Archiv: Innige Begegnung

Mode und Kunst kommen sich immer näher, wie das Beispiel Louis Vuitton zeigt. Die kreative Symbiose macht Sinn. 

Welch ein Schnitt! Krasser könnte er nicht sein: Aus dem Füllhorn der Verlockungen in den Orkus, in die bleiern schweigende Unterwelt des schwärzesten Schwarz. Undurchdringliche Dunkelheit und vollkommene Stille umgeben den Besucher, wenn er aus dem Herzen des Luxus, dem neuen Pariser Superstore von Louis Vuitton, in den Lift tritt, den Olafur Eliasson dort in der Reisegepäck-Abteilung, exakt in der Mitte des Shopping-Tempels, einbauen ließ. 

Der dänische Starkünstler, wollte „ein Vakuum herstellen, das einen vom Universum der Marke abschneidet“. Tatsächlich ist die komplett schallgedämpfte, mit schwarzem Filz gepolsterte Aufzugkabine das bisher vielleicht spektakulärste Ergebnis der zahlreichen Begegnungen von Kunst und Mode. Als denkbar drastischster Fremdkörper im Paradies der Warenwelt negiert Eliassons Non-Skulptur „Your loss of senses“ ihre Umgebung radikal. Die eindrucksvolle Aufzug-Installtion des Dänen führt aufwärts in die gleißende Helligkeit des „Espace Louis Vuitton“. 

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Die neue, 400 Quadratmeter große Galerie auf der 7. Etage des Kaufhauses ist eine majestätische Rotunde mit Panoramablick über das feine Paris. Vanessa Beecroft, die US-Performancekünstlerin und Queen raffiniert-unterkühlter Erotik, eröffnete die Galerie mit einer Ausstellung, zu der dem einen oder anderen Vernissagengast als Erstes das Wort Auftragskunst einfiel. 

In einem in die Rotunde eingebauten mehrstöckigen Regal saßen, knieten, kauerten und lagen 30 dunkel- und weißhäutige Models, bekleidet mit Dessous und High Heels, deren angenähte Taftbänder bis zu den Oberschenkeln überkreuz geschnürt waren. Beecroft hatte die Models als Accessoires arrangiert, als Objekte, die nach Gebrauch ausgetauscht oder beiseite gelegt werden. 

„Hat Louis Vuitton mich benutzt?“, sinniert sie. Ihre Antwort ist ein klares Ja; der Tarif sei sogar relativ günstig ausgefallen, da Vuitton für die Installation nicht mehr bezahlen musste als ein Museum. Na und? „Ich mag es, benutzt zu werden“, sagt die Künstlerin, der die Warenfülle der Kaufhäuser zuweilen wie „ein Kriegsgebiet“ vorkommt. 

Auf diesem „Kampfschauplatz“ erlesener Konsumkultur also inszenierte Beecroft zusätzlich zu einem Video und einem Panoramafoto von der Performance ihre Arbeit „Alphabet Concept“: 13-mal, das Logo eingeschlossen, buchstabierte sie den Namen des Unternehmens aus nackten weiblichen Körpern nach. Auf den großformatigen Aufnahmen abstrahieren sich die Körper dann zu Chiffren. 

Ist es Beecrofts Leistung, die Annäherung von Kunst und Mode bis zum äußersten Punkt getrieben zu haben, so setzte Eliasson den stärkstmöglichen Kontrapunkt. Der Däne setzte seinen künstlerischen Ehrgeiz daran, „auf die Hierarchie eines Imperiums mit der eigenen Sprache zu antworten“. 

Wie nicht anders zu erwarten, löste die Vuitton-Initiative in der Kunstszene eine heftige Diskussion über die Instrumentalisierung von Kunst aus. Als Kampf von „David gegen Goliath“ beschreibt die amerikanische Künstlerin Lisa Ruyter das Risiko einer solchen Zusammenarbeit: „Wie soll sich ein einzelner Künstler gegen eine mächtige Marke behaupten können?“, fragt sie. 

„Wenn die Allianz zu eng ausfällt, wird es kitschig“, findet der Galerist und Direktor der Kunstmesse „Fine Art Fair Frankfurt“, Michael Neff. Ihn stört „der Mangel an Distanz, Kritikfähigkeit und Identität“ beider Partner. Marc Payot, Direktor der Züricher Galerie Hauser & Wirth, findet es „problematisch, wenn Kunst mit Lifestyle gleichgesetzt wird“. Sein Berliner Kollege Guido Baudach hält die Annährung für harmlos. Die Kunst, so Baudach, bleibe „von derlei Versuchen der Vereinnahmung im Kern unberührt“. 

Diese Überzeugung teilt, kaum verwunderlich, Yves Carcelle, der Chef von Louis Vuitton. Ein Luxushaus könne durchaus ein Vehikel sein, um dem Publikum Kunst, vor allem zeitgenössische Kunst, näher zu bringen, sagt der Manager. „Museen schüchtern ihre Besucher zuweilen ein, man wagt dort kaum, laut zu sprechen“, findet Carcelle, „bei uns dagegen darf man lachen und tratschen, und diese Atmosphäre erzeugt eine andere Beziehung zur Kunst.“ Doch welche? Weniger ehrfurchtsvoll? Mehr produktorientiert? 

