Archiv: Heavy Metall

Ob aus Edelstahl oder versilbert:Die Ausgaben für Bestecke stagnieren, Billighersteller gewinnen Marktanteile. 

Nomad heißt das cool gestylte Accessoire für Szenegänger – falls die zwischendurch was gegen den kleinen Hunger einwerfen wollen, das sich ausnahmsweise mal nicht mit den Fingern essen lässt. Und damit das aus Kurzmesser, -gabel und -löffel mit integriertem Flaschenöffner bestehende Miniset zwischen den Clubs von Berlin und Snowboarden in Davos nicht verloren geht, trägt der Trendsetter das für Pizza, Pasta, Sushi oder Eis gleichermaßen geeignete Esswerkzeug an einem Lanyard um den Hals. Das ist nicht nur hip, sondern führt den modernen Menschen entwicklungsgeschichtlich zurück zu den Anfängen: Besteck nannten unsere Vorfahren ihr in einem Lederetui am Gürtel getragenes Esswerkzeug deshalb, weil das Gerät von oben in den Halfter gesteckt wurde. 

Das wahlweise in eine Schale aus buntem Plastik oder in der „Heavy-Metall“-Version aus Edelstahl gehüllte sogenannte „Off-Table-Besteck“ ist eine der neuesten Kreationen von WMF und gehört zur wachsenden Gruppe der Lifestyle-Produkte, mit denen der Geislinger Hersteller von Bestecken, Kochgeschirren, Tafelgeräten, Schneidwaren und Kaffeemaschinen seine starke Stellung im stagnierenden Markt für Ess- und Küchenwerkzeuge behauptet. Schon lange geht es bei Bestecken außer um Form und Funktion auch immer öfter um Lebensgefühl. Im Angebot sind Ess- und Küchenhelferlein für jeden Zweck: sogenannte Göffel, die, raumsparend und für den einhändigen Gebrauch auf Partys bestimmt, die Funktion von Löffel und Gabel vereinen, ebenso wie konventionelle Bestecke, deren Griffe aber lasergeritze Zitate von Isabel Allende, Theodor Fontane oder Ernest Hemingway zieren. 

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Rund 142 Millionen Euro haben die Deutschen im vergangenen Jahr für Bestecke ausgegeben, zusätzlich knapp 14 Millionen für Küchenmesser, Kochlöffel und andere Tafelhilfsgeräte. Mehr als die Hälfte davon fließt in die Kassen des Marktführers WMF, der als einziger großer Hersteller eigene Fachgeschäfte unterhält. Ein Fünftel der Ausgaben für Bestecke – und damit gut die Hälfte der knapp 54,8 Millionen verkauften Messer, Gabeln und Löffel – entfällt mittlerweile auf billige No-Name-Produkte, größter Einzelanbieter in diesem Segment ist der Kaffeeröster Tchibo. Weit über die Hälfte aller Käufer eines 24-teiligen Komplettset geben dafür nicht mal 25 Euro aus, 90 Prozent aller Bestecke sind darum aus Edelstahl gefertigt. 

Trotzdem bleibt auch am oberen Ende des Marktes genug Raum zum Überleben: Der Flensburger Traditionshersteller Robbe & Berking, der schon das Bundeskanzleramt, den Kreml oder den Palast des jordanischen Königs mit edlen Bestecken aus 925er-Sterling-Silber ausgestattet hat und wo eine 24-Teile-Garnitur fast das 100-Fache kostet, hat seinen Umsatzanteil in Deutschland 2005 von zwei auf vier Prozent verdoppelt. 

hans-juergen.klesse@wiwo.de 

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