Archiv: Geist und Geld

Michel Parmigiani schuf mit-hilfe der reichen Sandoz-Familienstiftung eine der feinsten Schweizer Uhrenmarken. 

Dieses Tal hat gelitten. In Dörfern wie Fleurier, Buttes oder Couvet steht – ungewöhnlich für die Schweiz – manche Werkhalle leer. Über 200 Jahre ernährte die Uhrenindustrie die Menschen im abgelegenen Juratal Val-de-Travers. Uhren gaben hier den Takt an – bis die Erfindung des Quarzuhrwerks die Industrie fast zum Erliegen brachte. In Fleurier, einem großen Dorf mit fast 4000 Einwohnern, arbeiteten 1970 noch 560 Uhrmacher, 1990 waren es nur noch 100. 

Doch heute leben hier wieder über 400 Menschen von der Uhrenherstellung. Wenn Fleurier wieder blüht, so liegt das auch an Michel Parmigiani. „Ich habe die hiesige Uhrenindustrie noch vor der Krise erlebt“, sagt der Chef des gleichnamigen Uhrenherstellers, „und ich wollte etwas dazu beitragen, dass es wieder aufwärts ging.“ Das ist ihm gelungen. Fleurier beherbergt neben der Marke Parmigiani und dem Uhrwerkhersteller Vaucher, die Uhrenmanufaktur L.U.C des Genfer Schmuck- und Uhrenproduzenten Chopard. 

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Der gebürtige Italiener schaffte es, innerhalb von zehn Jahren eine der führenden Schweizer Uhrenmarken zu etablieren. Seine Marke Parmigiani gilt bei Kennern als der Rolls-Royce unter den Uhren. Nur 3000 Uhren verlassen jährlich die Ateliers – keine davon kostet weniger als 6000 Euro. Für eine Toric Corrector mit ewigem Kalender und Minutenrepition zahlt der Käufer 295 000 Euro. 

Aufsehen erregte im vergangen Jahr die Bugatti 370, eine Rennfahreruhr, die Parmigiani in Zusammenarbeit mit dem gleichnamigen Automobilbauer aus dem elsässischen Molsheim entwickelte. „Ich habe das Uhrwerk um die eigene Achse gedreht, sodass die Uhr quer zum Arm und damit in optimaler Position zum Blick des Auto fahrenden Nutzers steht“, sagt der Uhrentüftler. „Das ist keine Uhr, das ist ein Motorblock“, sagt Parmigiani. Die Zeit wird seitlich abgelesen, die Gangreserve beträgt stolze zehn Tage. Stolz ist auch der Preis des auf 300 Exemplare limitierten Modells: 200 000 Euro. 

Parmigiani ist Uhrenbauer aus Leidenschaft. Schon als Kind kam für ihn kein anderer Beruf infrage. Nach Schulabschluss schrieb er sich gleich in die Uhrmacherschule in Fleurier ein, später besuchte er die Technikschulen in La Chaux-de-Fonds und in Le Locle. Damals erwarb der gebürtige Italiener auch die Schweizer Staatsbürgerschaft – um möglichen Schwierigkeiten bei der Zulassung zum Fachstudium aus dem Weg zu gehen. Die Schweizer sahen in der Uhrmacherei seinerzeit noch ein exklusives Erbe, dessen Geheimnisse im Lande bleiben sollten. 

Gleich nach dem Studium eröffnete Parmigiani sein eigenes Atelier – just zum Beginn der großen schweizerischen Uhrenkrise. Die Erfahrung des Niederganges einer jahrhundertealten Branche, wird der Uhrenbauer, der die Krise mit historischen Restaurationen überstand, „nie vergessen“. Bald begann er mit dem Bau von Taschen- und Pendeluhren. Die Teile dafür produzierte er selbst – die Manufaktur betrieb er im wahren Sinne des Wortes. 

