Archiv: GeheimRezept

Von Dermatologen formulierte Kosmetika, so genannte Doctor Brands, laufen wie geschmiert. 

„Oh, ist das meine Mutter?“ Frauen, denen beim Blick in den Spiegel diese Frage in den Sinn kommt, sind reif für Patricia Wexler. „Mit 43 fängt man an, so zu denken; in dem Alter kommen die meisten meiner Patientinnen“, sagt Dr. Wexler, Dermatologin in New York. Im Kampf der Stars und der Schickeria gegen die Jahresringe ist ihre Praxis in Manhattan das Krisenzentrum. Showbiz-Größen wie Stephanie Seymour, Bette Midler, Ellen Barkin oder Barbra Streisand reichen sich die Klinke. Auch die Modeschöpferin Donna Karan sucht regelmäßig ihren Rat. 

Wer es sich leisten kann, fliegt nicht nur aus Houston oder Beverly Hills ein, sondern aus Rio, Sydney oder Tokio. Wenn es sein muss, auch jeden Monat wieder – wie jene betuchte Patientin, die regelmäßig aus Hongkong anjettet. Neue Klienten, zunehmend auch Männer, müssen denn auch bis zu sechs Monate auf einen Termin bei der Doktorin warten. Eine Zeit, die sinnvoll zum Ansparen der Liquidation genutzt werden sollte. Denn je nach Behandlung kostet ein Verjüngungsakt bei Wexler bis zu 20 000 Dollar. 

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Doch die Internistin, die einst auf Infektionskrankheiten spezialisiert war und wegen des Leidensdruckes, den diese Patienten bei ihr auslösten, auf Dermatologie umsattelte, hat durchaus ein Herz für Minderbemittelte. Töpfchenweise und in abgeschwächter, daher zahlbarer Version bietet sie ihre praxiserprobten Mixturen gegen Falten zwischen 16 und 65 Dollar als Kosmetikserie feil – in 1600 Läden in den USA und im Web. 

Der Absatz der so genannten Doctor Brands boomt. Vermehrt setzen die Verbraucher auf Hautpflegeprodukte, die promovierte oder, noch besser, habilitierte Ärzte formulieren und unter ihrem Namen als Cosmoceuticals verkaufen. Der akademische Titel auf dem Etikett der Präparate rechtfertigt einen standesgemäßen Vertrauensbonus. Die schlichte, labormäßige Aufmachung der Tiegel verleiht ihnen auch optisch den gewissen klinischen Touch. Sie transportieren die Botschaft: Was so heißt und so aussieht, muss Medizin für die Haut sein. 

Ist es aber nicht, sondern Kosmetik. Wäre es nicht so, hätten die approbierten Verjüngungsapostel ein klares Problem mit dem Gesetz. Kosmetische Cremes und Lotionen, so die staatlichen Vorschriften, sollen die Haut nicht heilen. Ihre Inhaltsstoffe dürfen nicht resorbiert werden, sie dürfen nicht ins Blutgefäßsystem gelangen. Deshalb muss ihr Wirkungsradius notwendig auf die Epidermis, also die oberste der drei Hautschichten beschränkt bleiben. 

Das ist ein hauchdünner Spielraum, um Wunder zu bewirken. Nur zu gern würde die Beauty-Industrie generell diese maximal einen Millimeter breite Zone überwinden und tiefer greifende Rezepturen anbieten. Technisch wäre sie auch dazu der Lage. Aber noch setzt der Staat die Ethik davor. Älter zu werden ist schließlich keine Krankheit, sondern das schiere Glück, lange am Leben zu sein. „Es ist ein neues Konzept von Krankheit entstanden“, wettert die streitbare Body-Shop-Gründerin Anita Roddick, „Man fühlt sich, als müsse man sich in medizinische Behandlung begeben, sobald man die 50 überschritten hat. Altern wird heute als Defekt angesehen.“ 

Das ist eine Chance für die Kosmetikbranche, sich einmal mehr als Heilsbringer zu etablieren. Mit Erfolg. Längst geben die Amerikaner jährlich mehr Geld für Schönheit aus als für Erziehung. Laut Auskunft der amerikanischen Gesellschaft für plastische Chirurgie wurden in den USA im Jahr 2004 über 2,8 Millionen Botox-Spritzen verabreicht, 25 Prozent mehr als im Jahr davor. Die Zahl der chemischen Peelings stieg um 54 Prozent auf mehr als 1,1 Millionen Behandlungen. 