Etwas scheinheilig klingt jedenfalls das Argument, Kunst in Verkaufsräumen könnte zu leicht mit den Objets du désir verwechselt werden, die das große Geld bringen, oder Kunst im Kaufhaus drohe zum Werbeartikel für Produkte degradiert zu werden. Die Definition von Kunst und Mode als klassischen Gegenwelten ist hinfällig. 

Indem es sich den „Stachel“ der Kunst gewissermaßen ins eigene Fleisch des Kommerzes implantiert, kann ein Unternehmen sogar neue kreative Kompetenz gewinnen. „Manchmal entstehen die interessantesten Resultate gerade in solchen sensiblen, fast gefährlichen Situationen, die sich durch eine enge Zusammenarbeit und Auseinandersetzung von Kunst und kommerzieller Kultur auszeichnen“, sagt Max Hollein, Direktor der Schirn Kunsthalle und des Städel'schen Kunstinstituts in Frankfurt. 

Wer den neuen, 1800 Quadratmeter großen Vuitton-Laden in Paris betritt, dessen Blick findet inmitten des impressionistischen Geflimmers der wie Reliquien in Stellagen zelebrierten Lederwaren einen Ruhepunkt in der über den Dingen schwebenden Lichtinstallation „First Blush“ des amerikanischen Künstlers James Turrell. Ob die Leuchtrhythmen der Installation die Kaufentscheidungen der Kunden beeinflussen, sei dahingestellt. 

Der weitere Bummel durch denStore, den die beiden Architekten Peter Marino und Eric Carlson als Terrassenlandschaft über drei Etagen konzipierten, führt bald zu einer langen Rolltreppe, über deren Wände die Videoarbeit „Alpha“ des US-Künstlers Tim White-Sobieski flutet wie eine psychedelische Unterwassertapete. Auch hier dürfte sich schwer nachweisen lassen, dass das Kunstwerk die Kunden tatsächlich zum Erwerb von Schuhen oder Kleidern in der betreffenden Abteilung animiert. 

Ist das die angemessene Art, Kunst zu präsentieren? Ja, denn beide Arbeiten wurden eigens für diesen Ort entwickelt. Sie sind dekorativ, ohne ihre Handschrift zu verraten. Künstler White-Sobieski und LVMH-Präsident Bernard Arnault sind sich einig, dass „die Kunst nicht mit den Verkaufsräumen verquickt wurde“, wie Arnault es formuliert. Der Manager sammelt selbst seit vielen Jahren Kunst der klassischen Moderne bis zur Gegenwart. 

Ausgeprägt ist auch die Kunstleidenschaft von LV-Chefdesigner Marc Jacobs. Er ist mit Künstlern wie Elizabeth Peyton und Juergen Teller befreundet und besucht jedes Jahr Messen wie die Art Basel und die Frieze Art Fair. Interesse an der Avantgarde-Kunst legte das Unternehmen schon seit seinen Anfängen Mitte des 19. Jahrhunderts an den Tag. Seit rund 20 Jahren kooperiert Louis Vuitton im Bereich der Produktgestaltung mit Künstlern wie Arman, César oder James Rosenquist, die zum Beispiel für eine Kollektion Seidentücher entwarfen. Doch erst mit Beginn des neuen Jahrtausends intensiviert das Haus seine künstlerischen Ambitionen. 

So gestaltete Robert Wilson 2002 die Weihnachtsschaufenster; 2004 war Ugo Rondinone für die Weihnachtsdekoration verantwortlich. Schon 2001 waren Koffer von Louis Vuitton, auf die Jacobs Künstlerfreund Stephen Sprouse Graffiti gesprüht hatte, zum Kultgepäck avanciert. Ein Sensationserfolg wurde die Kirschen-Tasche, die der Japaner Takashi Murakami der Marke 2004 zum 150. Geburtstag bescherte. Im kommenden Herbst werden im Espace Louis Vuitton neue Icon Bags weiterer Künstler, darunter Sylvie Fleury, zu sehen sein. 

Natürlich ist derart artistisches Product Placement nichts Neues; im Übermaß betrieben, kann es sogar langweilig werden. Immerhin engagieren sich Konkurrenten wie Prada, Cartier oder Trussardi seit Jahren konsequent mit eigenen Kunststiftungen einschließlich eigener Ausstellungshäuser. Andere Modeunternehmen wie Max Mara vergeben Preise an den künstlerischen Nachwuchs. Diesen Modellen stellt Louis Vuitton nun ein weiteres zur Seite, das die Beziehung zwischen Kunst und Mode noch durchlässiger und hybrider macht. Alles deutet darauf hin, dass dieses Experiment eine viel versprechende Zukunft hat. 

Eva Karcher 

Espace Louis Vuitton 60, rue de Bassano/101, avenue des Champs-Élysées, Tel. 00 33/1/53 57 52 03, www.louisvuitton.com. 

Aktuelle Ausstellung: L’Inde dans tous les sens, 5. Mai bis 25. August. 

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