aufzureißen und Schaufenster einzubauen. Sie schlängeln sich als gleißendes Band um die Häuserblocks der Stadt, meist auf der ersten Etage, nie höher, selten tiefer, gerade so, dass die Fitten auf die Masse herabsehen können und die Masse zu den Fitten heraufschauen muss. An der Ecke 23rd Street und Lexington Avenue sieht man Studentinnen der nahe gelegenen Kunstschulen auf Tretmühlen hoppeln. Auf der 14th Street zwischen 6th und 7th Avenue liegen Hanteln die Fensterfront entlang, Männer beugen sich darüber als begutachteten sie die Auswahl einer Wursttheke. Auf der 72nd Street stehen sich in einem Vorkriegshaus Halbnackte gegenüber und breiten ihre Arme aus. Langsam ziehen Schwaden das Fenster zu, lassen aber gerade noch genügend Sicht, um zu enthüllen, dass die Halbnackten sich doch nicht gegenüberstehen. Sie absolvieren ihre Übungen vor großen Spiegeln. 

Sie üben das Schwitzen. Überall auf der Welt knallen Champagnerkorken, wenn ein Mann zehn Millionen Dollar macht. In New York aber ist er unglücklich, wenn er dabei nicht transpiriert. Schweiß ist das Öl der New Yorker Stadtmaschine. In Kalifornien trainiert man fürs Aussehen, hier, auf den Chelsea Piers, für den Erfolg. 

Die Chelsea Piers sind ein Komplex aus Sporthallen, die auf den Hudson River hinausragen, genau da, wo einst die Titanic hätte anlegen sollen. Bankbosse und Verleger treffen sich hier zum Powerlunch. Investmentfirmen halten Motivationsworkshops ab, die Angestellten üben Teamarbeit und stärken ihr Vertrauen und werfen sich dabei unvermittelt Medizinbälle zu. 

Man muss über die Aschenbahn, vorbei an den sandbedeckten Strandvolleyballfeldern und am Boxring, um zum „Spinning“-Raum zu gelangen. In den „Spinning“-Räumen anderer Sportclubs soll es stockfinster sein. Hier sehen wir wenigstens Loree. Wir sehen, wie mühelos sie trampelt, wie sie hinter sich greift und in den Spieler zwei CDs einschiebt, zuerst Sphären-, dann Hammermusik. 

Ich strample wacker im Takt und trotze den Klagen meiner Oberschenkel, den Kopf gesenkt wie ein Ochse. Was wie ein schwarzer Fleck vor meinen Augen tanzt, ist ein runder Knopf an der Lenkstange. Loree will, dass wir ihn nach links drehen, „den Widerstand erhöhen“, während sie die nächste CD auflegt. Zuerst glaube ich, die CD hat sich im Spieler aufgehängt, denn der Rhythmus flattert. Aber es ist wirkliche Musik, und Loree erwartet, dass wir ihr folgen und dabei aufstehen. Sie verkündet: „Wir erobern jetzt einen Berg.“ 

Ich erhebe mich vom Sattel, doch den Widerstand habe ich zu niedrig eingestellt. Als ich stehe, zerrt die Schwungkraft an meinen Beinen. Der linke Fuß rutscht ab, der rechte schleudert, bar jeder Kontrolle. Loree eilt zu Hilfe. Sie fasst zum schwarzen Knopf. Die Pedale stoppt. „Draufdrücken, dann ist es ‘ne Bremse“, sagt sie. 

Die Schlange hinter mir schweigt – und das sagt doch alles. Ihre Frotzelei zu Beginn der Stunde war die einzige menschliche Regung unter den „Spinnern“. Ich höre nichts und äußere nichts. Wir vermeiden Schnaufen und Prusten und schwanken mit Würde. 

Ich stehe durch und verlasse die Piers als neuer Mensch, hinter mir das Wasser, vor mir die Breitseite der Stadt. Vergiss die Titanic, ich bin ein Titan. Meine Augen verengen sich zu strategischer Weitsicht. Es ist kurz nach acht, der Tag gehört mir. Er gehört allen New Yorkern, denn wir haben Rushhour. Wir betreten die Avenues, jene Laufbänder aus Asphalt, wo uns Träume vorwärts treiben. Hinter jeder Kreuzung mögen neue Chancen liegen. Von Up- bis Downtown Manhattan kreuzen die Avenues immerhin über 200 Straßen, und in jeder gibt es genügend Sportclubs, wo man sich für den Fortschritt stählen kann. 