In Deutschland setzte die Schönheitsindustrie vergangenes Jahr elf Milliarden Euro um, weltweit waren es 160 Milliarden Dollar. Für Gesichtspflege wurden insgesamt etwa 24 Milliarden Dollar ausgegeben. 

Investitionen in die Ich-AG. In der immer älter werdenden Bevölkerung westlicher Industrieländer ist ein gepflegter Auftritt längst zum Muss geworden. Wer gut, sprich jung aussieht, kommt besser an – im Job und beim Partner. „Schönheit gehört zum Überlebenstraining“, schrieb der britische „Economist“, „davon profitiert die ganze Beauty-Industrie.“ 

Allen voran die Doctor Brands. EinHype? Schließlich beschäftigen die Konzerne generell ganze Heerscharen von Doktoren, vom Dermatologen bis zum Physiker, um neue Cremes so wirksam und verträglich wie möglich zu formulieren. Branchenriese L'Oréal etwa hat weltweit in 17 firmeneigenen Laboratorien mehr als 2900 Wissenschaftler aus über 30 verschiedenen Disziplinen in Lohn und Brot und gab für Forschung und Entwicklung in den vergangenen zehn Jahren mehr als zwei Milliarden Euro aus. 

Auch frühere Generationen von Ärzten hatten schon die Idee, eigene Kosmetikserien auf den Markt zu bringen. Der Ungar Erno Laszlo gehörte ebenso dazu wie die Franzosen Dr. Jean Thomas (Transvital) und Dr. Pierre Ricaud oder der Deutsche Dr. Hauschka. 

Zwar profitieren auch diese Marken vom allgemeinen Run auf die Cosmoceuticals, doch im Prinzip waren sie ihrer Zeit zu weit voraus. Im Zuge von Fitness-Boom und Wellness-Feeling kommen die jetzt neu vorgestellten Präparate dem plötzlichen Verlangen nach „gesunden“ Mitteln für ein längeres Leben mit einem besonders smarte Marktauftritt besser entgegen. Und sie sind neuer – ein absoluter Vorteil in einer Branche, die wie kaum eine andere von Neuheiten lebt. 

Auch in Europa erkennen und nutzen Hautärzte vermehrt ihr salbungsvolles Potenzial, um eigene Kosmetikprodukte zu lancieren. Der Franzose Jean-Louis Sebagh, der in London als Schönheitschirurg praktiziert, vermarktet erfolgreich ein hoch konzentriertes Vitamin-C-Pulver, das in 1,95-Milligramm-Einheiten mit dem Wattebausch aufs Gesicht getupft wird. In Schweizer Laboratorien lässt sich der Hamburger Dermatologe Volker Steinkraus seine „Skin Biology Therapy“, kurz SBT, anmischen. Die Serie „füttere“ die Haut von außen mit Vitaminen, Mineralien, Spurenelementen, Aminosäuren und Glukose, all jenen Nährstoffen, die für die Versorgung der Zellen essenziell seien. Die einzelnen „Gänge“ des Gourmetmenüs für den Teint kosten zwischen 30 und 175 Euro. 

„Convenion“ heißt das Creme-Trio für trockene Haut ab 30, 40 und 50 Jahren der Münchner Hautärztin Susanne Weyerstahl. Sie begnügt sich bisher absichtlich mit nur drei Produkten. „Die Auswahl im Kosmetikregal ist zu groß geworden“, sagt sie, „der Kunde steht oft hilflos davor. Gerade Verbraucher, die Probleme mit der Haut haben, glauben, dass die Inhaltsstoffe in Doctor Brands besonders gut abgestimmt sind. Sie treffen damit eine Vorauswahl.“ Auch das sei, meint die Fachfrau, ein Grund für die kontinuierlich steigende Nachfrage nach Cosmoceuticals. 

