Archiv: Gleis-Arbeiter

New Yorks Glitterati begeistern sich für eine Hochbahn, die zum „hängenden Garten“ umgebaut wird. 

Hillary Clinton, 58, ist jetzt unter die Squatter gegangen. Michael Bloomberg, 64, ebenso. Selbst Diane von Fürstenberg, 59, war sich zum Mitmachen nicht zu schade. Was bewegte die demokratische Senatorin von New York, den Bürgermeister der Hudson-Metropole, die gefeierte Modedesignerin samt milliardenschwerem Gatten Barry Diller, 64, sowie einen ganzen Pulk New Yorker Prominenter nur dazu, an einem Frühlingsnachmittag die Gleise einer Güterbahnlinie in West Manhattan zu besetzen? 

Das Risiko, bei diesem Happening von der nächsten Diesellok überrollt zu werden, hielt sich jedenfalls in Grenzen. Über die verrosteten Gleise, auf denen die Salonsquatter in ihren grünen Bauarbeiterhelmen, Minzblätter-Limonade und Selleriestangen aus biologischem Anbau in der Hand, artig herumstanden und den Klängen der Marching Band aus der benachbarten Grundschule lauschten, war vor gut einem Vierteljahrhundert der letzte Güterzug gerattert. 

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Die Rede ist von jener still vor sich hinrostenden Hochbahnkonstruktion mitten in Manhattan, deren Hässlichkeit schon vielen New-York-Besuchern ins Auge stach. Wie ein amputierter Saurierschwanz aus frühindustriellen Zeiten zieht sich das haushohe, monströse Stahlgebilde über mehr als 25 Straßenblocks durch Manhattans West Side – von der Pennsylvania Station bis hinunter zum Meatpacking District an der Peripherie von Greenwich Village. 

Der Name sagt es: Zwischen West 15th Street und Gansevoort Street, einen Steinwurf von den Hafenkais, wurden traditionell die Millionen Steaks und Hamburger für die Metropole zurechtgeschnitten oder durch den Wolf gedreht. Ganze Güterzüge voller gefrorener Rinderhälften aus dem Mittleren Westen endeten an den Laderampen des Meatpacking Districts. Heute wird in diesem Viertel zwar immer noch Fleisch abgepackt. Doch die Lieferungen kommen im Lkw. Überhaupt werden die Fleischfabriken immer weniger und die Modeboutiquen immer mehr. Der Stadtbezirk, in dem man mit einer blutverschmierten Gummischürze vor 15 Jahren noch voll im Trend lag, mausert sich jetzt zu einem In-Viertel, in dem es von schönen Menschen, modischen Boutiquen, edlen Restaurants und angesagten Discos nur so wimmelt. 

Aber dann ist ja da – mittendrin oder, besser gesagt, obendrüber – immer noch die High Line, wie das Stahlmonster aus den blutigen Schlächtertagen bei den New Yorkern heißt. Doch – man höre und staune! – das Ding stört niemanden. Im Gegenteil. Was die Reichen und Einflussreichen New Yorks mit ihrer symbolischen Gleis-„Besetzung“ an der Little West 12th Street feierten, war nicht etwa die Abschaffung der rostigen Eisen- und Stahlkonstruktion, sondern deren Erhalt. 

Es war eine Art feierlicher Grundsteinlegung, die den Beginn eines der verrücktesten urbanen Projekts unserer Zeit markiert: die wundersame Verwandlung einer ungenutzten historischen Hochbahnlinie in einen öffentlichen Park auf Stelzen. 

Für die unermüdlichen Vorkämpfer und Organisatoren des Projekts, Joshua David, 43, und Robert Hammond, 37, war dies die Stunde des Triumphs. Nach sieben Jahren zermürbenden Widerstands gegen die Abrissbirne und gegen das Establishment von Spekulanten sowie Grundstücksbesitzern hatten sie endlich gesiegt. Wie ein Sahnehäubchen wirkte da die Ankündigung des Power-Paars Diller/von Fürstenberg, dass man dem Projekt eine private Spende von fünf Millionen Dollar zukommen lassen würde. 

