Archiv: Feine Patina

Die traditionsreiche Bremer Manufaktur Koch & Bergfeld beliefert anspruchsvolle Tafeln in Fürstenhäusern, Botschaften und Konzernen mit feinen Silberbestecken. 

Ein schmiedeeisernes Tor, das den Blick auf den gepflasterten Hof freigibt, links und rechts die Torhäuschen. Wäre da nicht die große Uhr auf dem reich verzierten Dachsims, die Fabrik würde an ein Stadtpalais an der Pariser Rue de Grenelle erinnern. Doch wir befinden uns nicht im feinen siebten Bezirk von Paris, sondern in der Bremer Neustadt, wo Koch & Bergfeld, eine der ältesten Silberwarenmanufakturen Deutschlands, residiert – seit 1876. 

Zu diesem Zeitpunkt war das Unternehmen bereits 47 Jahre alt. Ein Grund für den Umzug in die Neustadt war die Zollfreiheit auf dem damals hannoverschen Gebiet. Die Industrie entwickelte sich rasch. Um die Jahrhundertwende arbeiteten 3500 Menschen allein in der Bremer Silberbesteckmanufaktur. Zu den besten Kunden gehörten die großen Atlantiklinien, die gleich nach der Ankunft der Schiffe ihr gesamtes Silberbesteck zum Hersteller brachten. Über Nacht wurde es wieder auf Hochglanz poliert. 

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Die Zeiten, da sich elegante Damen auf der Überfahrt in die neue Welt von Herren in Smoking und Kummerbund verwöhnen ließen und ein Ozeanriese zentnerweise Silbergeschirr mit sich führte, sind längst vergangen. Stahlbesteck galt schon in den Dreißigerjahren und erst recht nach dem Krieg als Symbol rationeller Haushaltsführung. Hauspersonal für die Pflege des Silbers wurde zu teuer, und die erste Generation von Spülmaschinen war nicht silbertauglich. Silber war – ähnlich wie Manufakturporzellan – altmodisch geworden. 

„Die Tischkultur hat in den vergangenen Jahrzehnten gelitten“, klagt Klaus Neubauer, Geschäftsführer von Koch & Bergfeld, „viele Familien haben sich zu wenig Zeit dafür genommen.“ Anders als die großen italienischen und französischen Nobelmarken, die seit den Neun-zigerjahren einen sagenhaften Aufschwung erlebten, ist es nur wenigen deutschen Marken gelungen, sich an den Trend zum demonstrativen Luxus anzukoppeln. „Tafelsilber oder Manufakturgeschirr präsentiert der Gastgeber hier zu Lande nur einem kleinen Kreis von Eingeladenen“, sagt Neubauer. 

Die Branche ist überschaubar geworden. Es gibt nur noch fünf Manufakturen in Deutschland, in denen insgesamt rund 350 Beschäftigte Silber- und Stahlbesteck herstellen. Statt 800 Mitarbeiter wie zur Blütezeit Anfang des 20. Jahrhunderts beschäftigt Koch & Bergfeld heute 30 Mitarbeiter. Der Gründererbe Gottfried Koch verkaufte das Unternehmen nach fünf Generationen in Familienhand 1989 an Villeroy & Boch. 

Der Mettlacher Porzellanhersteller modernisierte das Werk, stieg aber 1997 wieder aus. Die Besteckmanufaktur ging in einem Management-Buy-out an den Werksleiter Hartmut Soostmeyer. Nach dessen Tod vor zwei Jahren übernahm Neubauer die Leitung. Vor wenigen Wochen erwarb der Unternehmenschef auch die Mehrheit des Kapitals. 

Für große Hotels, aber auch für das Auswärtige Amt ist der Lieferant aus Bremen heute unentbehrlich. So gingen die Aufträge aus deutschen Botschaften in den vergangenen beiden Jahren fast ausschließlich an die Bremer Manufaktur. Wenn deutsche Botschafter in Madrid, Addis Abeba oder in Brasilia einladen, speisen die Gäste mit Besteck aus der Manufaktur in der Bremer Neustadt. Auch die Vorstände des Schweizer Pharmariesen Novartis essen mit Messern und Gabeln von Koch & Bergfeld, die Besucher des südfranzösischen Gästehauses der Bertelsmann-Gruppe ebenso. 

Zum Renommee trägt außerdem die Schmiede für Geschirr und Schiffsmodelle aus Silber bei, die zwar zur Marke gehört, allerdings kapitalrechtlich unabhängig ist. In der so genannten Korpuswerkstatt, unmittelbar neben der Besteckschmiede, entstanden schon so berühmte Unikate wie die Champions-League-Trophäe. Bis zu 5000 Kilogramm Silber verarbeiten die beiden Schmieden zusammen im Jahr. Handarbeit spielt dabei eine große Rolle. Obgleich sich der Silberpreis seit Anfang 2003 verdoppelt hat, machen die Aufwendungen für Löhne und Gehälter mit etwa 60 Prozent den Löwenanteil der Kosten aus. Bis eine Silbergabel fertig ist, müssen die Handwerker 32 Arbeitsgänge erledigen. 

Die etwa 3000 Prägestöcke, die in langen Reihen auf den Regalen lagern, bilden heute den Schatz der Manufaktur. Ein weiteres Pfund sind die 250 Folianten, in denen die Modelle der vergangenen 150 Jahre verzeichnet sind. Zu den De-signern der Manufaktur gehörten Henry van de Velde, Gustav Elsass und Wilhelm Wagenfeld. Dank ihres Tresors an Prägestöcken und Entwürfen können die Bremer auf so gut wie jede Nachbestellung reagieren oder Überarbeitungswünsche von beschädigten alten Teilen erfüllen. „Es kommt durchaus vor, dass Kunden im Garten vergrabene Familienstücke nach Jahrzehnten wiederfinden“, erzählt Neubauer. Solche Stücke durchlaufen oft noch einmal den gesamten Produktionsprozess, vom Stanzen bis zum Nachschneiden der Zinken, dem Schleifen der Kanten sowie dem Polieren. 

Tröstlich für die Branche: Seit einigen Jahren entdecken – jenseits von Adel und Großbürgertum – neue Verbraucherschichten den diskreten Charme des Silberbestecks. „Silber hat Vorteile gegenüber Stahl“, sagt Neubauer, „es ermöglicht filigrane Muster, es ist antibakteriell, liegt besser in der Hand und leitet die Wärme der Speisen.“ Die neuen Liebhaber des Silbers – oft junge Manager – wollen ihren Alltag durch die Verwendung hochwertiger Materialien bereichern. Der Preis – über 2000 Euro für eine 24-teilige Garnitur – schreckt die neuen Silberenthusiasten nicht ab. 

Zudem hat sich herumgesprochen, dass Silber und moderne Spülmaschinen sich vertragen. Selbst das viel beschworene aufwendige Silberputzen hat seinen Schrecken verloren. „Benutzen Sie Ihr Silberbesteck nicht nur, wenn die Großtante kommt, sondern täglich, dann läuft es nicht an, sondern bekommt eine leichte, feine Patina“, empfiehlt Neubauer. 

Lothar Schnitzler 

Koch & Bergfeld Kirchweg 200, 28199 Bremen Tel. 04 21/5 59 06 00www.koch-bergfeld.de 

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