Archiv: Frauder Woche

Nancy Pelosi wird nach dem Wahlsieg der Demokraten neue Sprecherin im US-Repräsentantenhaus und damit die mächtigste Gegenspielerin von Präsident George W. Bush. Deshalb ist sie unsere... 

Ihr Lächeln wirkt verkrampft, selbst im Augenblick des Triumphs. Für konservative, gottesfürchtige Amerikaner ist Nancy Pelosi das Schreckgespenst des Linksliberalen: Sie kommt aus San Francisco, tritt für die Schwulenehe, das Recht auf Abtreibung und die Stammzellenforschung ein. Dabei hat die Demokratin fünf Kinder, die sie innerhalb von sechs Jahren und einer Woche zur Welt brachte, und mittlerweile fünf Enkel. Verheiratet ist sie mit einem Investmentbanker. Sie stammt aus einer wohlhabenden Politiker-Familie, ihr Vater war Bürgermeister von Baltimore und ebenfalls US-Parlaments-Mitglied. Pelosi gilt als knüppelhart, ihre Tochter Christine bezeichnet sie als „Drill Sergeant der Familie“. Der Wahlsieg der Demokraten am vergangenen Dienstag macht die 66-Jährige nun zur mächtigsten Frau der USA. Sie übernimmt die Funktion als Sprecherin des Repräsentantenhauses und rückt damit hinter dem Präsidenten und seinem Vize auf den dritten Platz in der US-Hierarchie. Vor allem die Kontrolle der Demokraten über insgesamt 19 Ausschüsse manifestiert ihre Position in der Legislative. Am vergangenen Mittwoch war sie eine der Ersten, die mit Präsident George W. Bush telefonierten. Kleinlaut spielte der „Verlierer der Wahl“ später Beleidigungen runter, mit denen Pelosi ihn im Wahlkampf bombardiert hatte. Als „inkompetent“, als „Lügner“ hatte sie ihn bezeichnet. Nun habe sie ihn mit „Mister President“ angesprochen, sagt Pelosi über das Telefonat, er sie respektvoll als „Speaker of the House“. Jetzt, da die Wähler Fakten geschaffen haben, sind beide für zwei Jahre zur Kooperation verdammt. Zuneigung wird sich dennoch kaum entwickeln. Doch Bush weiß, er braucht Pelosi, will er nicht als einer der schlechtesten Präsidenten in die Geschichtsbücher eingehen. Sie kann ihn blockieren, er sie. Pelosi weiß, dass ihr Wirken daran gemessen wird, ob sie Dinge durchdrückt, gegen die sich Bush bisher zur Wehr setzt, etwa eine neue Irakstrategie. Die Abberufung von Donald Rumsfeld kann sie bereits als Erfolg feiern. Bush feuerte seinen Verteidigungsminister, nachdem Pelosi das eine knappe Dreiviertelstunde zuvor öffentlich gefordert hat. Taktische Überlegungen werden für Demokraten und Republikaner in den nächsten zwei Jahren eine große Rolle spielen. Denn schon jetzt beginnt der Kampf um das Weiße Haus. 

andreas.henry@wiwo.de | New York 

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