Fetisch gut – alles gut

Archiv: Fetisch gut – alles gut

Was kickt Männer wirklich an? Werbeguru Holger Jung und Fotograf Joachim Baldauf über Maschinen, Männer und Moneten 

Mit einer gelbschwarzen BMW R 1200 GS unterwegs ins „Alte Land“, dem idyllischen Oversize-Obstgarten der Hamburger jenseits der Elbe. Ihr Gefährt ist die stärkste Reise-Enduro der Welt. Ist das nun, wie in der Werbung behauptet, die reine Freude am Fahren? 

Jung: Kann man so sagen. Ich war gerade vier Tage mit meinem Sohn und der 1200er in den Dolomiten unterwegs: Sie hat ein Superbremsverhalten und lässt sich quasi mit dem Hintern lenken. 

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Baldauf: Mir gefällt das Design: Der ungewöhnliche Vorbau, dieses an eine Wespe erinnernde Chassis. Zudem fühlt sie sich gut an: Mit der kann man auch ein paar hundert Kilometer fahren, ohne dass man sich nachher vom Sattel heben lassen muss. 

Wie schnell fährt sie? 

Jung: Offiziell über 200 km/h, aber ich habe bisher nur bis 190 Sachen aufgedreht. Da schlackert ohnehin schon der Helm. 

Früher war das so: Die Jungs mit den Motorrädern kriegten immer die interessanteren Mädchen. Stimmt das heute noch? 

Baldauf: Das hängt natürlich mit dem Typ Mädchen zusammen, auf den man steht. Als ich jung war, in den Achtzigern, war’s modern, sich über Klamotten zu definieren. Ich habe damals Human League gehört, mich auf meine Vespa gesetzt und bin über die Alpen nach Bregenz und Zürich gedüst. Damals zog man als Motorradfahrer vor allem auftoupierte, gut geschminkte Mädchen an. 

Jung: Achtzigerjahre hieß für mich: Harley fahren. Damals war ich Geschäftsführer bei Springer & Jacoby und konnte mir endlich eine Harley leisten – ein später Nachklapp zum „Easy Rider“. 

Mit Dennis Hopper haben die grau melierten Mittfünfziger, die heute ihre Harleys spazieren fahren, wenig gemein. 

Jung: ...die Zahnwälte mit den blitzblank geputzten Schüsseln, stimmt. Aber Harleys sind seit Mitte der Neunziger Jahre nicht mehr in. BMW-Motorräder dagegen sind sportliche, bequeme Maschinen für Leute, die keine Lust haben, am Rocker-Nimbus hängenzubleiben. 

Dabei hat man schon den Eindruck, dass sich viele Männer mittels Motorrad fürs alltägliche Gezähmtwerden entschädigen. 

Jung: Nein. Für mich ist Motorradfahren einfach die unmittelbarste Art, um Landschaft zu erleben. Deswegen fahre ich hier im Norden auch so gut wie nie. Ich fliege immer nach München, steige aufs Motorrad, donnere in die Berge und nehme unterwegs allein schon der Kurven wegen viele Alpenpässe wie nur möglich mit. 

Wie kommt es, dass so viel mehr Männer als Frauen Motorrad fahren? 

Baldauf: Das liegt an der Haltung beim Motorradfahren. Die ist Frauen eher unangenehm, wirkt mitunter prollig. Das mag nun mal keine gern. 

Jung: Unsinn, Frauen vertragen sich einfach grundsätzlich nicht mit zwei Rädern. Schon mal eine Frau mit dem Rad bremsen sehen? Statt ordentlich zu bremsen, fangen die an, mit dem Fuß abzustockern. Und wenn sie mit dem Fahrrad schon solche Schwierigkeiten haben, wie soll das denn erst mit dem Motorrad klappen? 

Wie wichtig ist für einenBiker der Faktor des Gesehen-Werden? 

Baldauf: Sehr wichtig. Die Maschine muss stimmen, die Klamotten müssen stimmen, sonst fühle ich mich einfach nicht wohl. 

