Geldspritzeunausweichlich

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Serge July » Der Gründer der französischen Zeitung „Libération“ wird vom Großaktionär Edouard de Rothschild hinausgedrängt. Die Redakteure bangen um ihren Einfluss. 

Der Rücktritt des Gründers und Chefs der französischen Linkszeitung „Libération“ schlug in der Redaktion wie eine Bombe ein. Serge July hatte erklärt, Hauptanteilseigner Edouard de Rothschild, der 37 Prozent der Anteile hält, habe ihn und Generaldirektor Louis Dreyfus zu diesem Schritt aufgefordert. Vor kaum eineinhalb Jahren war es der „Libération“-Chef selbst, der den Bankier gegen den anfänglichen Widerstand der einflussreichen Redakteursvereinigung (Société des Rédacteurs) geholt hatte, um die finanziell notorisch klamme Zeitung zu retten. Jetzt fürchtet die Vereinigung erneut um ihre Macht. 

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Das Zerwürfnis entstand offenbar dadurch, dass Rothschild, der im vergangenen Jahr 20 Millionen Euro in die Zeitung gesteckt hatte, über die neue Wochenendbeilage – einem weiteren Flop – und die erneute Verschlechterung der Ertragslage spät und unzureichend informiert wurde. 

Die Société des Rédacteurs, mit 18,45 Prozent des Kapitals zweitgrößter Anteilseigner, würdigte Julys Wirken am Mittwoch in einem Kasten auf der ersten Seite. Der 63-Jährige wurde als „Garant der Unabhängigkeit“ und „Bollwerk“ gegen sämtliche Einflussnahmen gewürdigt. Kämpferisch erinnern die Journalisten daran, dass die Inhalte der Zeitung, die 1973 von July und dem französischen Philosophen Jean-Paul Sartre gegründet wurde, nicht von „irgendeinem Aktionär“ bestimmt würden und dass ein neuer Redaktions-Direktor die Zustimmung der Redakteure brauche. Die nötige Rekapitalisierung dürfe nicht die Werte, für die „Libération“ stehe, beeinträchtigen. July, der sich auch als Buchautor und Fernseh-Chronist Achtung weit über sein politisches Lager hinaus verschafft hat, ist zwar ein brillanter Kommentator. Doch geschäftlich verspekulierte er sich öfter. Mehrmals stand die Zukunft der Zeitung auf des Messers Schneide. Das unter der Konkurrenz von Internet und einer Vielzahl von Gratiszeitungen leidende Blatt hat allein in den ersten vier Monaten einen Verlust von 4,5 Millionen Euro eingefahren – mehr als für das Gesamtjahr erwartet. Die Auflage sank von 174 000 im Jahr 2001 auf zuletzt 137 000. Aktionär Rothschild traf sich bereits mit dem Verwaltungsrat der Zeitung. Eine weitere Geldspritze ist unausweichlich. Sie brächte eine Verwässerung der Anteile der Redakteursvereinigung, die noch über eine Sperrminorität verfügt. 

gerhard.bläske@wiwo.de | Paris 

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