Archiv: Feine Coyoten

Englands Jagdgesellschaften müssen umlernen – oder ins Ausland reisen. 

Squire Gregory de Lisle, Chairman der berühmten Quorn Hunt, blickt traurig drein. „Schauen Sie“, sagt er, „unser Beritt ist ziemlich groß und ungefähr trapezförmig: Von Ashby-de-la-Zouch im Westen, Nottingham im Norden, Leicester im Süden bis hin nach Melton Mowbray im Osten. Dort trafen wir regelmäßig die Cottesmore Hunt und die Belvoir Hunt.“ 

Aber, de Lisles Gesichtsausdruck ist düster, das war einmal. Das, was von der Fuchsjagd zu Pferde hinter der Hundemeute übrig geblieben ist – nur dieser anspruchsvolle Sport wird in England als „hunting“ bezeichnet -, macht ihm keinen Spaß mehr. „Wir tun so viel zur Bewahrung der Landschaft“, sagt er bitter, „wir schützen Gehölze und Bäche, Hecken und Wege. Aber man will uns vertreiben.“ 

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Das traumhafte Gelände für schnelle Foxhounds und schneidige Reiter – Hügel, Hecken, Mauern – im Grenzgebiet der Grafschaften Leicestershire und Nottinghamshire ist seit Jahrhunderten als „Quorn Country“ bei guten Reitern berühmt und bei schwächeren berüchtigt. Nichts für Anfänger, bedeutet de Lisle, wer hier mitreiten will, muss etwas können. Seine Pferde auch: Für ein dreitägiges Treffen mit mehreren Jagden sind sechs erfahrene Jagdpferde das empfohlene Minimum. 

Quorn Country liegt zwei Autobahnstunden nördlich von London, wo diejenigen sitzen, die de Lisle und seinesgleichen „vertreiben“ wollen. Melton Mowbray, wo die drei angesprochenen Jagdgesellschaften sich treffen, ist eine idyllische Kleinstadt. Dennoch hat der Name für Engländer einen fast mythischen Klang. Denn hier ist das ideelle Zentrum des alten England. Anders gesagt: Melton Mowbray ist dem neuen England nur noch peinlich. 

Das neue England sorgte dafür, dass die Fuchsjagd seit Februar 2005 verboten ist. Die Jäger hatten schon seit Jahrzehnten den Hass zahlreicher Zeitgenossen auf sich gezogen, und irgendwann war der Widerstand so schwach geworden, dass Tony Blair und auch das Oberhaus dem Verbotsgesetz nicht mehr widersprechen wollten. 

Der Hass nichtjagender Großstadtmenschen auf die Fuchsjagd speist sich aus vielen Quellen. Ist die Jagd erfolgreich und wird der Fuchs tatsächlich gestellt – das kam in einem knappen Drittel der Fälle vor – wird die Szenerie blutig. Die wunderschönen Foxhounds, ursprünglich verträglich und gar nicht bissig, geraten in einen Blutrausch und zerfleischen den Fuchs – nicht instinktiv, sondern weil es ihnen antrainiert wurde. 

Englische Meutejäger stehen seit 2005 vor einer Wahl zwischen Teufel und Beelzebub. Vertreibung, das heißt: Entweder geben sie sich einer Schleppjagd hin, bei der eine künstliche Fährte gelegt wird, auf der wenigstens die Hunde ihren Spaß haben können. Scheußlich kontinentale Sitten, empfinden viele. Aber die meisten englischen Jagdreiter fügen sich mit steifer Oberlippe dem neuen Zeitgeist und ziehen hinter ihren Meuten unblutig durchs Gelände. 

Andere Reiter reisen in Länder, wo die Öffentlichkeit noch nicht so empfindsam geworden ist wie in England: nach Kanada oder Neu-England zum Beispiel. Dort gibt es Meuten, wo sich Amerikaner treffen, die mindestens so konservativ sind wie ein britischer Landedelmann. 

Das Gegenstück zu Melton Mowbray ist dabei der kleine Ort Chatham im Staate New York. Einige der dank „altem” Geld prominentesten Familien der USA, die Roosevelts, die Saltonstalls aus Boston und die Astors aus Long Island ritten einst mit der Old Chatham Hunt aus. Die Saltonstalls hatten es sich sogar angewöhnt, während der Wintersaison ein Haus beim Jagdrevier zu mieten, um den Hunden und den Füchsen näher zu sein. Die gibt es noch heute in rauen Mengen, und die Jäger kommen dank des offenen Geländes – die nächsten Highways sind weit entfernt – auf ihre Kosten. 

Wenn sie denn eingeladen werden, mitzutun. Das ist keine Selbstverständlichkeit: Krethi und Plethi werden, wie in der nicht weit entfernten und genauso piekfeinen Genesee Valley Hunt ferngehalten. Mitglieder der alten englischen Jagdgesellschaften haben, wenn sie höflich anfragen, keine Probleme. Aber sie müssen sich an einen Dresscode halten, der in England nirgendwo und niemals so streng gehandhabt wurde. 