Jung: Früher fand ich es geil, mit der Harley und ohne Helm nach St. Tropez zu cruisen, vor dem „Gorilla“ einzuparken, Kaffee zu trinken und schlau zu gucken. Heute ist es mir schnurzegal, ob jemand zuschaut. 

Gibt es irgendein Männerspielzeug, das total überschätzt wird? 

Jung: Naja, entweder sind all diese Spielzeuge doof, oder keines von ihnen ist es. Denn sie funktionieren ja. Man darf nicht der Tatsache übersehen, dass 90 Prozent aller Klischees in ihrer Erfolgsmechanik durchaus schlüssig sind. 

Baldauf: Ob jemand ein echter Mann ist, sieht man erst, wenn er nackt und ohne Fetisch dasteht. Dann zählt nur noch seine Haltung und seine Ausstrahlung. Dieses permanente „Ich, Ich, Ich“, das derzeit viele zelebrieren, ist unmännlich. 

40 Minuten später: Zwischenstopp im Altländer Hof, einer reetgedeckten Gastwirtschaft im Herzen des Alten Landes. Jung und Baldauf sitzen unter einer alten Linde und ordern zwei Altländer Bauernteller. 

„Ich habe viel von meinem Geld für Alkohol, Weiber und schnelle Autos ausgegeben... Den Rest habe ich einfach verprasst“, so lautete die Lebensbilanz des Fußballers George Best. Selbst schon mal unvernünftig Geld ausgegeben? 

Baldauf: Ganz oben auf meiner Liste: Technikspielzeug. Ich kann es nicht aushalten, wenn es einen neuen Mac auf dem Markt gibt, und ich habe den noch nicht. Dann komme ich mir mit meinem Dell richtig elend vor. Gleiches gilt für iPods, Flachbildschirme, und so weiter. 

Jung: Eine echte Berufskrankheit in unserer Branche: Dieses Perfektionsstreben, wenn es um Sets von Dingen geht. Wenn ich zum Beispiel eine Garage habe, will ich, dass es eine perfekte Garage ist. Also kaufe ich mir für sie eine komplette, professionelle Werkstattausrüstung, obwohl ich weiß, dass ich den 17er-Maulschlüssel nur ein einziges Mal benutzen werde. Das ist natürlich völlig bescheuert, denn Perfektion an sich ist ja kein Wert. 

Baldauf: ...und dann stellt man eines Tages fest, dass man in einer perfekten, aber kalten und trostlosen Scheinwelt lebt. Da muss man lernen, designmäßig ein paar Abstriche zu machen. Ich habe mir neulich zum Beispiel einen Grill für meine Terrasse gekauft – aber eben bewusst keinen Designergrill, sondern einen vom Baumarkt. 

Irgendein Spielzeug, das Sie unbedingt irgendwann noch haben müssen? 

Jung: Also, meine Jugendträume habe ich mir bereits alle erfüllt: Den 911er Porsche, Baujahr 1970, die Paul Newman Daytona aus den End-Sechzigern... hab‘ ich bereits alles abgearbeitet. Meist hat man damit auch bestimmte Produktbereiche erledigt – seit ich beispielsweise die Daytona besitze, ist das Thema Uhren für mich durch. 

Baldauf: Ich würde mir gern ein Exemplar jenes Fertighauses zulegen, das der österreichische Architekt Oskar Leo Kaufmann mal für „Wallpaper“ entworfen hat. Dafür will ich ein Stück Land mitten in der Pampa kaufen und mitten hinein das Fertighaus stellen. Ein langfristiger Traum von mir ist es, eines Tages eine Schule aufzumachen. Ein Institut, ähnlich wie Fabrica von Benetton, nur in einer deutschen Variante. Ich fände es großartig, eines Tages etwas von meinen Erfahrungen weitergeben zu können. 

Sie haben für Ihr Buchprojekt „Der subjektive Mann“ jetzt drei Jahre lang Männer fotografiert. Was lernt man dabei? 

Baldauf: Dass die meisten Männer ein Doppelleben führen. Das hat mich zu Anfang schockiert. Ist aber so. Und beim Fotografieren merkt man das. Und noch etwas: Der Männertyp hat sich verändert. Der klassische virile Mann ist inzwischen zu einer aussterbenden Gattung geworden. 

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