Flucht in die Europa AG

Archiv: Flucht in die Europa AG

Henning Kagermann » Im Streit um einen Betriebsrat treibt der SAP-Chef die Änderung der Gesellschaftsform voran. 

In der Öffentlichkeit tritt Henning Kagermann am liebsten leise auf. Selten bis nie verliert der Chef des größten Unternehmenssoftwarehauses der Welt etwa ein böses Wort über Wettbewerber wie Oracle oder Microsoft. Intern agiert Kagermann dagegen als knallharter Manager, der auch vor unpopulären Entscheidungen nicht zurückschreckt. So nutzt er den laufenden Streit um die Etablierung eines Betriebsrats bei SAP dazu, ein seit Längerem geplantes Projekt voranzutreiben: die Umwandlung des Konzerns in eine Europa AG. Als die Allianz im vergangenen Jahr als erstes deutsches Großunternehmen ankündigte, demnächst zur Societas Europaea (SE) umzufirmieren, signalisierte SAP ebenfalls Interesse, seine Gesellschaftsform zu ändern. „Wir bereiten die Entscheidungsfindung vor“, sagt Kagermann. Unterstützt wird er von den SAP-Gründern Dietmar Hopp, Hasso Plattner und Klaus Tschira. Sie sehen den Versuch, einen Betriebsrat in dem Unternehmen zu etablieren, als gezieltes Manöver, einen vom Vorstand vorangetriebenen Umbau der zweiten und dritten Managementebene zu bremsen. 

Anzeige

Die Europa AG würde nicht nur steuerliche Vorteile bieten. Sie erlaubte es auch auf relativ unbürokratische Weise, den Unternehmenssitz von Deutschland ins europäische Ausland zu verlegen. Über die Europa AG ließe sich auch die Mitbestimmung einschränken. Bei einer Umwandlung in eine SE kann eine AG statt des deutschen Führungsmodells mit Vorstand und Aufsichtsrat auch das angelsächsische Modell wählen. Vorstand und Aufsichtsrat würden dann durch ein einziges Gremium ersetzt – den Verwaltungsrat, Board genannt. Selbst bei Beibehaltung des Aufsichtsrats würde die Macht der deutschen Arbeitnehmervertreter im Aufsichtsrat geschwächt, da in einer SE auch Mitarbeitervertreter ausländischer Standorte in das Gremium einziehen. 

Die Drohung mit der Verlagerung des Unternehmenssitzes in ein europäisches Nachbarland ist insbesondere für die SAP-Gründer ein letztes Druckmittel, um einen Betriebsrat auszuhebeln. Bei einer Betriebsversammlung hatten jüngst über 90 Prozent der SAP-Beschäftigten gegen einen Betriebsrat gestimmt. 

michael.kroker@wiwo.de 

Anzeige

Twitter

Facebook

Google+

Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%