Old Chatham schreibt vor, dass die Gentlemen während der Jagd einen violetten Reitrock tragen müssen mit kanariengelben Reverseinfassungen. Eine Weste im selben Farbton ist vorgeschrieben. In der weißen Fliege – um Himmels willen, binden Sie selbst und tragen Sie keine fertig gebundenen – hat ein goldener Pin zu stecken, waagerecht. Schwarze Lackstiefel, schwarzer Seidenzylinder, weiße Handschuhe. Am Abend wechselt der Herr in den Frack, der ebenfalls violett mit gelben Einfassungen zu sein hat. 

Hunting in Arizona ist gänzlich anders, und zwar deutlich relaxter, was die Kleidung angeht. Aber Fuchsjagd ist hier mangels Füchsen unmöglich. Stattdessen buhlt der Coyote darum, gejagt zu werden; so sehen es jedenfalls die Jäger hinter den „High Country Hounds“ in Flagstaff. Glaubt man ihnen, sind Coyoten wesentlich schneller, aggressiver und schlauer als Füchse, bieten also eine größere Herausforderung. Leider sind sie hässlich und, streng genommen, gar nichtcomme il faut. Aber man kann heutzutage nicht alles haben. 

In Florida lassen sich Füchse und Coyoten jagen. DuPuis Reserve und Quail Land sind die Jagdgründe der „PalmBeach Hounds“, eines sehr exklusiven Clubs, der es mit der rechten Bekleidung mindestens so genau nimmt wie Old Chatham. Wer hier als Gast akzeptiert wird, sollte nicht damit überfordert sein, in den massenhaft vorkommenden sumpfigen Abschnitten den einen oder anderen Alligator zu erschlagen. 

Wem Amerika zu weit oder zu förmlich ist, der fährt nach Frankreich. Hier gibt es mehr als 450 registrierte Hundemeuten in allen Departements. Größeres Wildgetier ist zwar dank der durch die Revolution errungenen Jagdfreiheit und der Jagdleidenschaft der Franzosen so gut wie ausgerottet, aber in einigen Naturschutzgebieten werden Hirsche und Füchse für die Jäger gemästet. 

Oder auch Wildschweine: Die „Piqu’avant Bourgogne“ im burgundischen Châtillon-sur-Seine jagen das Schwarzwild regelmäßig hinter ihren Grands Chiens Courants so lange, bis es gefährlich würde. Getötet werden die Tiere nicht von der Hundemeute – Wildschweine sind zu stark und gefährlich für die zart gebauten Laufhunde – sondern mit der Saufeder (einer Lanze) oder dem Revolver. Jeder Jagdreiter, der hinreichend Französisch spricht, ist willkommen. Sogar wenn er aus England kommt. 

Ganz anders sieht es in Irland aus. Hier gibt es zwar ideal geeignetes Land mit prächtigen Meuten (Kilkenny Foxhounds, Tipperary Foxhounds). Gleichwohl sind Engländer hier zu Lande unbeliebt, erst recht, wenn sie aus alten Familien kommen, die die Grüne Insel früher unter ihrer Fuchtel hatten. 

Neuseeland und Argentinien sind da entgegenkommender. Mark Kegan, Ex-Master der Bicester Hunt in England, hat sich in Argentinien mit Dutzenden von Foxhound-Pärchen auf einer Farm von 5000 Hektar Fläche niedergelassen. Simon Tomlinson von der pikfeinen Duke of Beaufort's Hunt in Südengland spielt mit dem Gedanken, es ihm nachzutun. 

Neuseeland ist ein Land mit vielen freundlichen Bewohnern, und auf der Südinsel wird mit einigen Meuten gejagt. Nicht Füchse, sondern Hasen: Ein Jäger hatte sich ein Pärchen Füchse aus Europa bestellt, für die Zucht. Aber der Hafenmeister von Auckland ertränkte die armen Tiere im Meer. 

Der belgische Graf Tanguy du Monceau de Bergendal, ein besonders fanatischer Jäger, will Gleichgesinnte, die er in England vermutet, gar zu entlegenen Revieren in Kirgisien, der Mongolei und Kenia locken. Man kann’s auch übertreiben, denken de Lisle und seine Sportkameraden, und Übertreibung schadet nur. 

In Südindien schließlich heißt die Ooty Hunt in Ootacamund jederzeit Gäste willkommen, denen es nichts ausmacht, dass es dort keinerlei Getier gibt, das sich jagen lässt. Zum Ausgleich fordert die Hunt als Nachfahrin des 74th Highland Regiment die Befolgung eines – erraten! – strengen Dresscodes. 

Möglicherweise ist es für englische Anhänger des erlesenen Sports ja auch besonders smart, überhaupt nicht zu reisen. Der Duke of Beaufort hat jedenfalls die Losung für die Traditionalisten vorgegeben: Wir halten uns an das neue Gesetz – aber wir gehen fest davon aus, dass es bald wieder kippt. 

Michael Freitag 

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