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Hinter den exklusiven Rocco-Forte-Hotels steht ein unermüdlicher und unorthodoxer Brite. Sir Rocco Forte sammelt feine Hotels wie andere Leute Gemälde. Jetzt will der Marathon-mann den Deutschen vorführen, was echter Hotel-Luxus ist. 

Es heißt, die Party sei eine der verrücktesten des vergangenen Jahres gewesen. Wild und wodkalastig. Dem Londoner Gesellschaftsmagazin „Tatler“ war sie ein paar Seiten ganz vorne in der Januar-Ausgabe wert; und das, obwohl sie in einem gottverlassenen Nest auf der Krim stattfand. 

Gastgeber war der Russe Alexander Lebedev, laut Forbes-Liste immerhin 1,6 Milliarden Dollar schwer, Mitinhaber von Aeroflot und Besitzer eines Luxushotels am Schwarzen Meer. Dorthin hatte er anlässlich des 45. Geburtstag seines Freundes, des Londoner Multimillionärs und Partylöwen Robert Hanson, eingeladen. Rund 50 von Hansons Freunden flogen in einer privat gecharterten Ukrainian Airlines-Maschine ein, darunter Feierlustige wie Tim Jefferies, ValKilmer, Nat Rothschild und Dannii Minogue. 

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Mitten im Vergnügen und offensichtlich bester Laune: Sir Rocco Forte, Vorstandsvorsitzender und Hauptaktionär der Rocco-Forte-Hotels. Der Hotelier – das bedarf angesichts der über diese Party weithin kolportierten Exzesse der Feststellung – war in Begleitung seiner Frau Aliai angereist, einer bildschönen, 20 Jahre jüngeren Römerin. 

„Ich habe nichts gegen eine gute Feier“, gibt der heute eher für seine Arbeitswut bekannte Hotelier freimütig zu, „ich gebe selber viele Partys in meinen Hotels, und auch zu Hause. Heute sind es vor allem Dinner-Partys.“ Früher habe er allerdings extensiver gefeiert, lässt er durchblicken, „als ich noch jünger war und mehr Energie dafür aufbrachte“. 

Das war noch bevor ihm das familieneigene Gastronomie-Imperium anvertraut wurde (und ihm nur wenige Jahre später wieder abhanden kam). Sein Vater Charles war in Italien geboren, in Schottland aufgewachsen und später nach London gezogen. Dort hat der Selfmademan die Forte PLC1934 mit einer bescheidenen Milchbar an der Regent Street gegründet. Als sein Sohn 58 Jahre später die Leitung deszu einem Riesenkonzern herangewachsenen Unternehmens übernahm, hatte Forte PLC 800 Hotels, darunter dasRitz in Madrid, das George V unddas Plaza Athénée in Paris und dasSandy Lane auf Barbados, 1000 Restaurants und fast 100 000 Mitarbeiter in 50 Ländern. 

Der junge Chef versuchte, das gigantische und schwerfällige Unternehmen zu straffen, einzelne Bereiche abzustoßen und sich auf das Kerngeschäft, die internationale Hotellerie, zu konzentrieren. In wenigen Jahren steigerte Rocco Forte die Profite des Unternehmens um das Fünffache. Er wusste, sagt er heute, dass er auf dem richtigen Weg war. Doch seine Aktionäre glaubten es damals offenbar nicht. 

Im Zuge einer feindlichen Übernahme wurde die Forte PLC 1996 verkauft. Immerhin steigerte Sir Rocco durch energische Gegenwehr den Verkaufspreis auf 3,9 Milliarden Pfund. Knapp ein Zehntel davon ging an die Familie. Der ausgebootete Konzernchef hätte sich somit getrost zur Ruhe setzen können. Doch der sedentäre Lebensstil sagt ihm nicht zu: „Ich brauche die Motivation, die in einer Aufgabe steckt. Wenn ich nichts zu tun habe, langweile ich mich.“ 

Die Frage ist freilich gestattet, wie sich jemand langweilen kann, der regelmäßig Marathon läuft, der als Mitglied des offiziellen britischen Teams an den „World Triathlon Championships“ teilnimmt und beim Ironman-Wettkampf vor einem Jahr in Österreich Zweiter seiner Altersgruppe wurde. Für andere sind die Vorbereitungen auf solche sportlichen Höchstleistungen tagesfüllend. Sir Rocco reicht eine morgendliche Trainingseinheit – laufen, schwimmen oder Radfahren: etwa ein kleiner Lauf durch Münchens Englischen Garten, 17 Kilometer, eine gute Stunde lang. „Meine Frau findet das völlig verrückt“, bemerkt er nebenbei. 

Auch beruflich startet der Hotelier gern durch. „Ich mag das Hotelbusiness, und ich spürte intuitiv, dass sich in diesem Bereich ein Projekt verwirklichen lässt, das mich immer schon reizte“, sagt Forte. Das Projekt: eine europäische Luxushotelgruppe, die sich von den bereits existierenden Ketten unterscheidet, weil jedes einzelne Haus dem Gast auf ganz spezifische Art in Erinnerung bleibt. „Die Menschen sprechen voller Respekt vom Beverly Hills Hotel, vomCipriani oder von der Villa d’Este, weil jedes dieserHotels einen unverwechselbaren Charakter hat“, sagt der Unternehmer, „auch ich will einzigartige Hotels anbieten.“ 

Sir Rocco steht mit seiner ganzen Persönlichkeit hinter dem, was er lieber eine Hotelkollektion als eine Hotelgruppe verstanden wissen möchte – gerade so als handle es sich nicht um Hotels, sondern um Kunstobjekte. Der Chef ist sich auch nicht zu schade, höchstpersönlich für seine Sammlung zu werben. 

