Ich denke oft: Mein Gott!

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Die Designerin Jil Sander über Männer und Männermode 

Mit ihrer ersten Damenkollektion nach dreijähriger Pause feierte Jil Sander ein fulminantes Comeback. In ihrem Mailänder Showroom mit Blick auf das Castello Sforzesco empfing die Designerin jetzt zum Defilee der Herrenmode. Im Interview mit Fivetonine erläutert die gefeierte Designerin, was sie an japanischen Männern und Reinhold Beckmann schätzt und warum der deutsche Mann dringend der intensiven Nachhilfe in Sachen Mode bedarf. 

Warum machen Sie Männermode? 

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Weil es mir große Lust bereitet. Für Männer Mode zu entwerfen ist eine noch größere Herausforderung als Damenmode. 

Wieso? 

Weil Männerkörper ein viel größeres Formenarsenal haben als Frauenkörper, die man einfacher nach Konfektionsgrößen einteilen kann. Außerdem spielen die verschiedenen Altersstufen bei Männerfiguren eine noch größere Rolle. Um auf die vier Körper-Grundtypen der Männer besser einzugehen, habe ich neben den herkömmlichen Konfektionsgrößen vier verschiedene so genannte „Drops“ entwickelt. 

Was bedeutet das denn? 

Das sind spezielle Passformen. Damit kann ich nicht nur dem großen schlanken, sondern auch dem kleinen dicken Mann gerecht werden. Herrenmode erfordert auch deshalb mehr Aufwand, weil die Materialien viel stärker belastet werden – es wirken ja viel stärkere Muskelkräfte auf den Stoff. Daher muss ein Herrenanzug noch funktionaler, noch belastbarer sein als ein Kleidungsstück für Frauen. 

Sie legen ja seit jeher besonders viel Wert auf das Material. 

Weil mir das Material so wichtig ist, auch in der Damenmode, habe ich mich eigentlich mein ganzes Berufsleben lang mit Herrenmode beschäftigt. Die Herrenkollektion ist also nur eine konsequente Weiterentwicklung meiner Arbeit. 

Wovon lassen Sie sich bei Ihrer Herrenmode inspirieren? 

Ich komme aus Hamburg, und die Hamburger sind sehr britisch. Ich bin geprägt von Männern, die sich gentlemanlike und sehr britisch gaben und Maßanzüge aus London trugen. Mir gefielen immer schon die alten handgeschneiderten Harris-Tweed-Anzüge der Engländer. Der Träger wirkt darin so smart und elegant, und die Anzüge sehen nie neu aus, sondern haben eine herrliche Patina. Dank ihrer aufwendigen Verarbeitung und der verschiedenen Schichten hochwertiger Einlagen passen sie sich im Laufe der Zeit immer besser der Körperform an. Daran ist ein wirklich guter Anzug zu erkennen. Nach diesem Konzept schneidere ich auch meine Anzüge. 

Die Konkurrenz macht auch schöne und gute Anzüge. Warum sollte ein Mann einen Anzug von Jil Sander kaufen? 

Wir machen eine Mode, die nicht austauschbar ist. Ich habe zwei Jahre daran gearbeitet, die perfekte Anzugjacke zu entwickeln und habe einen völlig neuen Schneiderstil erfunden. Mein Ziel war es, eine natürliche Schulter zu schneidern, die nicht wie bei den Jacken der meisten anderen Hersteller auf hohen Schulterpolstern hängt. Mit einer natürlichen Schulter ist die Jacke komfortabler und wirft keine Falten. Bei unseren Anzügen wird nichts geklebt, alles ist mit der Hand genäht wie beim englischer Maßanzug. Der Erfolg hat uns übrigens Recht gegeben: Unser neuer Herrenanzug wird heftig kopiert. 

Warum nicht gleich zum Maßschneider gehen? 

Dieser hat nicht die Möglichkeit, eine ausgiebige Stoffrecherche zu betreiben wie wir es tun und für jedes Bedürfnis individuelle neue Stoffe zu entwickeln. Er hat schöne Tuchstoffe, aber die sind natürlich nicht für jedes Klima geeignet wie unsere, die weltweit von Männern in den verschiedensten Klimazonen getragen werden. 

Wie sieht der Mann aus, der Ihre Mode tragen soll? 

Das Äußere und das Alter sind mir nicht so wichtig. Es ist vielmehr seine Haltung, die auch geprägt ist von seiner Erziehung. Er sollte Klasse und Stil haben, wissen, wo er hingehört. Bestimmt nicht zu unserer Zielgruppe gehört der Typ „aufgemachter Pfau“ – für den sind andere Designer zuständig. 

Haben Sie ein Beispiel für Ihren Typen? 

