Archiv: Gipfel-Treffen

Ein urdeutscher Starfotograf zelebriert eine urdeutsche Marke: Lindbergh meets Montblanc. 

Das Glas Rotwein ist leer, der Käse gegessen. „Na, dann wollen wir mal“, sagt Peter Lindbergh. Er justiert die Scheinwerfer vor der schwarzen Wand des Pariser Studios, beratschlagt kurz mit der Stylistin. Dann blitzen die Augen auf, ein zufriedenes Grinsen macht sich auf seinem Gesicht breit. Er nimmt einen Stift zwischen Zeige- und Mittelfinger der rechten Hand, stellt sich wortlos in den Spot und pustet den Rauch, den er von der Zigarette seines Assistenten inhaliert hat, ins Licht. „Das ist es!“, ruft er lachend. 

Zehn Minuten später lehnt Mylène Jampanoï an einem Barhocker im Scheinwerferlicht vor der schwarzen Wand. Sie ist der neue Pariser Shootingstar, Schauspielerin, Model, 25 Jahre jung, die Tochter eines Chinesen und einer Französin – und ein Anblick, von dem Lindbergh nicht lassen kann, obwohl er doch die schönsten Frauen der Welt fotografiert hat. Die Schönsten wie die Models Linda Evangelista, Cindy Crawford, Eva Herzigova und die Schauspielerinnen Uma Thurman, Catherine Deneuve, Sharon Stone und Scarlett Johansson. 

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Nun steht Mylène also da, wie eine Figur aus Lindberghs Ausstellung „Smoking Women“. Statt der Zigarette hält sie einen goldenen Montblanc-Füller mit Mammut-Intarsien. Er stammt aus der Jubiläumsedition, ist limitiert auf 100 Stück, passend zum 100. Geburtstag. Mylène zieht an der Gauloise, tauscht sie rasch gegen den Füller. Rauch umnebelt ihr Gesicht, und zu hören ist nichts weiter als das laufende Klick-klick-klick der Kamera. 

Lindbergh und Montblanc, das sind zwei Legenden, von denen die wenigsten ahnen, dass sie deutsch sind. Lindbergh, geboren als Peter Brodbeck, aufgewachsen in Duisburg, 61 Jahre alt, gelernter Schaufensterdekorateur bei Karstadt, berühmt für seine Frauenporträts und dafür, nicht Körper zu zeigen, sondern Gesichter. Es heißt, bei ihm mache ein großes Herz die Bilder – Bilder mit Seele. Und Montblanc, gegründet 1906 in Hamburg als Tinten- und Füllerfirma eines Schreibwarenhändlers, eines Bankiers und eines Ingenieurs unter dem Namen „Simplo Filler Pen Co. GmbH“. 

Angeblich bei einer Skatrunde , drei Jahre nach der Gründung, benennen die Gründer ihre Marke nach dem höchsten Berg Europas – eine passende Metapher für Spitzenqualität. Heute ziert der weiße Montblanc-Stern als Logo neben Schreibgeräten auch Accessoires, Lederwaren, Uhren und Schmuck. Aus der Hamburger Manufaktur wurde eine internationale Luxusmarke mit rund 2000 Mitarbeitern in über 70 Ländern und einem breiten Kulturengagement. Unter dem Dach der Richemont-Gruppe entwickelte sich das traditionsreiche Hamburger Unternehmen zum größten Anbieter für noble Schreibgeräte. 

„Wir schaffen Produkte, die beseelt sind“, sagt Montblanc-Geschäftsführer Lutz Bethge. Erfolg lässt sich im Luxusgeschäft nun einmal am besten über Emotionen transportieren. Entsprechend lautet das Motto zum runden Geburtstag des Unternehmens „Soulmakers for 100 years“ – „Seelenmacher seit 100 Jahren“. Dass niemand recht weiß, was ein Seelenmacher ist, stört in der Feierlaune niemanden. 

Es geht um die Liebe zum Detail , auch darum, den Meistern und Handwerkern von Montblanc zu huldigen: den Werkzeug- und Uhrmachern, den Goldschmieden, Einschreibern und Diamantensetzern – mit Jubiläumseditionen als Krönung der eigenen Kunstfertigkeit. Nehmen wir etwa den Traditionsfüller „Meisterstück 149“, der bereits seit 1924 hergestellt wird. Durch 300 Frauenhände geht ein „Meisterstück“ heute in gut 150 Arbeitsgängen, ehe es die Produktion in Hamburg nach rund sechs Wochen verlässt. 

Allein die goldene Feder durchläuft 100 Arbeitsschritte vom Stanzen und Walzen über das Ausrichten, Schleifen und Polieren bis zum Einschreiben. 20 Meter Papier werden mit jeder Feder beschrieben. Geübte Ohren lauschen in absolut stillen Räumen stundenlang der Melodie der Feder auf dem Papier. Neben dem perfekten Sound muss der Füller auch eine erhöhte Belastbarkeit mitbringen... und in Klimakammern sowie in einem Flugsimulator unter Beweis stellen. Beim kleinsten Tintenfleck, Haarnadelriss oder Missklang wird ein Stück aussortiert oder nachbehandelt. Wahrscheinlich bezieht das Luxusutensil viel von seiner Anziehungskraft aus dieser Sorgfalt, die dem Perfektionsbedürfnis seiner Anhänger entgegenkommt. 

Neben dem Mammut-Meisterstück „Solitaire 100“ feiert sich Montblanc mit schmuckvollen Jubiläumsausgaben, auf denen das Markenlogo in Form eines zum Markenstern geschliffenen Diamanten glänzt: Dem silbernen „Solitaire 1906“ mit Granit aus dem Montblanc-Massiv und dem auf drei Stück limitierten „Solitaire Mountain Massif Skeleton“, auf dem nicht weniger als 1400 Diamanten die Bergsilhouette darstellen. Er kostet 140 000 Euro und ist damit das teuerste Schreibgerät der Welt. 

