Archiv: In full bloom

Adieu Raufaser. Flamboyante Tapeten sind die Zier des postmodernen Heims. 

Herzlich willkommen in der Comfort Zone. Bitte beachten Sie die betont großformatigen Pflanzenmotive aus dem 18. Jahrhundert an den Wänden der Gästetoilette sowie das Schlafzimmer der Gastgeberin: Bewusst im Ausdruck des Elitären, ziert es eine Wandbespannung aus Seide. Ein weiteres Highlight istdas großflächige Efeumotiv mit Trompe-l’Œil-Effekt im Jugendzimmer, dessen unzweideutig erotische Aussage auf die Interessen des Nachwuchses abgestimmt ist. 

Noch in der Entstehungsphase befindet sich allerdings das kommende Meisterstück des Hauses: An den Wänden des Wohnzimmers wird der niederländische Tapetenkünstler Wouter Dolk eines seiner handgemalten Tapeten-Unikate schaffen – in jahrhundertealter Eitempera-Technik. Nach dessen Fertigstellung werden Papageien- und Tulpenmotive um einen großformatigen Plasmabildschirm von Bang & Olufsen schweben. 

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So sieht sie aus, Deutschlands Schöne Neue Heimat, und wieder einmalverneigt man sich tief vor der Tapete.Die ist längst über den Trend hinausgewachsen, als den man sie 2002 und 2003 medial zur Kenntnis nahm, und hat sich im Mainstream etabliert. Alles neu und anders will sie machen und sich gar selbst neu erfinden, ohne dabei nur für einen Moment ihre historischen Bezüge aus dem Auge zu verlieren. Im Gegenteil. Nie waren diese Referenzen in den vergangenen Dekaden deutlicher sichtbar als heute. 

Nackte Wände, kahl gezogen, rau verputzt, offen gelegt bis aufs nackte Mauerwerk, so lebte man in den vorangeschrittenen Achtzigern und fast den gesamten Neunzigern. Fast konnte man glauben, die als spießig enttarnte Tapete hätte der Bann getroffen. Ausgelöst hatte diesen Niedergang ausgerechnet die demokratischste aller Tapeten, die Raufasertapete – so funktional wie Furcht erregend stilfrei. 

Doch Ende der Neunzigerjahre – nach ein paar global wirksamen Nackenschlägen auf die Seele des konsumorientierten Abendländers – folgte die Rückbesinnung aufs kuschelig und elegant dekorierte heimische Nest. Der oft zitierte gesellschaftliche Wertewandel bezieht künstlerische Darstellungsformen eben mit ein. Auch die neue Form der Wanddekoration ist Teil dieses Ausdrucks. 

„Es war doch so: Man brauchte nur Tapete zu sagen, und schon dachten die Leute an niedliche Blümchenmuster, süßliche Landschaftsimpressionen oder zickige viktorianische Drucke – eben alles, was sie von Oma noch in Erinnerung hatten“, sagt der amerikanische Inneneinrichter Kimberly Fosterling, Mitglied der in Chicago ansässigen Wallcoverings Association. Heute sei die Tapete dank neuer Strukturen, natürlicher Farben und intelligentem Design das Produkt der Wahl, wenn es ums Einrichten geht. Seine Kunden, sagt er, wollen ihrem Zuhause einen Look geben: „Tapeten sind der dekorative Touch, der einen Raum zusammenhält und ihm Charakter gibt.“ 

Tapeten sind Kopien – genauer gesagt, Kopien von Kopien. Historisch betrachtet ist die Tapete die Weiterführung textiler Dekorationen – der Tapisserie, der Wandteppiche, der Wandbespannung – mit preiswerten, weil industriell produzierenden Mitteln. Tapeten brachten die Motive aus Flora und Fauna, die Jagdszenen und höfischen Abbildungen, die Ornamentik und selbst die Eigenschaften der Gewebe über den Druck auf Papier. 

Muster aus Blättern, Blumen und Früchten, wie sie über die Jahrhunderte variiert wurden, und Klassiker der Stoffherstellung wie Seide, Gesticktes und Gewebtes geben auch in diesen Tagen die stärksten und interessantesten Impulse in der Wandgestaltung. Dabei kommen so viele unterschiedliche Einflüsse zu einem Markt zusammen, dass von konkreten Stildiktaten nicht die Rede sein kann. Erlaubt ist, was dem Raum gefällt. 

Da reagiert etwa die minimale Ästhetik eines urbanen Townhouses gefällig auf den Stilbruch mit punktuell eingesetzten, von Experten strategisch platzierten Tapetenbahnen des so vornehmen wie konservativen US-Traditionshauses Farrow & Ball; da wagt der Hamburger Inneneinrichter Volker Hartmann von „Scala Wohnen“ für Bad und Schlafzimmer eines französischen Landhauses den Einsatz eines Panneaus der elsässischen Manufaktur Zuber – „ein sehr elitärer Ansatz“. Struktur findet ebenso Anklang wie der Einsatz metallischer Töne. Und wer das wahrhaft Einmalige sucht, kann selbst in einer ausnehmend modernen, großstädtischen Wohnwelt ein Fenster zur wahren Kunst aufstoßen. Mit einer Order bei Wouter Dolk. 

