„Ich habe nie Aktien besessen“

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Werner Seifert » Der Ex-Chef derDeutschen Börse über seine gescheiterten Fusionspläne und die Parallelen zwischen Management und Jazz. 

Herr Seifert, als Chef der Deutschen Börse versuchten Sie, die Londoner Börse zu übernehmen – und scheiterten. Jetzt beteiligte sich die New Yorker Technologiebörse Nasdaq in London. Ein Grund für Wehmut? 

Nein, ich betrachte die Vorgänge mit Gelassenheit und kann mir ein Schmunzeln nur schwer verkneifen. 

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Weshalb? 

Es gibt zu viele Börsen auf dieser Welt, das ist klar. Nun ist die Konsolidierung im Gang. London ist für die Finanzwelt, was der Petersdom für die Katholiken ist. Im Aktienhandel hält London einen Marktanteil von 38 bis 40 Prozent, Frankfurt 13 Prozent, die Euronext 14 Prozent. Nur wer mit London zusammenspannt, schafft einen Marktanteil von über 50 Prozent. Und wer das hinkriegt, entfaltet eine Sogwirkung, die weiteres Geschäft anzieht. 

Jetzt haben die Amerikaner zugepackt. Was bleibt den Europäern? 

Ich möchte die 15 Prozent, welche die Nasdaq an der London Stock Exchange gekauft hat, nicht überbewerten, aber diese Allianz spaltet den europäischen Aktienmarkt. Letztlich könnte dies die unzureichende Effizienz des europäischen Kapitalmarktes zementieren. 

Was tun Sie jetzt, seit Sie die Deutsche Börse verließen? 

Seit einem halben Jahr wohne ich an der Atlantikküste bei Cork in Südirland. Nun leiste ich mir den Luxus, segeln zu gehen, wenn der Wind stimmt, oder auf meiner Orgel zu üben. 

Mit 56 Jahren in Frührente? 

Ich bin nicht unterbeschäftigt. Ich berate ein paar Organisationen. Hinzu kommt meine Passion für die Musik. Vor zwei Jahren riefen ein deutscher Industrieller und ich die Jazzformation Jazz X-Change ins Leben. Letzten August spielten wir unser Erstlingswerk ein. 

Jazz – das neue Profitcenter des Werner Seifert? 

Wir wollen mit unserer Formation nicht primär Geld verdienen, aber wir möchten eines Tages auch keines mehr reinstecken. Nur: Der Spaß steht im Vordergrund. Ich spiele auf einer Hammond-Orgel aus dem Jahr 1959, ein Wunderwerk aus massivem Holz und mit viel Mechanik. Wir treten in Clubs, in Unternehmen oder bei Managementtagungen auf. Für Letztgenannte haben wir das Programm „Jazz und Management“ entwickelt. Wir ziehen Analogien zwischen Management und Jazz. Da gibt es viele Parallelen. 

Wo bitte sind die? 

Die meisten Firmen funktionieren heute wie Symphonieorchester, alle hören auf den Dirigenten, jedes Instrument sitzt vor dicken Partituren – eine eher statische Angelegenheit also. Eine moderne Unternehmung, die sich schnell verändern will oder muss, ähnelt eher einer Ansammlung von Jazzbands. Es gibt ein Minimum von Strukturen, darum herum muss man improvisieren. Diese Bipolarität des Jazz gilt auch für Unternehmen in dynamischen Märkten. 

Sie haben stets Musik gemacht. War das Führen eines Konzerns kein Full-Time-Job? 

Alles ist eine Frage der Prioritäten. Ich spiele nicht Golf, sammle keine Briefmarken, habe nie das Gesellschaftsleben gepflegt. Meine Freizeit widme ich der Musik. Es ist ohnehin meist übertrieben, wenn einer behauptet, er arbeite 16 Stunden am Tag. 

Sie kritisieren die Abzockermentalität aggressiver Investoren. Als Chef der Deutschen Börse verdienten Sie 2,6 Millionen Euro im Jahr. Gerecht? 

Ich war gut bezahlt, kein Zweifel, doch letztlich kann kein Manager von sich behaupten, er sei eine oder 15 Millionen wert. Aber vergessen Sie nicht: Als ich den Posten übernahm, war das ein verschlafenes Unternehmen, heute hat die Deutsche Börse einen Börsenwert von über zehn Milliarden Euro. 

Da halten Sie auch Ihre Abfindungssumme von fast zehn Millionen Euro für angemessen? 

Mein Aufsichtsrat und ich schlossen Verträge ab, die das Management mutig machen sollten. 

Eine Abfindung muss möglichst hoch sein, damit der Vorstandschef gelassen seine Strategie durchziehen kann, weil er bei einem Scheitern weich fällt? 

Hoch ist ein relativer Begriff. Vorstandsverträge haben eine mittelfristige Laufzeit und enthalten Kompensationsmechanismen, wenn sie vorzeitig beendet werden. Damit gibt das Unternehmen einem Manager das Gefühl, langfristig arbeiten zu können. 

Wie hat der ehemalige Börsenchef sein Geld angelegt? Kann man etwas lernen? 

Nein. 

Aktien? 

Ich habe nie Aktien besessen. Ich hatte und habe keine Lust, mich allzu intensiv mit meinen Kapitalanlagen zu beschäftigen oder regelmäßig mit einem Broker zu telefonieren. Es gibt wichtigere Dinge im Leben, als Geld zu zählen. 

stefan.barmettler@bilanz.ch 

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