„Das Leben einer großartigen Metropole zu verbessern ist so befriedigend wie sonst fast nichts“, ermutigte der Großspender alle Förderer des „Friends of the High Line“-Projekts. Die Umwandlung der High Line in einen Park, an dem sich zukünftige Generationen erfreuen werden, sei für ihn und seine Familie eine freudige Perspektive. „Wir hoffen, dass unsere Spende auch andere motivieren wird, denen New York am Herzen liegt.“ 

Seit 1999 hatte ein juristischer Streit um die Bahnlinie gewütet, bei dem Befürworter und Gegner abwechselnd Etappensiege auf kommunaler, bundesstaatlicher und föderaler Ebene errangen. Den einen war die Stahlkonstruktion ein Ärgernis, den anderen erschien sie als urbane Kuriosität erhaltenswürdig. Unzählige Bürgerversammlungen in neonbeleuchteten Gemeindesälen, klug formulierte Petitionen und langwierige bürokratische Prozesse waren dem triumphalen Fest im April vorausgegangen. 

Es war eine Zeit, in der die umstrittene Line nicht nur stetig an Publizität, sondern auch jeden Monat neue, einflussreiche Freunde gewann, gleichsam die Gleisarbeiter der High Line: Da sind etwa die Hollywood-Größen Bette Midler und Harvey Keitel, die Starfotografen Annie Leibovitz und Joel Sternfeld, der die High Line bereits im Spiegel aller Jahreszeiten festhielt, die Künstler William Wegman, Christo und Jeanne-Claude, die Designerin Paula Scher, der Architekt Richard Meier und der Kunstauktionator Simon de Pury, dessen Büro direkt neben dem von Unkraut überwucherten Gleisbett liegt. 

Auf rund 500 Stahlpfeilern gebaut, hat sich die stillgelegte Bahntrasse auf ihren über zwei Kilometern ganz von allein üppig begrünt. Über die Jahre setzte sich allerorts Moos an, in jedem Frühjahr blühen ganze Felder von Wiesenblumen im Schatten wild ausgesäter Sträucher und Bäume. Schwärme von Vögeln nisteten sich in dem urbanen Biotop ein. 

Doch einzig wer sich um eine Sondergenehmigung bemühte, durfte die verwunschene Welt betreten – nach Terminabsprache und unter Aufsicht einer offiziellen Begleitperson. Der Besuch lohnt sich allemal. Auf dem alten Gleisbett inmitten von Kiefern, Essigbäumen, Goldraute und Schnittlauch eröffnen sich höchst ungewöhnliche, zauberhafte Ausblicke aufs Empire State Building und die Skyline von Manhattan, auf den Hubschrauberlandeplatz und die knallgelben Wassertaxis auf dem trägen Fluss. 

Um ein Haar wäre der urbane Grünstreifen wirklich der Abrissbirne zum Opfer gefallen. Den Besitzern der von der Linie durchschnittenen Grundstücke in den boomenden Stadtteilen war die High Line ein Dorn im Auge – überflüssig und dreckig, das heruntergekommene Relikt einer wenig liebenswerten Epoche. Natürlich war sie auch das Hassobjekt der Immobilien-Spekulanten, die sich auf diesem Grund und Boden Hotels, Apartmenthochhäuser oder Bürotürme vorstellten und von Milliardengeschäften träumten. 

Dafür schienen die Weichen gestellt, als Bürgermeister Rudolph Giuliani 2001 dem Abriss seinen Segen gab. Allerdings hatte er die Rechnung ohne David und Hammond und ohne die verbissen kämpfende kleine Bürgerinitiative zum Erhalt der High Line gemacht. Für die überzeugten Bahnfreunde schien es zunächst ein aussichtsloses Unterfangen. Doch der Journalist David und sein Freund, der Unternehmensberater und Maler Hammond, spielten ihren schier unerschöpflichen Fundus guter Beziehungen aus. Und sie knieten sich voll und ganz in das Projekt. Was als Steckenpferd begann, ist längst zu einer Vollzeitbeschäftigung geworden: Für das Büro der „Friends of the High Line“ arbeiten neben den beiden Initiatoren inzwischen neun feste Angestellte. 

