Archiv: In Dog we trust

Besser als Gott in Frankreich lebt nur ein Hund in New York. 

Lizzie glaubt, Todd lasse sie links liegen, und Booboo fragt sich, ob Todd sie ebenfalls verlassen werde, nichts sei stabil in dieser Welt. Todd schweigt und betrachtet Linda. Linda horcht und legt eine weitere Karte auf. Lizzie und Booboo sind Beaglehunde, „meine alten Ladys“, wie ihr Herrchen Todd Evans sie nennt. Und Herrchen wiederum ist Medienunternehmer in New York, aber er braucht Linda Lauren, eine professionelle Kartenlegerin, als Medium, um Lizzie und Booboo zu verstehen. 

Nach seiner Scheidung hatte eine unbegreifliche Unruhe die Tiere erfasst. Sie knabberten an Evans Schuhen und zerrten an seinen Hosenbeinen, wenn er die Wohnung verlassen wollte. Jetzt liegen sie hinter ihm im Chefbüro in Tribeca. Er arbeitet, sie dösen. Wenn sie die Augen öffnen, sind sie bereit, Komplimente der Angestellten entgegenzunehmen. „Die Tarotkarten haben ihre Probleme offenbart: Sie leiden unter Trennungsangst“, sagt Evans. Seit er Laurens Empfehlung folgt, die Hunde mit ins Büro zu nehmen, sind die Ängste verflogen. 

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Linda Lauren liest Karten und sieht hell. Hunde sind ihre wichtigsten Klienten – New Yorker Hunde. Sie berührt ihr Fell und erfühlt das tierische Energiefeld. Sie blickt in ihre Augen und sieht Farben und Bilder, „wie in einem Fernseher“. Und wann immer sie entdeckt, dass Herr und Hund sich schon in einem früheren Leben begegnet sind, hält sie damit nicht hinter dem Berg. Doch im Innersten, so Lauren, hätten alle New Yorker Hunde denselben zeitlosen Wesenszug: „Sie sind schlecht erzogen und sehr verwöhnt.“ 

Besser als Gott in Frankreich lebt nur ein Hund in New York. Anderthalb Millionen Rottweiler, Terrier, Pitbulls, Zwergpudel, Bernhardiner, Chow-Chows, Schlitten-, Jagd- und Schoßhunde zwingen der New Yorker Menschengesellschaft ihren Willen auf, regieren die Stadt. Sie bestimmen das Leben auf den Straßen und ziehen dabei so genannte Dog Walker hinter sich her – Leute, die dafür bezahlt werden, sie spazieren zu führen. 

Ihre Herren tun alles, um sie bei Laune zu halten, schleppen sie in die Hundeboutiquen von Soho oder West Village und versuchen, ihnen jeden Wunsch von den Augen abzulesen: Designernäpfe, Kaschmirkissen in Knochenform, Gummihanteln, Lederbälle, diamantbesetzte Halsbänder, Pelzmäntelchen oder Khakianzüge für bullige Charaktere. 

Im feinen „Canine Styles“ auf der Greenwich Avenue probiert ein Maltesermix gerade ein blaues Cape an. „Etwas Schönes gegen die Kälte“, flüstert Herrchen dem Hund ins Ohr. Das Hündlein springt an der Verkäuferin hoch. Schuhe, sagt sie und zeigt aufs Regal, seien derzeit der Renner: senfgelbe und rote Sneakers, kaum größer als ein Hühnerei. Das Streusalz ätzt die sensiblen Pfötchen. „Winter ist eine harte Zeit für die Kleinen“, sagt die Verkäuferin. 

Andere Kundinnen nicken und schwelgen in Erinnerungen an den letzten Sommer. Da hatte der Laden zu einem Eiscremefest eingeladen. Man servierte vierbeinigen Stammkunden gekühlte Sojasahne mit Hühnchengeschmack. Fast hundert Namen standen auf der Gästeliste, von Fluffy, Puffy, Nicki, Micki bis Zoe und Zora. An jenem Junitag landete der Laden in den Adressbüchern der New Yorker VIPs. Ebenso schnell könnte er wieder in Ungnade fallen, wenn er den Tierchen zu viele Kalorien auflädt. Schließlich ist New York die Stadt der Schlanken. 

