High Tech auf dem Klo

Archiv: High Tech auf dem Klo

Technik+Wissen Japaner lieben moderne Technik, aber auf kaum einem anderen Gebiet sind sie der übrigen Welt so voraus wie in der Sanitärtechnik. 

Japan ist ein kleines Land. Die 127 Millionen Einwohner haben wenig Raum zum Leben. Deshalb sind die Japaner Meister in der Miniaturisierung der Dinge, wird die japanische Kultur auch als „Kompakt-Kultur“ bezeichnet. 

Diese Kultur zeigt sich besonders im Bereich des Wohnens. Japanische Wohnungen sind klein. Auf engstem Raum muss viel untergebracht werden. Im Bad zum Beispiel gibt es keinen Platz für ein Bidet. Das hat Japans Sanitärtechniker besonders erfinderisch gemacht. Nirgendwo auf der Welt findet sich auf der Toilette so viel High Tech wie hier. 

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Das japanische High-Tech-Klo begrüßt den Besucher schon damit, dass sich der Deckel nach Durchschreiten einer Lichtschranke automatisch öffnet. Nach dem Verrichten der Notdurft spült die Toilette selbstverständlich automatisch. Toilettenpapier sucht man vergeblich. Der Benutzer wählt stattdessen auf einem Display an der Wand oder in einer separaten Fernbedienung, wie er seinen Unterleib reinigen will, ohne ihn zu berühren. Zur Grundausstattung zählt eine Dusche, die unter dem selbstverständlich beheizten Sitz hervortritt und Wasser verspritzt – etwa 38 Grad warm, auf Wunsch mit Seife versetzt. Wasserdruck und -menge können bei den meisten Modellen ebenso eingestellt werden wie die Spritzrichtung. Getrocknet wird mit einem Warmluftgebläse , dessen Temperatur sich ebenfalls regeln lässt. Wer will, kann sich auch eine „Geräuschprinzessin“ genannte Musikanlage einbauen lassen, die unangenehme Körpergeräusche in den kleinen Wohnungen übertönen soll, und ein Zusatzgebläse, das Duftstoffe verströmt. 

Das jüngste, Anfang Februar vorgestellte Spitzenmodell des größten japanischen Sanitäranlagenherstellers Toto vermag sogar manche Routineuntersuchung beim Arzt zu ersetzen. Integrierte Sensoren messen Puls, Gewicht und analysieren den Urin. Bis das Ergebnis auf dem Display abzulesen ist, kann man sich den Blutdruck messen lassen. Der angeschlossene Kleincomputer gibt, wenn gewünscht, Ratschläge zur Ernährung und Fitnesstipps. 

Der technische Aufwand hat seinen Preis. Die so genannten Bidet-Toiletten oder Washlets kosten in der einfachsten Variante umgerechnet gut 2700 Euro, das jüngste Topmodell sogar über 4000 Euro. Der Preis ist aber nicht die größte Hürde: Wer das derzeit intelligenteste Toiletten-System der Welt besitzen möchte, muss erst einmal warten oder ein Einfamilienhaus mitkaufen – bis 2008 gibt es die Technik nur in den Häusern der Firma Daiwa. 

Takeo Higushi, Präsident des Bauunternehmens, ist der geistige Vater des jüngsten Toto Washlets. Als der Manager im Krankenhaus lag, wurde ihm bewusst, dass viele Menschen eine Klinik nur für Routineuntersuchungen aufsuchen. „Deshalb wollte er ein Haus bauen, in dem jeder selbst und ohne großen Aufwand einfache Gesundheitstests durchführen kann“, erläutert Daiwa-Sprecherin Miki Chin. In zweijähriger Forschungsarbeit und Zusammenarbeit mit Toto wurde die Idee realisiert. 

Die Entwicklung geht weiter. Bei den Toto-Konkurrenten Inax und Matsushita arbeiten die Ingenieure an Toiletten, bei denen man nicht einmal mehr einen Knopf drücken muss, sondern die sich über Sprache steuern lassen. Zudem ist daran gedacht, die High-Tech-Toiletten mit einem Internetzugang auszustatten: Die Ergebnisse der Urinprobe könnten dann direkt in die Praxis des Hausarztes geschickt werden. 

In Japan besitzen schon über 60 Prozent aller Haushalte ein High-Tech-Klosett. Marktführer Toto (Anteil: 55 Prozent) hat auf seinem Heimatmarkt bereits deutlich über 20 Millionen Washlets verkauft.Außerhalb Japans läuft das Geschäft bis-her jedoch ganz schwach. In China und den Vereinigten Staaten, den wichtigstenExportmärkten, hofft das Unternehmen, dieses Jahr jeweils 28 000 Washlets abzusetzen. „In anderen Ländern ist das Thema Toilette eher peinlich“, so die Erklärung der Toto-Sprecherin Kumi Goto. 

In Europa gibt es einen Markt für High-Tech-Toiletten noch gar nicht. „In Deutschland stehen wir erst am Anfang einer WC-Kultur“, sagt Marc Wieden, Produktmanager des Herstellers Geberit in Pfullendorf. Unter dem Namen Balena bietet das Unternehmen für 4000 Euro ein Dusch-WC mit berührungsloser Warmlufttrocknung an, von denen jährlich „einige tausend Exemplare“ verkauft werden. Der Hersteller Villeroy & Boch hat es, allerdings nur mit erheblichem Werbeaufwand, gerade mal geschafft, in Deutschland, Österreich und den Benelux-Ländern über 10 000 Einheiten des WCs „PurAir“ zu verkaufen – ein batteriebetriebener Ventilator saugt hier gegen einen Aufpreis von 200 Euro die Luft in der Toilette an und leitet sie durch einen Filter. Technikchef Ralf Becker denkt zwar über weitere Komfortfunktionen nach. Dafür bräuchten die WCs aber einen Stromanschluss. Becker: „Das ist unser größtes Problem. Auf dem stillen Örtchen gibt es meist keine Steckdose.“ 

angela.koehler@wiwo.de | Tokio, franz rother 

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