Fiera Milano Mailands Renais sance

Archiv: Fiera Milano Mailands Renais sance

Europas zweitgrößte Messe setzt Maßstäbe – an der Börse und mit einem neuen Ausstellungsquartier. 

Selbst der Architekt der derzeit größten Baustelle Europas ist ungläubig. „Ein Wunder“ nennt Massimiliano Fuksas die planmäßige Entstehung des neuen Messequartiers am Mailänder Stadtrand. „Das Außergewöhnliche an diesem Werk ist, dass wir es in Italien verwirklichen“, staunt der Stararchitekt aus Rom. 

Drei Monate vor der Einweihung ist das Logo der futuristischen Messestadt am südlichen Alpenfuß fast fertig. Ein riesiger Mantel aus Glas und Stahl erstreckt sich auf einer Länge von 1,2 Kilometern über dem schnurgeraden, zweistöckigen Verbindungskorridor zwischen den acht Messehallen. Das 47 000 Quadratmeter große Segel mit seinen 100 000 Mosaiksteinen ist schon „zum Symbol der Renaissance Mailands“ geworden, stellt das lokale Großblatt „Corriere della Sera“ beeindruckt fest. 

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Vom Bau eines neuen Ausstellungsquartiers war in Mailand in den Sechzigerjahren das erste Mal die Rede gewesen. Doch erst 2000 hat die Aufspaltung der schwerfälligen öffentlichen Messeanstalt in eine Besitzergesellschaft, die privatrechtliche Stiftung Fiera Milano, und die inzwischen börsennotierte Betriebsgesellschaft Fiera Milano SpA dem Megaprojekt Beine gemacht. Auf dem 200 Hektar großen Areal einer stillgelegten Ölraffinerie im Nordwesten Mailands will Bauherr Luigi Roth, Präsident der Messestiftung, nach nur 24 Monaten Bauzeit am 2. April 2005 das hypermoderne, 750 Millionen Euro teure Domizil einweihen. „Mit einer Messe“, verspricht Roth, „nicht mit einer Eröffnungszeremonie.“ 

Seinen Pilotbetrieb wird das neue Ausstellungsviertel mit der Fachmesse „Progetto Città“ für Immobilien, Stadtplanung und Standortmarketing aufnehmen. Richtig umziehen will der Messebetreiber Fiera Milano erst Anfang 2006, wenn alle Verkehrsanbindungen fertig gestellt sein sollen. 

Am europäischen Ranking ändert die räumliche Expansion Mailands nichts. Mit 470 000 Quadratmetern Bruttohallenfläche bleibt die lombardische Wirtschaftsmetropole nach Hannover der zweitwichtigste Messeplatz Europas. Acht Kilometer vom alten Gelände entfernt, entstehen 345 000 Quadratmeter Bruttoausstellungsfläche, plus 60 000 Quadratmeter Freigeländefläche. In der Stadt bleibt knapp ein Drittel – 125 000 Quadratmeter – der alten Fläche erhalten. Unterm Strich erhöht sich das Angebot so um 30 Prozent. 

„Wir bekommen endlich ein Quartier, das dem Namen Mailands würdig ist“, jubelt Messechef Piergiacomo Ferrari. Das 1922 bezogene, vielfach ausgebaute Viertel in der Stadt sei längst „obsolet“. Eine Gleichberechtigung der Aussteller war Mailand angesichts der Zerstückelung der Ausstellungsfläche in Dutzende mehrstöckige Pavillons versagt. „Wer will schon einen Stand im vierten Stock beziehen?“, klagt Ferrari. 

Eng und unbequem ging es an Italiens führendem Messeplatz zu. Auf- und Abbau der Ausstellungen waren eine Zumutung – mit kontingentierter Zufahrt der Lastwagen von Sammelplätzen vor der Stadt und Nachtschichten als Regel. Große Investi- a tionsgütermessen oder neue Publikumsmessen waren für die aus allen Nähten platzende Fiera Milano unmöglich. 

Fiera-Chef Ferrari interessiert sich daher auch weniger für die Fluidität der neuen Architektur von Fuksas mit ihren Kratern und Hügeln. Die charakteristischen Oberlichter auf den Hallendächern, die wie Ferngläser aussehen, oder die gläsernen Bohnengebäude und Raumschiffe, die das 1200 Meter lange Laufband auf der zentralen Verbindungsachse des Quartiers säumen, sind für den studierten Juristen hübsches Beiwerk. „Wir haben der mit großem Aufwand entworfenen Ausstellungsmaschine eine technologische Seele gegeben“, brüstet sich der Lombarde. 