Die Hunde sind rank und schlank und knabbern an fettfreien Snacks aus der „Barkery“, einer Bäckerei für Hundekekse in Manhattan. Die Biscuits sind aus Öko-Haferschrot, bunt, verziert und verpackt wie Pralinen, in Form von Sternen, Kreisen und New Yorker Hydranten. An der Kasse von „Canine Styles“ liegen in Griffweite Sushiportionen aus, Röllchen aus Reis und magerem Hühnchenfleisch, umwickelt mit Nori-Seegras, maßgedreht für Hundemägen und nur halb so groß wie die Portionen für Menschen. 

Im Ritzy Canine Carriage House, einer Luxustagesstätte für Hunde in Midtown Manhattan, informieren Angestellte die Tierbesitzer über die tägliche Speisekarte. Den Lieblingen wird zum Lunch Vollwertfleisch gereicht, als Beilage Gemüse und Basmatireis. „Wir führen das Haus wie ein Fünf-Sterne-Hotel“, sagt Ritzy-Chefin Kristina Koch. 

Das Ritzy Canine Carriage House ist ein zweistöckiges Herrschaftshäuschen aus dem 19. Jahrhundert, umgeben von Bank- und Verlagstürmen, von Hast und Lärm und Staub und Stress. Während dort oben Herrchen und Frauchen die Karriereleiter erklimmen, aalen sich hier unten die Hunde unter den Händen einer Masseuse, schlummern oder scharwenzeln in den Spielräumen herum. 

In der Rezeption hängt ein Kronleuchter – „ein europäischer“, darauf besteht Kristina Koch. Eine Concierge empfängt die Tiere und begleitet sie in die zweite Etage. Das Interieur ist in Bordeauxrot gehalten. In den Gängen hängen Gemälde – Hundeporträts – wie in einer Ahnengalerie. Die Spielräume sind karg ausgestattet. In der einen Ecke steht ein Tannenbaum, in der anderen ein Sessel, auf dem ein Mops thront. Er schaut seinen Artgenossen zu, wie sie wandeln, sich beschnuppern und weiterziehen zum nächsten. Ihren Mittagsschlaf verbringen die Tiere in eigenen Bettchen. Die Decken zieren goldene Muster, die Grundfarbe ist ebenfalls Bordeauxrot, der Harmonie wegen. Am Nachmittag öffnen die Betreuer die Tür zum Dach, zu einem Hunde-Zengarten mit Wasserfall. 

Einer bleibt drinnen, ein Labrador, der die „Windsor-Suite“ bewohnt. Den anderen Hunden ist der Zutritt zur Suite verwehrt. Sie enthält ein Sitzkissen, Fressnapf, Gummiknochen und einen Fernseher. Ein Videorekorder spielt gerade ein Tierarztdrama ab. „Er ist ein Einzelgänger, er verträgt sich nicht mit den anderen“, sagt Kristina Koch. Manchmal öffnet das Ritzy seine Räume auch für private Geburtstagspartys. Die Gäste stoßen an und überreichen dem Geburtstagshund Geschenke, die meisten von ihnen verpackt. Kristina Koch: „New Yorker sind verrückt nach Hunden, weil sie keine Kinder haben. Die Rolle der Kinder übertragen sie den Hunden.“ 

In keiner Stadt leben so viele Singles wie in New York. Die Familie zerbröckelt unter dem Karrieredruck, doch hier springt der Hund herbei, fröhlich, naiv, sorgenfrei. Mit dem Hund an der Leine können Singles sich nun „Mutter“ oder „Vater“ nennen. Ein Kind schreit, aber ein Hund schweigt und lässt sich in eine Hundetragetasche aus Fleece und schmalen Ledergurten zwängen wie vor ein paar Jahren in jener Modewelle, in der junge, moderne New Yorkerinnen ihre Pinscher wie Babys vor der Brust trugen. Heute schieben sie Hundewagen durch die Avenuen, die sie bei Hammacher Schlemmer gekauft haben, dem Kaufhaus für Luxushaushaltswaren und alle möglichen Überflüssigkeiten auf der 57th Street, ein paar Häuserblocks von Tiffany entfernt. Der Wagen sieht aus wie eine Hundehütte auf Rädern. Das Material ist aus Leinen, ein Netz spannt sich über den Ausguck. Der Verkäufer lächelt und schätzt die Bedürfnisse des Kunden ab. „Wir haben auch Doppeldecker“, sagt er. 