Peter Lindbergh hat beim Shooting weniger Augen für die funkelnden Füller, die Mylène von Assistenten in weißen Handschuhen für die nächste Aufnahme gereicht werden, als für sein Model. „Sie ist der Soulmaker“, sagt der Starfotograf. „Man darf nur ein bisschen von den Objekten sehen, den Rest muss man spüren. Sie transportiert das Gefühl.“ Wie der Fotograf es schafft, dieses Gefühl einzufangen, bleibt sein Geheimnis. Die Kamera scheint Mylène zu lieben: Jedes einzelne Foto strahlt zauberhafte Melancholie aus, gerade so als hätte die junge Frau mit dem Füller gerade einen traurig-bewegten Liebesbrief geschrieben. 

Von der technischen Perfektion zum Kultobjekt ist es nur ein kleiner Schritt. Kein Wunder also, dass sich Montblanc-Füller im Laufe der Zeit zu heiß begehrten Sammlerstücken entwickelten. Die jährlichen, entsprechend der Höhe des Montblanc auf 4810 Stück limitierten Sondereditionen nach berühmten Namenspatronen wie Marcel Proust oder Miguel de Cervantes, sind häufig schon vergriffen, ehe sie überhaupt auf den Markt kommen. 

Ungeachtet des stetig verbreiterten Sortiments bleibt das „Meisterstück“ die Seele des Unternehmens. „Power Pen“ lautet sein Spitzname an der Wall Street, weil die Mächtigen der Welt mit ihm Verträge unterschreiben und Koalitionen besiegeln. John F. Kennedy lieh seinen Montblanc einst Bundeskanzler Adenauer, als dieser ohne dastand. 

Das Unternehmen ist stolz auf bekennende „Meisterstück“-Fans wie Bill Clinton, Michail Gorbatschow, den Dalai- Lama, den Sultan von Brunei, Bill Cosby oder Julianne Moore. Solche Referenzen verleihen dem ohnehin begehrten Füller noch zusätzlichen Glamour. „Wenn jemand ein Meisterstück bei sich trägt, dann heißt das, er hat Einfluss, Bildung, eine soziale Stellung“, sagt Wolff Heinrichsdorff, Co-Chef der Luxusmarke. 

Peter Lindbergh hat eine sinnlichere Erklärung für die Faszination der noblen Schreibgeräte aus Hamburg. „Mit einer Feder zu schreiben“, sagt der Fotograf, der seinen Montblanc stets in den Taschen der wechselnden Jeanshemden stecken hat, „ist ein bisschen wie über Haut zu streicheln – einfach ein wunderschönes Gefühl.“ 

Hamburgs Erster Bürgermeister weiß: „Dieser Füller kommt überall in der Welt gut an.“ Und so überreichte Ole von Beust einem Staatsgast vor Kurzem just das Exemplar, mit dem sich die Hamburg-Besucher üblicherweise in das Goldene Buch der Hansestadt eintragen. Dabei hatte es in den Siebzigerjahren einmal so ausgesehen, als könnte der Stern der hanseatischen Traditionsfirma verblassen. Die zunehmende Computerisierung hatte bei Montblanc anfangs zu roten Zahlen geführt. Doch dann erwies sich das vermeintliche Handicap als Segen: Als Ausdruck von Persönlichkeit und Kultur erlebte das Schreiben von Hand gerade in Zeiten der Uniformität und Flüchtigkeit des Schriftverkehrs eine Renaissance. Montblanc machte die Langsamkeit zu einem Teil der Firmenphilosophie. „Wir rennen mehr und mehr an unserem Leben vorbei“, so der ehemalige Montblanc-Geschäftsführer und jetzige Richemont-Chef Norbert Platt. 

„Entschleunigung“ heißt seither die Devise von Montblanc: sich Zeit zu nehmen, etwa für einen handgeschriebenen Brief. Zeit zu haben und sich Zeit zu nehmen, das ist wahrer Luxus. Und er beginnt sich zu verbreiten. Knapp zwei Millionen Bundesbürger besitzen heute einen Füller, der mehr als 150 Euro gekostet hat – die meisten einen Montblanc. 

Was die Magie von Montblanc-Stücken ausmacht? „Es ist der Erinnerungswert“, glaubt Heinrichsdorff, der das „Meisterstück“ seines Vaters erbte. „Die Erinnerung und die Liebe zu einem Menschen – dadurch bekommt dieser Gegenstand eine Seele, ein Stück Unsterblichkeit.“ Für Jean Todt, der mit mehreren hundert Schreibgeräten der Marke Montblanc zu den größten Sammlern zählt, grenzt diese Liebe zu den Füllern aus Hamburg schon an Sucht: „Ich kann einfach nicht anders, als immer wieder zuzuschlagen“, gesteht der Leiter des Ferrari-Rennteams. 

Für Montblanc-Chef Bethge wiederum ist der Füller eine Art von „Lebensbegleiter“ für die großen Momente des Lebens. Mit dem Montblanc unterzeichnete er den Vertrag zum Kauf seines Grundstücks und schrieb er seiner Frau einen Liebesbrief zur Geburt des Sohnes. So etwas bindet. Daher steht der Manager ganz und gar hinter dem, was die amerikanische Stilfibel „Quintessence“ einst als Empfehlung für das „Meisterstück“ schrieb: „Wenn Sie Ihre Seele schon dem Teufel überschreiben, dann tun Sie es wenigstens mit einem Füllhalter, der dieser Sache würdig ist.“ 

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