Erotik des Mammons Wie in Berlin über das große Geld geredet wird und Dementis an Wert verlieren

Archiv: Erotik des Mammons Wie in Berlin über das große Geld geredet wird und Dementis an Wert verlieren

Reden wir über Geld in der Politik. Nein, nicht über Bundeshaushalte. Es geht um das persönliche Salär von Politikern. Erotik des Mammons versus Erotik der Macht. Und das spielt auf den Fluren des Reichstags immer dann eine Rolle, wenn einer aus den eigenen Reihen in die Wirtschaft wechselt. Denn für viele ist dies das große Thema. Es ist hochspannend zu hören, wie dann Gehälter taxiert werden und wie schnell – natürlich aus reiner Uneigennützigkeit – der Stab über diejenigen gebrochen wird, die angeblich das große Geld machen – aus reiner Eigennützigkeit. 

Was lehrt die Diskussion? Erstens verdienen die Leistungsträger in der Politik zu wenig, weshalb zwar für mittlere Beamte und angehende Rechtsanwälte der Beruf des Abgeordneten attraktiv ist, für beruflich Aufgestiegene aber nicht. Zweitens spielt der Neidfaktor eine große Rolle. So wollte der ehemalige Außenminister Joschka Fischer immer ganz genau wissen, ob die Gehälter, die Berliner Job-Wechsler in der Wirtschaft verdienen, über seiner Ministervergütung lägen. Er hat sich übrigens inzwischen von den Tantiemen seiner diversen Bücher ein nettes Anwesen im schicken Berliner Süden gekauft. 

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Dem ehemaligen Bundeskanzler Gerhard Schröder wird von den Genossen in der SPD-Fraktion vorgehalten, dass dieser schon immer gesagt habe, er wolle zum Abschluss seiner Karriere „noch mal richtig Geld machen“. Auch die sozialdemokratisierte Union neidet gern und ausgiebig – so geschehen im Fall des CDU-Parlamentariers Norbert Röttgen. Als der noch plante, BDI-Hauptgeschäftsführer zu werden, erklomm sein angebliches Gehalt geradezu fantastische Höhen von bis zu 400 000 Euro jährlich. In diese Kategorien kommt der „normale“ Abgeordnete selten, auch ein Staatssekretär verdient weniger. Und weil man selbst dort nicht hinkommt, sollen es auch andere nicht – auch dies ein Grund, möglichst laut über die Gehälter in der Wirtschaft zu schimpfen. 

Zum Comment der deutschen Politik gehört offenbar die selbstgewählte finanzielle Armut. Das wäre ja in Ordnung, wenn man vorher oder nachher Geld verdienen dürfte. Dies ist beispielsweise in den USA der Fall. Dort gehört zum Austausch der Eliten von Politik und Wirtschaft, dass man in der ersten Karriere jenes Geld verdient, das einen für die Übernahme eines politischen Amtes überhaupt erst richtig unabhängig macht. So kommen hoch qualifizierte Banker oder Industrielle in Ministerämter, was, ganz nebenbei, eine Frischluftzufuhr für das Treibhaus Washington bedeutet. Danach wechseln einige, wie der US-Diplomat Richard Holbrook, sogar wieder in die Wirtschaft zurück. Der Vorteil: Während in Deutschland zwischen Politikern und Managern Sprachlosigkeit und Unkenntnis der Sachzwänge des jeweils anderen vorherrscht, weiß man in den USA nicht nur, wovon man selbst, sondern auch wovon der andere spricht. 

Apropos sprechen: In der Berliner Politik und ihren Pressestellen wird gemeinhin eine Verlotterung der journalistischen Sitten beklagt. Dem ist inzwischen eine Unkultur des Dementis entgegenzuhalten. Als wiwo.de, die Online-Ausgabe der WirtschaftsWoche, vorletzte Woche vorab das vorzeitige Ausscheiden von BDI-Hauptgeschäftsführer Ludolf von Wartenberg meldete, wurde dies so heftig dementiert, dass der Eindruck einer Zeitungsente entstand. Zwei Tage später allerdings war es dann mit dem Rücktritt/Ausscheiden/Nicht-Vertrag-Erfüllen so weit: Wartenberg schmiss der BDI-Führung die Brocken hin. Wie es heißt, zeitverzögert, damit er die WirtschaftsWoche nicht zu schnell bestätigen musste. Es zeugt nicht von gutem Stil, wenn nicht dementierbare Neuigkeiten wider besseres Wissen zurückgewiesen werden. Und leider ist dieser Stil nicht auf den BDI beschränkt, sondern auch in der Politik anzutreffen. 

michael.inacker@wiwo.de | Berlin 

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