Als Messebetreiberin verspricht sich Fiera Milano wichtige Vorteile vom neuen Viertel. Zum Beispiel eine hohe Nutzungsflexibilität. Die riesigen Messehallen – mit einer Grundfläche von 37 000 Quadratmetern schluckt jede locker den Petersplatz in Rom – sind alle mit Rezeption, Café, Restaurant sowie Büros ausgestattet. Es entstehen so zehn völlig autonome Pavillons, die einzeln betrieben werden können. Das erhöht die Wirtschaftlichkeit kleiner Veranstaltungen und ermöglicht gleichzei-tig mehrere verschiedene Ausstellungen. Auch mit dem Albtraum Logistik ist es für Ferrari im kommenden Jahr vorbei. Die neue Messestadt erhält ein durchdachtes internes Verkehrssystem und 20 000 Parkplätze. Lastwagen können die Ausstellungs-güter direkt in den 12 und 16 Meter ho-hen Hallen abladen. Die beiden zweigeschossigen Hallen sind auch im oberen Stock über eine Rampe befahrbar. Alle vier Meter sind im Boden Anschlüsse für Telekommunikation, Strom, Wasser, Gas und Druckluft gelegt. 

Während draußen in Richtung Schweizer Grenze noch 1900 Bauarbeiter von 300 Firmen aus 44 Ländern 70 000 Tonnen Stahl und 200 000 Quadratmeter Glas zu einer ästhetischen Attraktion Mailands zusammenmontieren, arbeitet Messechef Ferrari daran, die Auslastung seiner neuen Location zu sichern. 50 Millionen Euro Miete muss er künftig an die Eigentümerin, die Stiftung Fiera Milano, überweisen. Sein Ziel ist es, bis zur vollen Inbetriebnahme des neuen Geländes das Geschäft der seit Dezember 2002 gelisteten Messegesellschaft um ein Drittel auszuweiten. 

Mit 78 Messen und 1,7 Millionen Quadratmetern verkaufter Nettofläche behauptet Mailand schon heute eine unangefochtene Vormachtstellung in Italien, dem weltweit stärksten Konkurrenten der führenden deutschen Messewirtschaft. „Neben Mailand kann nur Bologna wirklich internationalen Anspruch erheben“, sagt Francesca Golfetto, Leiterin des Fachinstituts Cermes an der Mailänder Elitehochschule Bocconi. 

Der Aufbruch begann vor über vier Jahren. Das traditionelle Messeunternehmen spaltete sich in eine gemeinnützige Immobilienstiftung und eine operative Aktiengesellschaft. Damit setzte die Transformation der alten Messe in ein integriertes Dienstleistungsunternehmen mit einer breiten Servicepalette rund ums Expo- und Kongressgeschäft ein. Fiera Milano kontrolliert inzwischen 16 eigenständige Tochterfirmen. Der Börsengang beflügelte vor zwei Jahren das Streben nach Effizienz und Wirtschaftlichkeit. Fiera Milano brachte im Dezember 2002 44 Prozent ihres Kapitals an den Markt. Die Aktienmehrheit blieb in den Händen der Stiftung, in der lokale Körperschaften das Sagen haben. Damit ist auch in der wirtschaftlichen Hauptstadt Italiens die Messeprivatisierung keineswegs vollendet. „Mailand“, so Branchenexpertin Golfetto, „spielt aber eine Vorreiterrolle.“ 

der Börsengang ist auch international eine Benchmark. Den Einwand, Messegesellschaften seien nicht so profitabel zu führen, dass sie private Anleger interessieren, entkräftet Ferrari prompt. „Unser Aktienwert ist seit der Erstnotiz um 25 Prozent gestiegen“, stellt der Messechef fest. Den Anlegern zahlte er zwei dreiprozentige Dividenden, die Erwartungen der Analysten wurden stets übertroffen. Im Bilanzjahr 2003/04 steigerte der Börsenneuling seinen Umsatz um 33 Prozent auf 291,6 Millionen Euro und erzielte zwölf Millionen Euro Nettogewinn. 

Den Börsenerlös investiert Ferrari vor allem in den Kauf von Messeveranstaltern. Sein bisher letzter Streich: Im Dezember übernahm Fiera Milano TL.TI Expo, Ausrichter der beiden wichtigsten italienischen Transport- und Logistikmessen, die bisher in Verona stattfanden. „Wir haben damit unser Ziel erreicht, mindestens die Hälfte unserer Messen selbst auszurichten“, sagt Ferrari. Die starke Dominanz von Fremdveranstaltungen ist ein Manko der italienischen Branchen. 

Doch die Ausstellungsszene ist nun landesweit im Umbruch. „Die extrem stark zersplitterte Messewirtschaft Italiens ist in Bewegung gekommen“, beobachtet Messeökonomin Golfetto. Vielerorts würden Übernahmen und Joint Ventures geplant. Bologna, Rimini, Parma, Piacenza und Padua haben die Türen für private Investoren geöffnet. In Bologna steht auch der Börsengang auf der Agenda. Noch gibt es 32 Messestandorte und rund 50 Messeveranstalter in Italien. „In vier bis fünf Jahren wird sich die Zahl der Messegesellschaften um 50 Prozent reduzieren“, prognostiziert Golfetto. 

Ulrike Sauer/rom 

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