Ohne viel Aufhebens empfängt er uns, gemeinsam mit einem CNN-Fernsehteam in seinem Londoner Privathaus. Tags zuvor war die Familie von den Skiferien in Zermatt zurückgekehrt. Das Haus sei „upside down“, entschuldigt sich Lady Forte. Tatsächlich ist das viktorianische Backsteinhaus im Nobel-Stadtteil Chelsea aber perfekt aufgeräumt und staubfrei: die Silberrahmen mit den Familienfotos, die voluminösen Kissen auf dem geblümten Seidensofa, die große Küche, das flaschengrün tapezierte Esszimmer – alles perfekt. 

Sir Roccos Lieblingsthema ist Deutschland. Drei Hotels werden hier eröffnet, die Villa Kennedy, im Frühjahr in Frankfurt, das Hotel de Rome im Spätsommer in Berlin und ein noch namenloses Hotel an Münchens Lenbach Gärten, das 2007 fertig werden soll. „Deutschland“, sagt Forte, „ist die größte Wirtschaftsmacht in Europa, die drittgrößte der Welt; da muss man einfach hin.“ 

Natürlich sei Deutschlands Wirtschaft in keinem guten Zustand. Doch die deutschen Unternehmen hätten sich neu aufgestellt und seien effizienter geworden. „Deutschland steht auf Platz eins der Exportnationen, noch vor den USA“, sagt Sir Rocco, „ich glaube, dass Deutschland das einzige Land in Europa ist, in dem wir bald positive Veränderungen sehen werden.“ 

Die Deutschen Forte-Häuser sollen ihren ganz eigenen Stil haben. Es sind kleine Hotels, mit maximal 170 Zimmern. Allesamt sind sie in historischen Gebäuden untergebracht und sollen einen entspannten Luxus vermitteln, wie er in der hiesigen Fünf-Sterne-Hotellerie bislang unbekannt ist – elegant und stilvoll, dabei aber nicht steif. 

Natürlich sah sich der Brite aufmerksam in der deutschen Hotelszene um. Frankfurt, kritisiert er, sei eine Geschäftsstadt ohne eine echte Fünf-Sterne-Hotellerie, auch weil zu lang nicht mehr investiert wurde. Berlin sei zwar weiterentwickelt und habe neuere Hotels, aber das seien große, ziemlich unpersönliche Luxusherbergen. 

Fortes Hotel de Rome am Bebel-platz wird im Stil der Dreißigerjahre eingerichtet und soll ein typisch deutsches Wohngefühl verbreiten, das zu Berlin passt. Rund 70 Millionen Euro lässt sich der Hotelier das Projekt kosten. Schon die neoklassizistische Bausubstanz – der einstige Hauptsitz der Dresdner Bank – soll das Haus einmalig machen. DieInnenausstattung übernimmt Tommaso Ziffer, der schon Fortes Hotel de Russiein Rom einrichtete. 

Die weit verbreitete Kritik , Deutschland sei eine Service-Wüste und Gastfreundschaft hier zu Lande unterentwickelt, findet der Brite übertrieben: „Meine deutschen Freunde sind sehr gastfreundlich und haben ausgesprochen gutes Personal. Ich glaube nicht an diese Pauschalurteile.“ 

Im Brown’s Hotel hat das CNN-Team inzwischen die Kipling-Suite zum Interview hergerichtet. Der hohe Raum mit stuckverzierter Decke, antikem Parkettboden und Kamin steht voller Taschen, Lampen und Kameras. Artig beantwortet der Hausherr die Fragen zum Hotel, seiner Geschichte, seiner Bedeutung, seiner Besonderheit. Die CNN-Sendung „Art of Life“ soll 170 Millionen englischsprachige Haushalte erreichen. 

Das Brown’s ist das einzige Hausaus dem ursprünglichen Hotelkonzern, das der Unternehmer in seine neue Kollektion aufnahm. Forte kaufte es 2003 der Raffles-Gruppe ab und ließ es für rund 28 Millionen Euro renovieren. Zur Eröffnungsfeier, Mitte Dezember vergangenen Jahres, erschien alles, was in London Rang und Namen hat, auch Margaret Thatcher als alte Freundin der Familie Forte. 

„Natürlich war die Wiedereröffnung des Brown’s als Rocco-Forte-Hotel etwas Besonderes“, sagt der Käufer. Doch er habe das Haus in erster Linie erworben, weil es in seine Kollektion passt: Es sei klein und intim, liege fantastisch und sei für Londoner Verhältnisse nicht einmal sehr teuer gewesen. „Endlich gibt es einen Platz, an den ich meine Geschäftspartner zum Mittagessen einladen kann.“ 

Sir Roccos Schwester, Olga Polizzi, kümmerte sich wie bei allen Hotels der Gruppe federführend um die Innenausstattung. In den alten Räumen schuf sie ein zeitgeistorientiertes, entspanntes Ambiente. Sie ist eine Frau von zarter Statur, und um ihren Willen zu bekommen, setzt sie ihren Charme gezielt ein. 

Früher habe er dem Design keinen hohen Stellenwert beigemessen. „Olga hat mir das Gegenteil bewiesen“, bekennt der Bruder, „sie versteht wie Hotel-design funktioniert, ist kreativ und hat ein untrügliches Qualitätsgefühl.“ 

Die Aufgaben dürften der Chefdesignerin nicht ausgehen. Elf Hotels gehören jetzt schon zu Rocco-Forte-Hotels (siehe Liste). Wie viele noch dazukommen sollen, mag Sir Rocco nicht verraten. Mailand, Madrid, Moskau? So viel weiß der nimmermüde Marathonman nur: Es gibt noch etliche Städte, die seiner harren. 

Patricia Engelhorn 

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