Archiv: Falsche Flagge

Stefan Baron über die Schwäche des deutschen Bürgertums 

Bürgerliche Werte kommen derzeit wieder in Mode. Immer mehr Schulen geben Noten für Betragen, Pädagogen preisen die segensreiche Wirkung von Autorität und Disziplin, Heranwachsende besuchen Knigge-Kurse, Heiraten (in Weiß) ist neuerdings ebenso schick wie Kinderkriegen. Gleichzeitig laufen der „bürgerlichen“ Volkspartei CDU die Stammwähler weg (siehe Seite 36 und 162). 

Ein Widerspruch? Keineswegs: Die CDU von Angela Merkel ist keine bürgerliche Partei. Sie ist es schon unter Helmut Kohl nicht mehr gewesen, ja sie war eigentlich nie wirklich eine bürgerliche Volkspartei. Denn für eine solche hat es in der Bundesrepublik nie genug Bürger gegeben. 

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Das Bürgertum war hier immer schwächer als anderswo, sonst wäre Adolf Hitler nicht an die Macht gekommen. Mit der Vertreibung und Vernichtung der Juden haben die Nazis den Bürgerlichen hierzulande dann einen Schlag versetzt, von dem sie sich nie mehr erholen sollten. Nach Ludwig Erhard missachteten alle Regierungen der neuen Republik bewusst oder unbewusst den Humus eines jeden Bürgertums, die breite Vermögensbildung in privater Hand, und zogen ein Volk von sozialen Untertanen am staatlichen Tropf heran. 

In dieser epochal falschen Weichenstellung ist der zentrale Grund für die heutigen Probleme des Landes zu suchen. Unter dem gleißenden Licht der Globalisierung werden unsere Defizite in puncto Fleiß, Disziplin, Selbstverantwortung und Leistungsbereitschaft gnadenlos offenbar. 

All diese Eigenschaften haben viel mit Eigentum zu tun. Aber wir haben es versäumt, durch Gewinnbeteiligung Vermögen in den Händender Arbeitnehmer zu schaffen und so die Gräben zwischen Arbeit und Kapital zuzuschütten. Mit der dynamischen, umlagefinanzierten Rente haben wir die Bundesbürger davon abgehalten, zu Aktionären und damit zu interessierten und informierten Teilnehmern am allgemeinen Wirtschaftsgeschehen zu werden. Trotz Eigenheimzulage und Bausparkassen konnten die Deutschen auch kein Volk von Haus- und Wohnungseigentümern werden. Der Versorgungsstaat mit seinen hohen Steuern und Abgaben hat ihnen dafür einfach zu wenig Netto gelassen. Während rund 80 Prozent der Iren und Spanier, rund 70 Prozent der Amerikaner und Briten und weit über 50 Prozent der Franzosen und Holländer eine Immobilie besitzen, sind es hierzulande nur gut 40 Prozent. 

So braucht sich niemand zu wundern, dass Freiheit und Selbstverantwortung bei uns nicht viel gelten. Es fehlt schlicht die materielle Basis dafür oder zumindest die Aussicht darauf – und die Einstellung, die damit einhergeht. 

Von einer bürgerlichen Partei wäre zu erwarten (gewesen), dass sie diese Basis eines freien Bürgers stärkt: durch niedrigere Steuern mehr Raum zum Sparen und Investieren lässt, durch einen bescheideneren Sozialstaat die Selbstverantwortung nicht verschüttet, Lernwille und Leistungsbereitschaft wach hält. 

Genau das hat die CDU nicht getan, eher das Gegenteil. Von der SPD konnte und kann niemand etwas anderes erwarten, sie hat ihre Kundschaft alles in allem konsequent bedient. Die angeblich bürgerliche CDU dagegen hat selbst das Wenige, was an ihr anfangs bürgerlich war, noch abgebaut. Sie ist im Grunde nichts anderes als eine schwarz lackierte sozialdemokratische Partei und segelt schon seit Jahrzehnten unter falscher Flagge. 

Gemeinsam mit den Sozialdemokraten am Ruder der großen Koalition geht der Schwindel nunoffenbar auch den letzten Bürgerlichen in ihren Reihen zu weit. Die jungen Leute, die sich nach bürgerlichen Werten sehnen, werden sich gleich eineandere politische Heimat suchen. 

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