Zeit ist rar in New York und eine menschliche Beziehung so kompliziert wie die Preisstruktur einer Wall-Street-Aktie. Ein Hund hingegen ist simpel. Ein Hund diskutiert nicht, stellt keine Fragen und gibt nur eine Antwort: „Ja“ ohne Wenn und Aber. Einen Hund kann man verändern, sodass er glücklich macht. Er erfüllt alle Erwartungen ohne Widerspruch und liebt ohne Bedingung. Mit ihm fühlt der Stadtmensch sich komplett. Hunde geben, was in New York so schwer zu gewinnen ist: Bedeutung und Herzen. 

New Yorker behängen sich mit Schmuck, der nach dem Ebenbild ihres Hundes maßgehämmert ist. Andrea Levine, eine Juwelierin aus Wilmington, Delaware, beliefert ihre Kunden in Manhattan mit Schmuck im Profil beliebiger Hunderassen: Broschen in Terrierform, Halsketten mit Dackelanhängern, pudelförmige Ohrringe, Manschettenknöpfe, auf denen Labradorköpfe stecken. Die Diamanten wiegen bis zu einem Karat, meist weiße Pavé-Steine, von Weißgold umfasst. Levine: „Mit dem Schmuck sagen meine Kunden der Welt: Seht her, so liebe ich meinen Hund.“ 

Ein Hund soll duften. Er taucht in Bäder mit Tierfellshampoos, die Mandel-, Orangen- oder Jasminduft suggerieren. Die Produkte tragen Namen wie „Earthbath Mediterranean Magic“ oder „Salon Details Tropical Twist“. Sie übertreffen sich in ihrer Wirkung und erzeugen kleine Sensationen. „Sparkle & Shine“ enthält Joghurt und Honigextrakt und glitzernde Partikel, die das Fell in einen hellen Schleier tauchen. Die Hündin mit dunklem Fell schimmert vor den beleuchteten Schaufenstern der Madison Avenue wie ein Engel. Und wenn sie will, führt „Mutter“ oder „Vater“ sie weiter zu Saks Fifth Avenue, ins Edelkaufhaus gegenüber dem Rockefeller Center und dort in die Parfümerieabteilung. Der Zweibeiner sprüht dem Vierbeiner „Oh My Dog“ aufs Fell, das Hundeparfum aus Paris, das ehemalige Givenchy-Chemiker erschaffen haben. Bald fügt Paul Mitchell, sonst ein Produzent für Menschenshampoo, das Kosmetikum hinzu, auf das alle so aufgeregt warten: Nagellack für Hunde in zwölf Farbtönen. 

Klar, dass die Maniküre nicht die Eitelkeit der Tiere befriedigt. Insgeheim hoffen Herrchen und Frauchen darauf, dass ihr supergepflegter Hund eine Brücke zu anderen Menschen schlagen möge. Sie streben danach, einmal zu einer „Liebeszeremonie“ im Biscuits & Bath Health Club eingeladen zu werden, der Hundeschönheitsfarm auf der Second Avenue. In einem hölzernen Pavillon, direkt neben dem Kunstrasen im zweiten Stock feiern Hunde Hochzeit. Der Raum duftet nach Kaffee, Kuchen und Hundefutter. Die Leute lachen und scherzen, aber als das Brautpaar hereingeführt wird, wird es still. Die Hundebraut trägt eine Spitzenrobe von Vera Wang und der Bräutigam einen schwarzen Umhang von Gucci. Sie posieren für den Hochzeitsfotografen und paradieren an den Gästen vorbei. Man ist zu Tränen gerührt. „Mutter“ und „Vater“ werden einander vorgestellt. Begegnen sich ihre Blicke? Nur flüchtig. Tauschen sie ihre Telefonnummern aus? Zögernd. Rufen sie sich an? Allenfalls, um gemeinsam die Hunde auszuführen. Das Brautpaar muss schließlich mal zusammen sein. 

Für New Yorker ist „Dog“ nichts anderes als „God“ rückwärts buchstabiert, und es scheint, dass die Hunde ahnen, welche Stellung sie im Menschenleben einnehmen. In der Stadt, die so viel Energie auspumpt, die nervös und rastlos ist, bewegen sie sich fast gazellenhaft, tranceartig, zentriert, als nähmen sie heimlich Yogaunterricht. Nirgendwo hört man Bellen oder Knurren. „Die sind hier aufgewachsen, die sind den Krach gewöhnt“, glaubt Medienunternehmer Evans. 

Hellseherin Lauren ist überzeugt, dass die Hunde sich in den Schluchten der Metropole geborgen fühlen: „Die hohen Mauern wirken wie Kissen. Woanders würden sie wahrscheinlich ausflippen.“ 

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