Archiv: Heavy Metal

Technik+Wissen Rallyepilotin Jutta Kleinschmidt fährt den neuen, allradgetriebenen Bentley Continental Flying Spur, die schnellste Serien-Limousine der Welt. 

Die Sonne brennt unbarmherzig und verwandelt das Auto in einen Brutkasten. Um Gewicht zu sparen, hat der Wagen keine Klimaanlage. Dazu der Wüstenstaub, der überall ins Fahrzeug dringt und das Atmen erschwert. Zusätzlich wird die aus Kohlefaser-Kevlar gefertigte Karosse des allradgetriebenen VW Race-Touareg bei der rasanten Fahrt über die mit Schlaglöchern gespickte Buckelpiste auch noch heftig durchgerüttelt, Kilometer um Kilometer, Stunde für Stunde, Tag für Tag. Wüstenrallyes sind eine echte Tortur für Mensch und Material. Da träumt man von Autos wie dem neuen, vierradgetriebenen Bentley Continental Flying Spur, wo sich, wie der Hersteller wirbt, die Leistung und Dynamik eines Sportwagens mit dem Komfort und der Sicherheit einer Luxuslimousine vereinen. Eine ausgiebige Testfahrt auf der Radtrainingsstrecke vonMonte Carlo nach La Turbie soll zeigen, ob der Bentley tatsächlich ein Traumwagen ist. 

Schein und Sein. Mit einer Länge von 5,30 Metern und einer Breite von fast 2,20 Metern ist der Bentley eine imposante Erscheinung, die selbst vor dem Casino von Monte Carlo mächtig Eindruck schindet. Das Platzangebot ist dank eines Radstands von 3,07 Metern mehr als üppig, vor allem auf den beiden hinteren Einzelsitzen unseres Testwagens. Dazu feinstes Holz und Leder, wohin das Auge fällt: Ganz klar, das ist ein echter Bentley, wenngleich modern interpretiert. 

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Das Lenkrad ist für meinen Geschmack allerdings etwas zu mächtig ausgefallen. Auch habe ich Mühe, vom Fahrersitz aus das Auto zu überblicken: Das Armaturenbrett baut ebenso wie der gesamte Vorderwagen sehr hoch. Das kann mein Rennwagen besser. Dafür sitze ich im Bentley sehr bequem: Die Sitze sind weich und gut konturiert. Obendrein sind sie nicht nur 16-fach elektrisch einstellbar, sondern werden auf Knopfdruck auch beheizt oder belüftet. Was für ein Luxus. Kein Vergleich mit dem harten Gestühl in einem Race-Touareg. Die Vierzonen-Klimaanlage stelle ich auf 21 Grad, das Fahrwerk auf „Sport“, das ESP-System auf „Off“ – und die Fahrt kann losgehen. 

Saus und Braus. Ein Fingerdruck auf den Start-/Stopp-Knopf in der Mittelkonsole erweckt den 560 PS starken Zwölfzylinder unter der Motorhaube brabbelnd zum Leben. Der sonore Auspuffsound macht Appetit auf mehr. Über die Schaltwippe hinterm Lenkrad lege ich die erste Fahrstufe ein und gebe vorsichtig Gas – worauf der Bentley sofort einen Sprung nach vorn macht und mich mit der brachialen Gewalt seines maximalen Drehmoments von 650 Newtonmetern in die Rückenlehne drückt. Etwa fünf Sekunden später zeigt die Tachonadel bereits 100 Stundenkilometer an. Das sanfte Brabbeln des Bi-Turbo ist längst einem grimmigen Brummen gewichen. Das klingt sehr gut. Wir sausen aus der Stadt hinaus und machen uns an den Anstieg hinauf ins Bergdorf La Turbie. Der Motor hat weder Probleme mit der Steigung noch mit den mehr als 2,5 Tonnen Gewicht des Autos. Obwohl die sechs Schaltstufen von einer Automatik geschaltet werden, nimmt der Wagen sehr schnell und ohne Verzögerung Gas an. Da kann man nicht meckern, der handgeschaltete Race-Touareg wäre nicht so agil. Allerdings verfügt dessen Fünfzylinder-Turbodiesel auch nur über 270 Pferdestärken und knapp 500 Newtonmeter Drehmoment. Ein Problem ist für den Bentley die Straßenbreite. Speziell in den Spitzkehren wird es bei Gegenverkehr sehr, sehr eng. Da merkt man schon, dass der Bentley in die Kategorie „Heavy Metal“ fällt – über die sportlichen Fahrleistungen hätte ich es fast vergessen. 