Seine Eitempera-Werke, inspiriert vom künstlerischen Leitmotiv des Hortus conclusus, des Paradiesgartens, werden in 20 gemalten Schichten auf ein Tapetenvlies aus Polyester oder auf Leinwand gezogen, um anschließend an die Wand gespannt zu werden. Solcher Genuss bleibt dem üblich kleinen Zirkel Eingeweihter vorbehalten. 

Der Künstler sieht seine Arbeit eher als eine „Option für private Investoren, die völlig überzeugt sind von der Qualität der Malerei“ – für Kunden also, die etwas Einmaliges zu schätzen wissen, das speziell für diesen Raum und diese Person geschaffen wurde. „Bei öffentlichen Räumen wollen oft zu viele Leute mitreden“, findet Dolk, das erschwere die Entscheidung, so eine Installation zu bestellen. Schwer dürfte vor allem die Entscheidung für 750 bis 1000 Euro pro Quadratmeter Wanddekoration fallen. 

Einen Hunger auf echte Materialien und Formen, wahrscheinlich als Reaktion auf die immer stärker werdende virtuelle Computerwelt, glaubt Tapetenkünstler Dolk beim Publikum zu erkennen; so jedenfalls interpretiert er den Trend zur Ornamentik und dramatischen Inszenierung von Wänden: „Viele Leute müssen täglich Stunden in dieser Welt leben und sehnen sich nach etwas Spürbarem und Echtem.“ 

Der Markt steht jedem Geschmack und allen Stilen offen, bedient kleines und großes Budget. Rangieren am oberen Ende der Ansprüche und finanziellen Möglichkeiten Arbeiten wie die von Wouter Dolk, so bringt der britische Modeschöpfer Matthew Williamson für Habitat als „Very Important Product“ eine bunte Blumenwelt zu knapp 30 Euro pro Rolle auf die Papierbahn. In dem lebendigen, breiten Angebotsfeld dazwischen erleben Traditionsmarken einen Boom, während eine wachsende Zahl junger Designer und Künstler ihre Vision von Wandgestaltung zu Papier bringt. 

Provozierend wirken Entwürfe des Glasgower Designerduos Timorous Beasties, das mit Siebdruckschablonen und Handpresse kleinste Editionen von enormer künstlerischer Durchschlagskraft fertigt. Ihre Interpretation des „London Toile“ nannten Alistair McAuley und Paul Simmons „Glasgow Toile“: Die traditionelle Bilderwelt eines flanierenden Großbürgertums bevölkerten die Designer frech mit Junkies, Parkräubern und Obdachlosen. 

Le style, c’est moi – analog zu den Tagen der Aufklärung entwickelt auch heute der Einzelne wieder Geschmack am eigenen Stil. Heute wie damals ist die stilistische Abkehr von den politischen Eliten zu beobachten, die einst auch die ästhetischen Eliten waren. Und heute wie einst findet das Gestalterische seinen Ausdruck im Barocken, Opulenten, Verspielten – kurz: im kreativen Ungehorsam. 

Gabriele Underberg, Fachkraft des Hamburger Inneneinrichters Haute Deco Interiors, bringt die Renaissance der Tapete sogar zeitlich mit dem Zusammenbruch der DDR in Verbindung: „Der Trend nahm im Osten seinen Anfang, als dort die Wiederherstellung der alten Herrenhäuser einsetzte. Mittlerweile haben wir Anfragen aus ganz Europa, vereinzelt sogar aus dem Nahen Osten.“ Der dekorative Demokratisierungsprozess scheint indes abgeschlossen: „Der Trend macht sich im größeren Umfang dadurch bemerkbar, dass auch Hersteller billigerer Tapeten diese opulenten Designs aufgreifen.“ 

Wer mag, der kann sich im Internet sogar selbst als Tapetenkünstler versuchen. Online-Designhäuser wie www.varifun.de erkennen die Zeichen der Zeit und bieten modulare Entwurfssysteme zur Eigengestaltung von Tapeten an. Als Option stellen sie auch echte Kunst, zur Tapete gedruckt, ins Netz. 

Vor ein paar Jahren hatte der dekorative Minimalismus, in den Neunzigern noch ein Abgrenzungsmerkmal der Oberschicht, die Massen erreicht. Jetzt wiederholt sich die Entwicklung bei den opulenten Tapeten. Bleibt die Frage, was die Stil-Elite sich als Nächstes einfallen lässt, um sich vom Massengeschmack abzuheben. Einrichter Hartmann glaubt, den nächsten Trend bereits entdeckt zu haben: „Wandbespannungen mit kostbaren Stoffen und in traditionellen Drucken werden die Tapete ablösen.“ 

Allerdings, so gibt der Dekorations-spezialist zu bedenken, gebe es nur noch ganz wenige Menschen, die dieses Handwerk wirklich beherrschen. Umso besser. Hat es je ein besseres Kriterium für Exklusivität gegeben? 

Alke von Kruszynski 

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