Die Clubs erfinden wöchentlich neue Drills. Im Reebok Sports Club unterzieht man sich einem „Body-Sculpt“, bei Equinox einem „Brazilian Butt-lift“, hochintensiver Muskelübungen bei Sambamusik. In Harlem studiert man Taekwondo und darf dabei schreien und schlagen. In Downtown-Studios ist man Cardio-Dancing ausgesetzt, Bauchtanz, Retro Robics, Latino Grooves und Bewegungsklassen, deren Namen wie exotische Nachspeisen klingen: Masala Bhangra, TuTu Fresh. Der Sports Club/LA nennt die 40 Trainer in seinen Diensten „Elite Corps“. Über den Laufgeräten hängen Plasmabildschirme mit DVD-Spielern und Internetanschluss. 

Mich verschlägt es ins East Village, in Olgas Hände. Olga instruiert Pilates in „Sal Anthony’s Movement Salon“ auf der 3rd Avenue. Ich schmeichle mich ein und erkläre, dass Joseph Hubertus Pilates, der Erfinder des zurzeit heißesten New Yorker Fitnesstrends, aus Düsseldorf stammt, „so wie ich“, was nicht ganz stimmt, doch Olgas Wohlwollen hebt. 

Pilates spielt sich sonst auf der Matte ab, aber ich bin Mann und will an die Maschinen, Hybriden aus Drehbank und Guillotine. Ziehe ich an dem Stock über meinem Kopf, hebt sich das Brett, auf dem meine Füße liegen. Ziehe ich am Griff zu meiner Seite, schrumpft der Apparat, und meine Knie tauchen auf wie zwei Otter, die nach Luft schnappen. 

Olga lotst mich nun doch auf die Matte. Sie will, dass ich auf dem Bauch liege, dass ich erst meinen Kopf hebe, dann meine Schulter, schließlich meine Brust. „Wie eine Schlange, die unter einem Felsblock hervorkriecht“ sagt sie, „nein, Sir, die Arme bleiben angelegt an Ihrem Körper.“ Vor mir erhebt sich die weiße Wand des „Movement Salons“, neben mir kniet die blonde Olga. Ich kam mit roten Wangen und blauen Augen, und jetzt, da ich mich vergeblich recke, färben sich die Augen rot und die Wangen blau. „Atmen“, flüstert Olga, „atmen, das bringt Energie.“ 

Energie ist das Lieblingswort der New Yorker. Sie machen sogar ein Verb daraus, wenn sie sich und andere schinden wollen. Es gibt jedoch Momente, wenn sie aufhören, Manhattan zu beherrschen, wenn Manhattan beginnt, sie zu überwältigen. Sie rollen dann ihre Yogamatte auf und schwingen sie über die Schulter. Sie gehen zu Damon Honeycutt, dem Yogi aus Oregon, der in einem Chelsea-Loft Taoist Yoga lehrt, eine Mischung aus Kung-Fu und sanften Posen. Oder sie strömen ins „Om“, ein buddhistisches Yogastudio, das von Cyndi Lee geleitet wird. Lee ist Choreographin und semiberühmt, weil sie einst die Tanzschritte in Cyndi Laupers Video „Girls Just Want to Have Fun“ erfunden hatte. Im Jivamukti Center auf der Lafayette Street entrollt der Yogafan seine Matte vor einem Kerzenschrein, vielleicht zwischen Hip-Hop-König Russell Simmons und Model Christy Turlington. Prominente tauchen hier regelmäßig auf. 

Yoga ist schick und effektiv. Es bringt inneren Frieden und zugleich Gewichtsverlust. Gucci bietet Yogamatten, das Jivamukti Center eine eigene Flaschenwassermarke. 