Je länger ich fahre, desto mehr Spaß macht mir der Antrieb: Der Flying Spur ist eines der besten Autos mit Schaltautomatik, das ich je gefahren habe. Eine Handschaltung wäre mir zwar lieber, aber das Getriebe würde die enormen Kräfte des Motors nicht bändigen können. Die sportlichen Fahrleistungen schlagen sich allerdings in einem üppigen Kraftstoffverbrauch nieder: Der Bordrechner weist nach gut 120 Kilometern in forcierter Fahrweise einen Durchschnittsverbrauch von 47 Litern aus. Bei etwas gemächlicherer Fahrweise sinkt der Verbrauch später zwar auf 30 Liter. Das sind Werte, die in etwa mit denen eines Rennwagens vergleichbar sind. Allerdings bewege ich mich bei der Rallye Dakar meist durch Sanddünen und nur selten über asphaltierte Straßen. Und der Race-Touareg hat ein Tankvolumen von 350 Litern – in den Tank des Bentley passen nur 90 Liter. Da muss man ordentlich Haushalten, um nicht schon nach 300 Kilometern einen Boxenstopp einlegen zu müssen. 

Wenn man sich an die Spitzengeschwindigkeit von 312 Kiometern pro Stunde herantastet (die man in Monte Carlo nur während des Formel-1-Grand-Prix erreichen könnte), dürfte der Tankinhalt sogar für weniger als 200 Kilometer reichen. 

Schalten und Walten. Der Continental Flying Spur ist dank permanenten Allradantriebs ein überaus fahrsicheres Auto. Die Lenkung ist präzise, auch wenn sie für mein Gefühl etwas zu viel Servounterstützung gibt. Ich persönlich habe es lieber, wenn ich stärkere Rückstellkräfte im Lenkrad spüre, aber die Anforderungen des Marktes sind in dem Luxussegment wahrscheinlich andere. Das Fahrwerk wurde von Bentley sehr aufwendig gestaltet, mit einer Vierlenkerachse vorn und einer Mehrlenkerhinterachse mit computergesteuerter Luftfederung und elektronisch gesteuerten Dämpfern. Das Ergebnis ist ein beeindruckender Fahrkomfort selbst auf den abseits gelegenen Buckelpisten an der Côte d’Azur. 

Das Auto liegt jederzeit sicher auf der Fahrbahn, zeigt in schnell gefahrenen Kurven aber eine deutliche Tendenz zum Untersteuern – das Auto schiebt kräftig über die Vorderräder nach außen. Aber so ist das inzwischen bei fast allen Autos, weil sie so auch von ungeübten Fahrern sicher zu beherrschen sind. Der Bentley, bei dem ein schwerer Zwölfzylinder auf der Vorderachse lastet, macht da keine Ausnahme. Rasante Drifts durch die Kurven sind dadurch leider nicht mehr möglich. Dafür sorgen auch die zahlreichen elektronischen Heinzelmännchen, die in kritischen Situationen erst sanft, dann aber resolut eingreifen. 

Verbesserungsfähig scheinen mir noch die Bremsen des Bentley, die mit dem Fahrzeuggewicht von knapp 2,5 Tonnen sowie dem bärenstarken Motor ihre liebe Mühe hatten: Nach mehreren Beschleunigungstests und anschließenden scharfen Bremsungen qualmt es heftig aus den Radhäusern. Auch blinkt die elektronisch gesteuerte Feststellbremse hektisch Notsignale. Sie hat offenbar Probleme, die glühend heißen Bremsscheiben zu packen. Auf dem Rückweg nach Monte Carlo lasse ich es deshalb etwas ruhiger angehen, was mir außer den Bremsen auch meine Mitfahrer dankten. 

Geld und Kapital. Wer sich einen Bentley Continental Flying Spur in die Garage stellen möchte, sollte wenigstens 179 200 Euro frei haben. Unser Testwagen, ausgestattet unter anderem mit Glasdach, TV-Tuner, Parktronic-System und 19 Zoll großen Leichtmetallrädern, brachte es gar auf gut 198 000 Euro. Das ist eine Menge für ein Auto, dessen Verarbeitung, vorsichtig formuliert, noch nicht ganz auf der Höhe der Zeit ist. So sind beispielsweise nach einem halbstündigen Foto-Shooting am Yachthafen drei der vier Scheinwerfer von innen beschlagen. Und an der Windschutzscheibe sorgt ein loses Leitblech für unliebsame Nebengeräusche. Das trübt ein wenig den guten Gesamteindruck, den das Luxusauto bei mir hinterließ. 

Kaufen würde ich mir ihn ohnehin nicht: Für einen Sportwagen ist mir der viertürige Flying Spur zu schwer. Auch stehe ich eher auf Coupés. Der Continental GT wäre eher nach meinem Geschmack. 

Aufgezeichnet von: franz.rother@wiwo.de 

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