In Deutschland verkörpert der Fernsehmoderator Reinhold Beckmann besonders gut unseren Typ. Das ist ein intelligenter Mann, er sieht gut aus, er hat eine tolle Haltung, seine Figur ist auch in Ordnung. Er trägt auch unsere Mode. 

Und international? 

Mir persönlich gefallen die asiatischen Männer besonders gut, vor allem die japanischen. Sie haben wunderbare dunkle Haare, eine schöne Hautfarbe und einen Sinn für Eleganz. 

Während Damenmode in Deutschland ganz erfolgreich ist, führt Ihre Herrenmode hier zu Lande doch eher ein Schattendasein. Woran liegt das? 

Das liegt daran, dass Deutschland, gerade was die Männermode betrifft, ein Modemuffelland ist. Leider hat sich diese Einstellung durch die momentane schlechte wirtschaftliche Lage noch verstärkt. Die Männer haben sofort auf die Krise reagiert und sich gesagt: „Eigentlich brauche ich ja auch gar nichts Neues.“ Oder sie sagen: „Dann trage ich eben weiter die Gleichmacher-Mode mit den geklebten Taschen.“ Gucken Sie sich doch einmal die Geschäftsmänner im Flugzeug an: mit ihren Schulterpolstern, die von hinten aussehen wie Kartons und mit den großen Einheits-Armlöchern, die bequem sein sollen, aber dafür sorgen, dass die Jacken Falten werfen und die ganze Figur verhängt wird! Da gibt es einen Herdentrieb, in den Hierarchien jeweils gleich auszusehen und bloß nicht aufzufallen. 

Woran liegt es, dass deutsche Männer weniger modeinteressiert sind als ihre Geschlechtsgenossen in den meisten anderen Ländern? 

Das hat, glaube ich historische Ursachen. Nach dem Zweiten Weltkrieg hatten wir so viel mit der Bewältigung unserer Vergangenheit und dem Wiederaufbau zu tun, dass es für die Deutschen andere Prioritäten als Mode gab. Späte Folgen hiervon sind Scheußlichkeiten wie die deutschen Herren-sandalen, die Shorts und die Halbarmhemden. 

Haben Sie was gegen Freizeitlook? 

Grundsätzlich habe ich nichts gegen den Freizeitlook. Aber man braucht schon ein gutes Gespür für Mode, um auch gut in Freizeitkleidung auszusehen. Sneaker ist nicht gleich Sneaker, und nicht jedem Mann steht ein kragenloses Hemd. Nicht immer ein schönes Erlebnis ist es, wenn man einen Mann im Anzug kennen lernt und er dann in Freizeitkleidung vor einem steht. Ich denke oft: „Mein Gott, das ist ja unglaublich!“ 

Viele Manager überlassen die Modeberatung ihrer Frau… 

…das ist wirklich traurig, denn damit entgeht ihnen die Freude, die Mode schenken kann. Dieses Verhalten sollte man brechen. Männer haben ja auch Lust, sich ein neues Auto zu kaufen, eine schöne Reise zu planen oder einen tollen Wein zu trinken. Mode macht das Leben schöner. 

Wie wollen Sie die Modemuffel umkrempeln? 

Ich habe mich inzwischen damit abgefunden, dass es Männer gibt, die wir mit unserer Mode nicht erreichen können. Ich behaupte allerdings ganz frech: Männer sind wie Frauen. Wenn man es geschafft hat, sie für Mode zu interessieren, und da kann die Partnerin des Mannes sehr hilfreich sein, merken die Männer, dass sie mit der richtigen Wahl ihrer Kleidung sich selbst etwas Gutes tun. Sie stellen fest: Gute Mode vervollkommnet meine Persönlichkeit, verbessert meinen Auftritt. Heute wird man verstärkt nach seinem Äußeren beurteilt. Wir versuchen außerdem, den künstlerisch interessierten Mann anzusprechen, der Sinn für handwerkliche Qualität hat. Wenn er einen Anzug von uns kauft, kann er sich sagen: Andere sehen es nicht auf den ersten Blick, wie viel Arbeit und Können in meinem Anzug steckt, aber ich selbst fühle und weiß es. Ich glaube, dass wir Grund zur Hoffnung haben. Bei der jüngeren Generation der Männer hat bereits ein Umdenken eingesetzt. 

Aber gerade die jungen Männer können Ihre Mode doch kaum bezahlen? 

Wir haben günstige Anfangspreislagen entwickelt. Unsere Mode lässt sich auch mit preisgünstigen Teilen anderer Hersteller kombinieren. Warum soll man nicht Streetwear zusammen mit einem teuren Stück von Jil Sander tragen? Ich bin mir sicher, dass die Männer irgendwann feststellen, dass es langfristig gesehen preisgünstiger ist, weniger Stücke, dafür aber hochwertigere zu kaufen. Und ich weiß von unserer Frauenmode: Wer einmal unsere Sachen trägt, wird süchtig. 

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