Ich stehe wieder vor dem Haus der Halbnackten an der 72nd Street und als jemand die Tür öffnet, um es zu verlassen, schlüpfe ich hinein. Mir schlägt Schweißgeruch entgegen und im Foyer zentrierte Gefasstheit. Ein paar Frauen in kurzer Hose und kürzerem T-Shirt warten bereits auf Holzbänken und schauen auf ihre Zehen. Die Rezeptionistin reicht mir ein Handtuch und eine Flasche Wasser. Das ist das Zubehör für Bikram Yoga, denn in den kommenden anderthalb Stunden regen, verharren und verrenken wir uns unter Kalkutta-Bedingungen: Der Raum ist auf 40 Grad Celsius aufgeheizt. 

„Hitze erlaubt Tiefe“, sagt die Yogatrainerin. Sie hat einen Schemel, wir haben Gummimatten. Sie löst den Knoten ihrer Haare, schlägt die Beine übereinander und beugt sich vor in vertraulicher Geste. „Die Hitze lockert die Muskeln und macht uns elastisch“, sagt sie. Dann steht sie auf und feuert die ersten Befehle ab. 

Ich zähle zehn Leute, acht Frauen und – mit mir – zwei Männer. Wir üben das Atmen, saugen die Luft durch die Nase und merken spät, viel zu spät, dass wir die Ausdünstungen unserer Vor- und Vorvorgänger aufnehmen. So leben wir endlich die buddhistische Weisheit, wonach wir „alle eins“ sind, und ein jeder des anderen Ich ist. 

Die Trainerin treibt uns durch 26 Posen, nötigt uns zur „Stuhlposition“, bei der wir die Arme vorstrecken und dabei langsam in die Hocke sinken. Wir biegen uns nach rechts zum „Halbmond“. Die Arme zeigen in die Höhe, der Schweiß rinnt seitwärts in die Augenwinkel. Wir knien, stoßen das andere Bein nach hinten und als wir die Hände falten und nach oben zeigen, um den Mond anzubeten, fällt mein Blick auf die Uhr. Ich sehe sie im Spiegel und erkenne, dass nur noch 15 Minuten vor uns liegen. Das mobilisiert Energiereserven. 

Die 15 Minuten verstreichen, doch die Trainerin fährt fort. 18 Minuten vergehen, dann 20, sie hängt einen Befehl an den anderen. Nach drei weiteren Minuten merke ich, wie sehr Spiegelbilder täuschen können. Vor mir hatten in Wirklichkeit 30 Minuten gelegen, nicht 15. Ich fühle bittere Enttäuschung, und dann passiert es: Ich stehe auf einem Bein, winkele das andere langsam an, hebe die Ferse bis zum Knie. Ich lege meine Hände zusammen, bringe sie zur Brust und tue, was ich nicht tun sollte. Ich blicke zwar in den Spiegel, konzentriere den Blick aber nicht „auf den Punkt über der Nasenwurzel“, wie von der Trainerin angeordnet. Ich blicke direkt in mein Gesicht. Eine fremde Grimasse glotzt mich da an, rötlich-dümmlich, halb verzückt, halb verzweifelt. Die ganze Struktur kollabiert, die Pose gerät zur Posse, ich finde mich auf der Matte wieder. 

Draußen wartet schon der Kurs der Fortgeschrittenen, meist angehende Ballerinen aus den umliegenden Ballettschulen mit hervorstechenden Schulterblättern und kräftigen Waden, die Wasserflasche unter dem Arm geklemmt wie eine Handtasche. Ihre Augen sagen: „Klar, ist ja Anfang Januar.“ 

Ich erwache aus dem Bikram Yoga wie aus einem gesunden Schlaf. Draußen sehe ich mich noch einmal um. Die Fensterscheiben sind feucht, und ich weiß, mein Schweiß ist jetzt auch dabei. Ich höre hinter mir: „Sie sind stark.“ Ein dicker Anorak verpackt die Yogalehrerin, ein Barett versteckt ihren Schopf. Sie nickt mir zu, zögert, will noch was sagen und sagt es schließlich doch: „Sie sind stark, aber nicht flexibel. Wie alle Männer. Kommen Sie bald wieder?“ 

Bernd Hendricks 

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