Glück, Wohlstand, Zukunft Heinrich v. Pierer über die Bedeutung von Kindern

Archiv: Glück, Wohlstand, Zukunft Heinrich v. Pierer über die Bedeutung von Kindern

Die weihnachtlichen Festtage stehen traditionell im Zeichen der Familie und ganz besonders der Kinder. Kinder beim Wunschzettel-Schreiben, ehrfürchtige Begegnungen mit dem Nikolaus, strahlende Kinderaugen im Weihnachtszimmer – das sind unbezahlbare Glücksmomente. 

Leider sind Kinder in unserem Land nicht mehr so selbstverständlich wie in früheren Generationen. Eine abnehmende Zahl von Geburten, eine zunehmende Zahl von Singles und derAnstieg der allgemeinen Lebenserwartung – das alles verschiebt die Bevölkerung in Richtung älterer Jahrgänge und Ein-Personen-Haushalte. Unter der immer größeren Zahl älterer Menschen in unserem Land nimmt zugleich die Gruppe der Alleinstehenden ohne eigene Nachkommen und damit in der Regel ohne jüngere Bezugspersonen zu. Festtage wie Weihnachten sind deshalb nicht überall die frohe Zeit, die wir uns gegenseitig wünschen. 

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Wer selbst Kinder hat, weiß, wie sehr sie das private Leben verändern und es phasenweise maßgeblich bestimmen. Mit der Geburt eines Kindes verschiebt sich der Dreh- und Angelpunkt des Lebens. Fragen nach Freizeitaktivitäten, Restaurantbesuchen, Kino, Theater, Konzert oder Fitnessstudio rücken für junge Eltern erst mal in den Hintergrund, und die Anforderungenan die persönliche Belastbarkeit, an das Haushalten mit den eigenen Kräften, an das häusliche Organisations- und Improvisationstalent steigen sprunghaft. Die positiven Nebeneffekte solcher Fähigkeiten auf berufliche Qualifikation und soziale Kompe-tenz sollte man übrigens nicht unterschätzen – gerade auchbei Eltern, die nach einer Familienpause in das Erwerbsleben zurückstreben. 

Kinder kosten Zeit und Geld. Viel Zeit und viel Geld. Neulich habe ich die etwas scherzhafte Bemerkung eines Familienvaters aufgeschnappt, er habe zu Hause drei Maybachs, aber seine hätten keine vierRäder, sondern jeder zwei Beine. Und dann nannte er die Namen seiner drei Kinder. So betrachtet, sind Kinder eine Investition mit beträchtlichem Aufwand in deutlich sechsstelliger Euro-Dimension. 

Aber Kinder sind auch eine Investition von hohem Gegenwert. Natürlich nicht nur im ökonomischen Verständnis. Kinder geben ihren Eltern allein durch ihre bloße Existenz und die damit eingegangene Verantwortung Antwort auf die Frage nach dem Sinn des Daseins. Sie fragen so schonungslos klar und hartnäckig, wie es kein Mitarbeiter und Kollege täte, und dulden bei Antworten keine Ausflüchte und Vertröstungen. Sie helfen Erwachsenen, Dinge in neuem Licht zu sehen, und erfüllen ihre Umgebung mit Glück, Freude und natürlich auch Sorgen. Im Stafettenlauf der Generationen sind sie Garanten für Kontinuität, öffnen Zukunft und mahnen bei den Erwachsenen nachhaltiges Handeln an. 

Wer viel in der Welt ’rumkommt, erlebt schon im Straßenbild den Kontrast zwischen so jungen Bevölkerungen wie in Brasilien, Indien oder China und Ländern am anderen Ende des demo-grafischen Spektrums wie Japan oder Deutschland. Es sind aber nicht nur Tempo und Quirligkeit des öffentlichen Lebens. Es sind auch die unterschiedliche Stimmung, Einstellung, Selbstver-trauen, Zuversicht und Lebensfreude der Menschen in diesen Ländern. 

Bei meinen Aufenthalten in China und in vielen anderen Ländern, die aufschließen zu den führenden Industrieländern, habe ich immer die Entschlossenheit bewundert, mit der Eltern in die Ausbildung und Erziehung ihrer Kinder investieren – und zwar unter bewusster Inkaufnahme eigenen materiellen Verzichts in einem auch dort zunehmend konsumgeprägten Umfeld. 

Dass dieser Konsumverzicht zudem noch auf einem – im Vergleich zu uns – deutlich niedrigen Wohlstandsniveau stattfindet, unterstreicht den hohen Rang von Kindern in der Werteskala der dortigen Bevölkerung noch. Das chinesische Sprichwort „Die eine Generation pflanzt den Baum, die nächste genießt den Schatten“ übersetzt diese Einstellung in ein zutreffendes Bild. 

Gesamtgesellschaftlich ist von einem solchen Klima der Aufgeschlossenheit für die Belange von Kindern bei uns wenig zu sehen und zu spüren. Es gibt ja das in vielen Ohren eher negativ klingende Wort „Humankapital“. Aber dieser Begriff drückt etwas Richtiges aus: Man muss in Menschen investieren, damit sie sich individuell und für die Gesellschaft voll entfalten können. Investieren in Bildung und Erziehung ist eine allgemeine Aufgabe, die auch ihren Nutzen für die Allgemeinheit entfaltet. Die Attitüde „Geiz ist geil“ ist dazu das glatte Gegenteil. 

Der Blick in so manche Universitätshörsäle und Klassenzimmer zeigt alarmierende Missstände. Brüchige Gebäude und marodes Mobiliar sind vielleicht nur Äußerlichkeiten. Sie sind aber Indiz für ein Leben auf Kosten der Substanz. Ein motivierendes Umfeld für Lehrer und Schüler, Professoren und Studenten sind sie gewiss nicht und auch kein Beitrag zu besseren Pisa-Ergebnissen. Geiz zählt zu den sieben Hauptsünden. Wenn wir am falschen Ende sparen, schmälert das im ersten Schritt die Chancen junger Menschen, und im zweiten untergräbt es die Innovationskraft und Vitalität des ganzen Landes. 

Kinder sind wertvoll. Für Lebensfreude und Ausgeglichenheit. Für die Zukunft unseres Landes und den Wohlstand aller. Und für vieles mehr. Machen wir uns ihren Wert für das private und öffentliche Leben neu bewusst. 

Vielleicht sind die bevorstehenden Weihnachtstage dafür eine passende Zeit. 

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