Anfang der Achtzigerjahre machte der passionierte Uhrmacher die Bekanntschaft der Familie Landolt, Teilhaber des traditionsreichen Basler Pharmaunternehmens Sandoz (heute Novartis). Als amtlich bestellter Restaurator des Uhrenmuseums von Le Locle kümmerte sich Parmigiani auch um die Uhrensammlung der Industriellenfamilie, die dort verwahrt wird. Pierre Landolt, Präsident der mächtigen Familienstiftung, schlug ihm eines Tages vor, mit Unterstützung der reichen Stiftung eine Manufakturmarke unter seinem Namen aufzubauen. 

Landolt verfolgte wie Parmigiani die Entwicklung der Schweizer Uhrenindustrie, die sich ab 1990 schnell erholte, mit Sorge. Die Branche verdiente zwar wieder prächtig Geld und war fähig, höchsten Qualitätsansprüchen zu genügen. Doch hatte sie sich weit gehend von den Lieferungen der Swatch Group abhängig gemacht, hinter der die Bieler Uhrenfamilie Hayek steht. Die Uhrwerkstochter der Swatch-Gruppe, ETA, liefert nach Schätzungen von Marktbeobachtern auch heute noch mehr als zwei Drittel aller mechanischen Uhrwerke Schweizer Herkunft. 

Mit Unterstützung der Sandoz-Familienstiftung, einer der zehn reichsten Stiftungen der Welt, konnte Parmigiani den Traum von einer unabhängigen Manufaktur verwirklichen. Bis heute sollen über 30 Millionen Euro der Stiftung in das Projekt geflossen sein. 

Das Experiment ist gelungen: Parmigiani gilt nach Rolex heute als Hersteller mit der größten Fertigungstiefe. Etwa 90 Prozent der Uhrenteile kommen aus den eigenen Ateliers. Selbst die Spiralen baut Parmigiani heute teilweise selbst. Fast fünf Jahre dauerte die Entwicklung der 0,05 Millimeter dünnen Kleinstteile mit einem Gewicht von fünf bis zehn Milligramm. 

Für die etwa 3000 Uhren jährlich der Marke Parmigiani allein würde ein solcher Aufwand nicht lohnen. Deshalb führt Parmigiani den Uhrwerksbauer Vaucher als eigenständigen Hersteller. Mehr als die Hälfte der 7000 Werke und ein großer Teil der Vaucher-Komponenten gehen an externe Abnehmer wie Bovet, Hermès, Corum und Richard Mille. 

Vaucher gilt auf dem Uhrenmarkt inzwischen als einer der kreativsten Konstrukteure. Alle zwei Jahre entwickeln die Vaucher-Ingenieure ein neues Werk. Um den Uhrwerksbauer herum hat Parmigiani eine Reihe von Ateliers im Schweizer Jura aufgebaut, um seine technische Unabhängigkeit zu sichern: Gehäuse und Zifferblätter kommen von Bruno Affolter, Werkzeuge und Bearbeitungsmaschinen von Elwin. Die Firma Atokalpa liefert Rädchen und andere Kleinteile. 

Ästhetisch steht der kleine, fast schüchtern wirkende Uhrmacher für eine eigenständige Formensprache, am stärksten verkörpert in den Kalpa-Modellen. Großformatig, rechteckig mit leichter Abwandlung zur klassischen Tonneauform, fällt die Kalpa-Uhr wegen ihrer unübersehbar kräftig geschwungenen Anstöße sofort auf. „Kalpa ist die typische Form, mit der wir uns der Welt präsentieren“, sagt Parmigiani. 

Der „Uhrmacher mit den goldenen Händen“ wie er in der Schweiz genannt wird, dürfte noch für manche Überraschung gut sein. Für 28 000 Uhrwerke, also das Vierfache der momentanen Kapazität von Vaucher, sind seine Ateliers ausgelegt – genug, um die eingefahrenen Strukturen und Abhängigkeiten in der kleinen Schweizer Uhrenwelt gründlich durcheinander zu bringen. 

Lothar Schnitzler 

ParmigianiRue du Temple 11, Fleurier, Schweiz 

Tel. 00 41/32/8 62 66 30 

www.parmigiani.com 

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