Keimzelle der Tiegel mit Titel ist einmal mehr New York, wo allein 36 verschiedene Arzt-Label angeboten werden. Trendsetterin Patricia Wexler, deren Haut laut „New YorkTimes“ so weiß „wie Creme fraîche und so geschmeidig wie Buttermilch“ sei, hat ihre Produktlinie gut etabliert. Nicht zuletzt dank ihrer prominenten Hollywood-Klientel, die sich bei ihr die Fältchen retuschieren lässt, um dem Beleuchter bei der nächsten Großaufnahme die Arbeit zu erleichtern. 

In ihrer Praxis, 145 East 32nd Street, nutzt Wexler das so genannte LED-Verfahren (die Abkürzung steht für Light Emitting Diodes), um ihre Produkte mit bestimmten Lichtfrequenzen besser in die Haut schleusen zu können. Ganze 45 Sekunden dauert so eine Prozedur, die 2000 Dollar kostet. Die 54-jährige Ärztin rät zum Sechserpack, in wöchentlicher Dosierung zu genießen. 

Wer die Investition scheut, begnügt sich damit, das dabei zwecks Hautverjüngung aufgebrachte Elixier zu erwerben und selbst auf den Poren zu verteilen. Es enthält eine Formulierung, die Wexler MMPi-Technologie nennt. Sie ist darauf ausgerichtet, bestimmte Enzyme, die MMP (Matrix Metalloproteinase), auszuschalten, die das Kollagen und Elastin in der Haut zerstören. So soll die Haut länger elastisch bleiben und gegen Runzeln gewappnet sein. 

„Hero“ – Held, so nennt die Dermatologin ihre Top-Seller auf dem Antifaltenmarkt. Matrixyl und Argireline heißen etwa die synthetisch hergestellten Peptid-Akteure in Wexlers Star-Produkt „Universal Anti-Aging Moisturizer“, der die Kollagenproduktion der Haut stimulieren und so ihre Spannkraft gewährleisten soll. 

Aber auch die Damen und Herren Kollegen sind mehr als erfindungsreich, ihren Cosmoceuticals Wirkstoffe mit Superman-Qualitäten zu attestieren. Howard Murad, seit mehr als 30 Jahren als Dermatologe an der Universität von Kalifornien in Los Angeles tätig, propagiert essenzielle Fettsäuren, Retinol, Beta-Carotin, Vitamin C und E gekonnt als „Repair“-Mischung und peppt die Durchfeuchtung der Haut mit den Wirkstoffen aus Traubenkernen und Granatäpfeln auf. „Healthy Aging“, gesundes Altern, nennt Kollege Nicholas Perricone seine Produktreihe, der unter anderen der Wirkstoff Dimethylaminoethanol (DMAE) beigemischt ist, ein Antioxidans, das die Muskelkontraktion stärkt. Dafür lässt der Doktor entgegen ärztlichem Ethos durchaus vollmundig annoncieren: „Zehn Jahre jünger in zehn Tagen.“ Das Duo Katie Rodan und Kathy Fields, das gemeinsam eine dermatologische Praxis in San Francisco führt, wirbt für seine „Multi-Med Therapy“ gar im Fernsehen. 

Adrienne Denese, Leiterin der New Yorker „Ant-Aging-Klinik“ schürt schon mit dem Namen ihres Bestsellers die Hoffnung. „Line-Erase“ heißt das Falten-Relaxans, dessen titelgebender Radiergummi-Effekt wie eine Botox-Injektion wirke, aber nicht zu einem Verlust der Mimik führe. 

Eingefrorene Gesichtszüge fände selbst Pionierin Wexler fatal. „Man muss für sein Alter so gut, natürlich und audrucksvoll erscheinen wie möglich. Ich will keine Patienten in meinem Wartezimmer haben, die zu viel getan haben und aussehen wie Dracula.“ 

Angelika Ricard-Wolf 

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