Als noch nicht einmal über den Erhalt der alten Hochbahn entschieden war, lobten sie schon einen Architektenwettbewerb zur Gestaltung der zukünftigen High Line aus. Es kamen Hunderte von Einsendungen aus aller Welt. David und Hammond bauten daraus eine Ausstellung in der Grand Central Station und führten so einem riesigen Publikum von Pendlern, Touristen und Architekturfreunden vor, welches städtebauliche Potenzial die alte Bahntrasse darstellt. Die Entwürfe reichten vom längsten Schwimmbad der Welt über die obligate Ladenpassage bis zu einem Zoo auf Stelzen. 

Das Architektenteam Diller Scofidio + Renfro und die Landschaftsdesigner von Field Operations gewannen den Wettbewerb. Elizabeth Diller und Ricardo Scofidio wurden vor allem durch ihr unbewohnbares „Wolkenhaus“ bekannt – gebaut aus feinem Sprühregen über dem Neuenburger See. Zum Beratungskomitee gehört auch der in Berlin lebende Künstler Olafur Eliasson. 

Die Pläne und Modelle von Diller Scofidio + Renfro für die landschaftsgärtnerische Gestaltung des Parks auf der High Line bekamen schon vorab eine eigene Ausstellung im Museum of Modern Art. 

Im Frühling 2008 soll der erste Abschnitt mit schrägen Stegen, Wasserflächen, leuchtenden Ebenen, gläsernen Treppenaufgängen und Aufzügen fertiggestellt sein. Die Bepflanzung wird sich am derzeitigen natürlichen Bewuchs orientieren. Der holländische Landschaftsarchitekt Piet Oudolf ist berühmt für seinen virtuosen Einsatz von Pflanzen. 

Einzig die Finanzierung hängt noch in der Luft. Zwar hat die Stadt New York gerade wieder zwei Millionen Dollar für das Budget im Jahr 2007 zugesagt, doch es fehlen noch weitere 40 Millionen Dollar, um die voraussichtlichen Gesamtkosten von 170 Millionen zu decken. Für die „Friends of the High Line“ geht es jetzt vor allem darum, die nötigen Gelder aufzutreiben, und das lässt sich am besten durch große Feste bewerkstelligen. 

Die Sommer-Benefizparty fand dieses Jahr im feinen Cipriani Wall Street statt. Ein Einzelticket war für 500 Dollar zu haben, Achtertische kosteten bis 25 000 Dollar. Da auch das Haus Moët Hennessy als Sponsor auftrat, war für ausreichend Getränke gesorgt. 

Unter den 850 Gästen waren Schauspieler Chris Meloni (Law & Order), Autorin Candace Bushnell (Sex andthe City), Architekt Richard Meier sowie natürlich Elizabeth Diller und Ricardo Scofidio, Talkshow-Gastgeber Charlie Rose, Football-Star Tiki Barber, Hotelier André Balazs (Château Marmont,The Mercer), die Politiker Christine Quinn und Eliot Spitzer, Kandidat für den Posten des Gouverneurs von New York. Natürlich fehlte nicht die prominenteste High-Line-Förderin, Diane von Fürstenberg; als Party-Gag hatte sie eigens Badehandtücher mit High-Line-Motiven entworfen. An dem Abend kamen über eine Million Dollar Spenden zusammen. 

Die nächsten Veranstaltungen sind schon in Planung. Nach einem vonVeuve Clicquot gesponserten Pétanque-Turnier sind Kunstauktionen, Stadtteilführungen, Vorträge und Kurse über die einheimische Pflanzenwelt, Picknicks und natürlich weitere Feste geplant. 

