Grüße aus Loch Ness

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Bert Rürup » Der Vorsitzende des Sachverständigenrats mahnt die Tarifparteien zu Lohnzurückhaltung – und warnt vor Investivlöhnen. 

Bereiten hohe Lohnabschlüsse dem Aufschwung 2007 ein jähes Ende? Nachdem in der IG Metall Lohnforderungen von bis zu acht Prozent diskutiert werden, befürchten viele Ökonomen, dass die Tarifparteien ihren in den Vorjahren praktizierten Kurs moderater Abschlüsse beenden könnten. 

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„Die Lohnrunde ist ein Risiko“, warnte Bert Rürup, Chef des Sachverständigenrats, auf dem 2. Düsseldorfer Konjunkturforum von WirtschaftsWoche und der IKB Deutsche Industriebank AG. Der Ökonom sieht den beschäftigungsneutralen Verteilungsspielraum 2007 „bei maximal 2,9 bis 3,0 Prozent“. Neue Jobs entstünden nur, wenn die Abschlüsse unter dieser Marke blieben. 

Rürup legt bei seinen Berechnungen zwei Faktoren zugrunde: Zum einen die gesamtwirtschaftliche Produktivitätsentwickung, bereinigt um die durch Personalabbau erzielten Produktivitätszuwächse (Prognose für 2007: 1,43 Prozent). Zum zweiten den „Deflator“ des Bruttoinlandsprodukts, der die Absatzpreise der Unternehmen widerspiegelt und dessen Veränderungsrate Rürup auf 1,47 Prozent schätzt. 

Auf keinen Fall, so der Ökonom, dürfe die Inflationsrate als Maßstab herangezogen werden. Denn sie werde durch steigende Ölpreise oder die höhere Mehrwertsteuer nach oben getrieben, ohne dass ein Cent mehr in den Kassen der Unternehmen lande. Um die Arbeitnehmer angemessen an der positiven Wirtschaftsentwicklung zu beteiligen, plädierte Rürup für ertragsabhängige Einmalzahlungen. 

Berthold Huber, zweiter Vorsitzender der IG Metall, bekräftigte, dass seine Gewerkschaft 

bei ihrer für Februar angekündigten Tarifforderung sehr wohl den Inflationsanstieg einbeziehen werde, den die Mehrwertsteuer bewirke. Die IG Metall werde sich einer Debatte um variable Einmalzahlungen nicht verschließen, ließ der Gewerkschafter auf der Podiumsdiskussion durchblicken, an der sich auch Rürup, Gesamtmetall-Präsident Martin Kannegiesser , der nordrhein-westfälische Bildungsminister Andreas Pinkwart (FDP) und der Parlamentarische Staatssekretär im Bundeswirtschaftsministerium, Hartmut Schauerte ( CDU) sowie der stellvertretende WirtschaftsWoche-Chefredakteur Klaus Methfessel beteiligten. Bereits in der vergangenen Tarifrunde war eine ertragsabhängige Einmalzahlung vereinbart worden, die auf Betriebsebene nach oben oder unten angepasst werden durfte. Große Skepsis herrschte auf dem Podium, ob die in der Bundesregierung diskutierte Einführung eines Investivlohns durchsetzbar und sinnvoll sei. Dieser sei „das Ungeheuer von Loch Ness der deutschen Sozialpolitik“, sagte Rürup. „Das Thema taucht seit Jahrzehnten immer wieder auf – und verglüht stets auf der Startrampe.“ Ein Investivlohn könne Verteilungskonflikte nicht lösen und dürfe auf keinen Fall mit der Altersvorsorge verquickt werden. Kannegiesser und Huber verwiesen darauf, dass rund 85 Prozent der deutschen Unternehmen Personengesellschaften seien, in denen eine Kapitalbeteiligung der Mitarbeiter nur schwer umzusetzen sei. 

bert.losse@wiwo.de 

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