,,Großer Irrglaube‘‘

Archiv: ,,Großer Irrglaube‘‘

Dieter Hundt » Der Arbeitgeberpräsident über eine Reform der Einwanderungspolitik und eine bessere Integration. 

Herr Hundt, warum engagieren Sie sich als Arbeitgeberpräsident so sehr für die Integration von zugewanderten Menschen? 

Weil eine erfolgreiche Integration von Zuwanderern entscheidend für die Zukunfts- und Innovationsfähigkeit unseres Landes ist. Wir können es uns nicht leisten, das Potenzial von Millionen Menschen in unserem Land zu vergeuden. Die Wirtschaft ist auf qualifizierte, engagierte Mitarbeiter angewiesen – gleich welcher Herkunft. Außerdem wird die Vielfalt und Unterschiedlichkeit der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in den Unternehmen als kreative Bereicherung verstanden. Aus demografischer Sicht droht zudem ein Rückgang von zehn Millionen Erwerbstätigen bis zum Jahr 2050. 

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Die Unternehmen könnten doch ins Ausland gehen. Dort fänden sie viele arbeitswillige und qualifizierte Arbeitskräfte. 

Die deutschen Unternehmer wollen hier in Deutschland produzieren, investieren und Arbeitsplätze schaffen. Dazu müssen sie aber die entsprechenden Rahmenbedingungen vorfinden. Den Unternehmen werden heute schon zu viele Steine in den Weg gelegt. Es wäre fatal, wenn in Zukunft auch noch ein massiver Fachkräftemangel hinzukommen würde. 

Bisher bilden Zuwanderer die größte Problemgruppe am Arbeitsmarkt. Die Arbeitslosenquote von Ausländern ist doppelt so hoch wie die der Deutschen. 

Deutschland hat eine falsche Einwanderungspolitik betrieben, die sich nicht an den Interessen unseres Landes orientiert hat. Die Folge ist, dass ein Großteil über keinen Berufsabschluss verfügt und unser Bildungssystem zu wenig Kinder aus Migrantenfamilien fördert und fordert. Das beginnt bei der Sprache. Deutsch muss systematisch und von allen Zuwanderern verbindlich erlernt werden. Je früher damit begonnen wird, desto besser. Deshalb plädiere ich auch dafür, das letzte Kindergartenjahr zum regulären Vorschuljahr auszubauen. 

Wie kommt es, dass es Jugendliche aus Zuwandererfamilien viel schwerer haben, eine Lehrstelle zu finden, als Deutsche? Werden Ausländer diskriminiert? 

Die vielen Initiativen, die ich bei Unternehmen erlebe, um ausländische Jugendliche als Auszubildende anzuwerben, zeigen, dass sich die Wirtschaft um diesen Nachwuchs kümmert. Wir müssen aber zur Kenntnis nehmen, dass 50 Prozent der Migrantenkinder am Ende der Pflichtschulzeit das Mindestniveau nicht erreichen, das für eine Ausbildung notwendig ist. Deshalb brauchen wir dringend eine Integrations- und – umfassender gedacht – eine Zuwanderungspolitik. 

Wie soll eine Zuwanderungspolitik aussehen angesichts von knapp 4,4 Millionen Erwerbslosen hier zu Lande? 

Es ist ein gewaltiger Irrglaube anzunehmen, die Abschottung des Arbeitsmarktes gegen ausländische Fachkräfte führe zu mehr Beschäftigung von Inländern. Im Gegenteil: Ein gezieltes Anwerben von qualifizierten Kräften und Unternehmern wirkt sich positiv auf den gesamten Arbeitsmarkt aus. Dazu muss allerdings der mit dem neuen Zuwanderungsgesetz eingeleitete Paradigmenwechsel konsequent fortgeführt werden: weg von einer ungesteuerten Zuwanderung zulasten der Sozialsysteme, hin zu einer Zuwanderungspolitik, die sich an den deutschen Arbeitsmarktinteressen orientiert. Dazu kann auch die Einführung eines Systems hilfreich sein, wonach nur diejenigen Arbeitsmarktzugang erhalten, die bestimmte persönliche Qualifikationen wie Ausbildung, Berufserfahrung und Sprachkenntnisse aufweisen. 

christian.ramthun@wiwo.de|Berlin 

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