Mega-Rockstar David Bowie, der kürzlich verlauten ließ, dass er die Musikindustrie gründlich satt habe, plant gar auf eigene Faust für Mai 2007 das erste „High Line Festival“. Er selbst wird dort sein erstes Konzert in New York seit vier Jahren geben. Wer außerdem noch für die High Line singen soll, verrät er vorerst nicht. Er engagiere „verschiedene junge aufstrebende Musiker, aber auch altbekannte Namen“. 

Auf jeden Fall dürften die zehn Tage im nächsten Frühjahr Musik, Kunst, Film und Performance vom Feinsten bringen, dargeboten direkt unter der High Line und in nahe gelegenen Räumlichkeiten. Nach David Bowies Geschmack zu urteilen – er ist auch der Malerei sehr zugetan und sammelt deutsche Expressionisten sowie zeitgenössische Kunst – wird es ein einmaliges Festival mit schrillen Aktionen und herzzerreißender Musik werden. Zwar sind David und Hammond am Projekt nicht direkt beteiligt, sie begrüßen es aber. 

Auch die ursprünglich so vehemente Ablehnung der Grundstücksbesitzer hat sich ins Gegenteil verkehrt. Schmunzelnd erinnert sich Joshua David, dass die gleichen Leute, die einst behaupteten, die High Line verhindere jegliche architektonische Entwicklung des Stadtteils, weil “kein Mensch dort jemals bauen will“, jetzt Feuer und Flamme sind. 

Kürzlich wurde mit Fanfare das futuristische Restaurant Morimoto des japanischen Star-Architekten Tadao Ando eröffnet, gleich neben dem Chelsea Market. Er nutzt die besondere architektonische Gegebenheit unterhalb der Stahlträger der Trasse, indem er die Fassade des Lokals mit einem extrem flachen Rundbogen umschreibt. 

Einen Block weiter nördlich werden derzeit die Fundamente für einen Komplex von Luxusapartments mit dem klangvollen Namen Caledonia gelegt. Das Haus bekommt einen eigenen Zugang zur begrünten High Line, weil sich die Bauherren bereit erklärten, einen öffentlichen Zugang zu integrieren und zu finanzieren. Eine Tür zu einem Garten – in vielen Teilen der Welt mag das eine unscheinbare Annehmlichkeit sein, aber in der Betonwüste Manhattan ist das eine geradezu hypnotische Verheißung. In den Augen der New Yorker Immobilienmakler funkeln die Dollar-Zeichen. 

Als „kulturellen Anker am südlichen Ende der High Line“ sieht Joshua David das neue Dia Center. Der geplante Neubau des momentan noch auf der 22nd Street gelegenen Museums zeitgenössischer Kunst soll im Meatpacking District direkt an der Bahnstrecke errichtet werden und muss der Tradition seines Standortes gerecht werden, indem in den gleichen Mauern ein alteingesessener Fleischereibetrieb weiter betrieben wird. 

Die feine Ironie des Projekts bringt es mit sich, dass der Erhalt des blühenden Stücks Natur dort oben über dem Straßenverkehr mit seiner Zerstörung beginnt. Um auch weiterhin den Blumen, Gräsern, Sträuchern und Bäumen Raum zu geben, müssen erst Humus, Schotter, Schwellen abgetragen und die Schienen vorsichtig herausgehoben werden, damit einige von ihnen später wieder eingesetzt werden können. Danach müssen Fachleute die Oberflächen der Stahlstreben von der giftigen bleihaltigen Farbe befreien und ein Bewässerungssystem installieren. Diese Schritte werden wohl rund ein Jahr dauern. Erst dann kann Piet Oudolf zur Tat schreiten und die Bahntrasse wieder zu einer Grünstrecke machen. 

New Yorks städtischer Parkbeauftragter Adrian Benepe ist jedenfalls so begeistert, dass er die Eisenbahnline – typisch New Yorker Hype – schon im Voraus zum Weltwunder proklamiert. Die High Line – so der Beamte – könne man durchaus mit den legendären Hängenden Gärten von Semiramis vergleichen. 

Lisa Zeitz 

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