„Immer die A7 lang“

Archiv: „Immer die A7 lang“

Politik+Weltwirtschaft I Spezial Hessen Florian Illies über seinen Heimatort Schlitz und die osthessische Provinz. 

Herr Illies, in Ihrem neuen Buch „Ortsgespräch“ haben Sie Ihrem Heimatort Schlitz ein Denkmal gesetzt. Spekulieren Sie auf die Ehrenbürgerschaft? 

Überhaupt nicht. Das Buch ist zwar eine Liebeserklärung an die Provinz, aber wie jede gute Liebeserklärung lebt es von Arabesken und Fantasien. Mein Schlitz ist ein realer und imaginärer Ort. Schon der Name klingt ja wie erfunden. Nur die Schlitzer finden ihn ganz normal. 

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Und wie erklären Sie den Nicht-Schlitzern, wo Schlitz wirklich liegt? 

Da bin ich meist erst einmal grob: in der Nähe von Frankfurt. Wobei Nähe hier relativ ist, denn zwischen Frankfurt und Schlitz liegen 140 Kilometer Luftlinie. Manchmal bin ich auch präziser, dann sage ich: zwischen Kassel und Frankfurt. Bei Leuten, die erste geografische Kenntnisse Hessens haben, sage ich: in der Nähe von Fulda. Von da sind es bis Schlitz aber immer noch 22 Kilometer querfeldein. 

Das ist die Gegend zwischen Rhön und Vogelsberg? 

Es sind die letzten Ausläufer des Vogelsbergs. Schlitz liegt mitten in einem hessischen Buchenwald, in der historischen Landschaft Buchonia, die einst der heilige Bonifatius durchquerte. Aber die beste Erklärung ist: immer die A7 lang bis zur Ausfahrt Hünfeld/Schlitz. 

Und die führt geradewegs in das ehemalige Zonenrandgebiet? 

Richtig, in das genannte Fulda-Gap, das vermutete Aufmarschgebiet der Russen, weshalb hier während des Kalten Kriegs drei-, viermal im Jahr Manöver der Amerikaner mit ihren Panzern stattfanden. Schlitz hätte ein Ort von welthistorischer Bedeutung werden können. Aber es blieb Gott sei Dank dabei, dass der Feldherr Tilly dort im Dreißigjährigen Krieg übernachtete, in einem Haus, in dem jetzt das Kosmetikstudio Kristin untergebracht ist. Einmal hat man übrigens deutlich gemerkt, dass Schlitz mitten in Deutschland liegt, 1989, als die Grenze aufging und die ersten Trabis durchs Schlitzerland fuhren. Sonst versteckt sich der Ort lieber in den Wäldern. 

Ein Fall von Hinterwäldlertum? 

Das ist ein Vorurteil von Städtern, die glauben, ihr Rollkoffer mache sie zu besseren Menschen. Die Schlitzer haben Grund, stolz zu sein auf ihre Herkunft. Ihr Ort geht auf eine alte unabhängige Grafschaft zurück und ist eine protestantische Enklave inmitten eines tief katholischen Lands. Dieses Eigene ist das Prägende. Deshalb ist Schlitz ein exemplarisches Stück Provinz im Gegensatz zu anderen Orten, die früher Provinz waren und heute nur noch Vorstädte sind. 

Aber die Osthessen gelten doch angeblich als die Deppen Hessens… 

…und Osthessen gilt als Hessisch-Sibirien, ich weiß. Aber die Deppen sind immer die anderen. Für die Schlitzer ist das eher ein Fuldaer Phänomen: der Katholizismus und die 78-Prozent-Wahlergebnisse für die CDU. Schlitz fühlt sich eher wie ein gallisches Dorf – und so habe ich es in „Ortsgespräch“ auch beschrieben. 

Schlitz als Bollwerk, gegen die Globalisierung zum Beispiel? 

Der ist man auch im Osthessischen auf Gedeih und Verderb ausgeliefert. Eine Stadt der Leinenweberei, wo einst die Servietten für die Lufthansa hergestellt wurden, ist Schlitz schon lang nicht mehr. Stattdessen gibt es hier noch immer eine große Solidarität der Art, dass der Supermarkt, der den Tante-Emma-Laden abgelöst hat, die Salatköpfe der Schlitzer Gärtner verkauft. 

Weil die besser sind als die holländischen? 

Ja. Schlitz hat da etwas Lebenskünstlerisches. Als die örtliche Postfiliale geschlossen werden sollte, kamen die Schlitzer darauf, dass die Nachbarin, die in Rüsselsheim für Opel arbeitet, die Briefmarken für den Konzern in Schlitz kaufen könnte. Das hat die Post hier letztlich über Wasser gehalten. Heute ist sie zwar im Motorradcenter untergebracht, aber irgendwie geht es immer weiter, man weiß sich hier immer selber zu helfen. Auch durch Nachbarschaftshilfe nach dem Motto: Ich deck dir das Dach, dann gibst du mir Zucchini oder wäschst die Trikots des Fußballvereins. Das einzige Problem ist dabei: Bei allen werden die Zucchini gleichzeitig reif, das sind dann klassische Fälle von kurzfristiger Überproduktion – bei rapide sinkender Nachfrage. 

Verklären Sie jetzt nicht ein wenig die Provinz? 

Nein, ich will unser verzerrtes Bild der Provinz korrigieren. Es hat ja fast schon Tradition in Deutschland, boshaft auf die Provinz zu schauen. Da kann es nichts schaden, auch mal ihre liebenswerten und skurrilen Seiten hervorzuheben. 

Ist Provinz nicht immer ambivalent? 

So ist es, in Schlitz erklingen stets zwei Grundmelodien gleichzeitig. Die eine signalisiert Geborgenheit, die andere Ausgrenzung und Überwachung. Jeder Anti-Atomkraft-Autoaufkleber, jede falsch herum aufgesetzte Baseballkappe wird von der Anstandspolizei registriert. 

Sind Sie deshalb der Provinz entflohen? 

Auch. Aber ich komme ja spätestens an Weihnachten immer wieder zurück. 

Und was verbindet den Schlitzer mit den Kasselanern oder den Dieburgern? 

Dass sich alle über die Frankfurter Mundart lustig machen und dabei einen noch breiteren Dialekt sprechen. Hessen ist ja, anders als Bayern, ein Land ohne Eigenschaften. Es fallen einem eigentlich immer nur Frankfurter Merkmale ein: der Äppelwoi etwa. Dabei gibt es, historisch bedingt, ein starkes Darmstädter, Marburger oder eben Schlitzer Selbstbewusstsein. Und überall dort auch bessere Getränke. 

christopher.schwarz@wiwo.de 

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